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Göttinger Gerichtsreporter sind eine aussterbende Spezies

Seit 25 Jahren in großen und auch in kleinen Prozessen Göttinger Gerichtsreporter sind eine aussterbende Spezies

Das Göttinger Tageblatt wird 125 Jahre alt. Zu diesem Jubiläum erscheint wöchentlich eine Tageblatt-Zeitreise. Heute Jürgen Gückel über 25 Jahre Berichterstattung aus dem Gerichtssaal.

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Arbeitsplätze des Gerichtsreporters: Amtsgericht (links), Land- und Arbeitsgericht (rechts) sowie das Verwaltungsgericht (oben links).

Quelle: Vetter

Göttingen. „Das wird gelesen.“ Was kann sich ein Journalist Schöneres wünschen? Gerichtsberichte gehören in jeder Studie über Tageszeitungskonsum zu jenen Textarten, die beim Leser gut ankommen.

Dennoch ist der reine Gerichtsreporter eine aussterbende Spezies. Nur noch wenige Zeitungen gönnen sich wie das Tageblatt einen Kollegen, der sich (neben Polizeiberichten) auf Justiz spezialisiert hat.

Warum? Weil Gerichtsberichte Zeit kosten, mitunter viel Zeit. 99 Verhandlungstage hat Mitte der 90er-Jahre der Aidsblut-Prozess am Landgericht Göttingen gegen einen Laborarzt gedauert, der Blutplasma nicht auf HIV-Erreger prüfte. 37 Verhandlungstage waren es im Lokhallen-Mordfall, dessen Urteil schon beraten war, als am Tag vor Urteilsverkündung eine Schöffin tot vom Pferd fiel und alles neu verhandelt werden musste. Nochmals 24 Tage lang.

Adenauer-Lokaljournalistenpreis erhalten

Alle diese Prozesse hat der Autor dieser Zeilen miterlebt und darüber geschrieben. Seit April 1996 ist er Gerichtsreporter in Göttingen, zuvor schon als Korrespondent verschiedener Madsack-Zeitungen in Braunschweig. Zum Start in Göttingen hat er sich die Justiz in einer ganzjährigen Serie über alle Facetten von ersten Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft bis zu Haft und Maßregelvollzug erarbeitet.

Die Serie wurde mit dem Adenauer-Lokaljournalistenpreis ausgezeichnet.

Von journalistischen Höhepunkten dieser Art bis zu Tiefpunkten – viel war zu erleben in diesen 25 Jahren. Gar eine Rüge des Presserates, damals noch für eine andere Zeitung. Kollegen hatten beim Umschreiben eines Korrespondentenberichts aus dem Zitat eines Richters eine Tatsachenbehauptung gemacht: eindeutig diskriminierend.

In einem anderen Fall, als sich die Tageblattredaktion entschlossen hatte, die ethnische Zugehörigkeit zweier verfeindeter Familien beim Namen zu nennen, gab es einen „Hinweis“ des Presserates, die mildeste Form der Beanstandung. Dennoch entschieden wir uns erneut zur Nennung – aus gutem Grund, wie sich im späteren Verfahren bewies. Vieles wäre andernfalls für den Leser irreführend geblieben.

„Don Quichotte“

Die Entscheidung, was man berichtet, was man weglässt, ist oft heikel. Die juristischen Auseinandersetzungen, speziell wegen Berichten aus Gerichtssälen, gehen in die  Dutzende: Unterlassungserklärungen, Gegendarstellungen, Schadensersatzklagen. Einzig ein paar des lieben Friedens willen unterzeichnete Unterlassungen zählen zu den juristischen Eingeständnissen.

Selbst die Strafanzeigen gegen den Gerichtsreporter, bisher neun, wurden allesamt eingestellt. So hatte mich etwa ein ehemaliger Rechtsanwalt, den ich unbeanstandet „juristischen Geisterfahrer“ genannt hatte, wegen Beleidigung angezeigt, weil ich über ihn auch geschrieben hatte, er kämpfe als „Don Quichotte“ gegen die Mehrwertsteuer. Ihm war nachzuweisen, dass er selbst sich so genannt hatte.

Auf die Anzeige einer Frau, die ich ohne Namensnennung „Prostituierte“ betitelt hatte, ermittelte die Staatsanwaltschaft ein Jahr lang wegen Beleidigung. Als ich nachfragte, wie man eine Frau, die laut Aussage ihres Freundes „einen Luden“ brauchte, die „Erfahrung mit Protztituzon“ hatte und vor deren Tür „die Freier gezählt“ wurden, wohl sonst nennen könnte, wurde das Verfahren eingestellt.

Serie „Aus dem Amtsgericht“

Doch es sind gar nicht die spektakulären Prozesse wie die Schwarze Witwe, der doppelte Kindermord (beide in Bodenfelde) oder jetzt der Transplantations-Prozess, die den Gerichtsreporter wirklich herausfordern. Viel besser noch und unterhaltsamer lässt sich das Wirken der Strafjustiz, das Ringen um Gerechtigkeit, die Suche nach Wahrheit in den kleinen Prozessen vor dem Amtsrichter vermitteln.

Deshalb die Serie „Aus dem Amtsgericht“, in der auch die Fälle Raum finden, mit denen sich viele Menschen identifizieren können: Sind wir gefeit, auch einmal als Unfallfahrer oder wegen Fundunterschlagung vor dem Richter zu landen? Können wir nicht auch in falschen Verdacht geraten? Würden wir für unsere Kinder im Gericht lügen?

Und woher erfährt die Zeitung von all den interessanten, den manchmal lustigen, den oft verstörenden Fällen, die verhandelt weden? Aus der Pressevorschau, die die Pressesprecherin des Landgerichts, Cornelia Marahrens, und ihr Kollege vom Amtsgericht, Stefan Scherrer, den Medien liefern. Dazu noch durch viele Tipps, die eine Zeitung nur bekommt, wenn der Gerichtsreporter auch viel Zeit bei Gericht verbringt.

Und welcher Fall hat besonders berührt? Ein ganz kleiner. Eine einwöchige Busreise lang hat ein älteres Ehepaar meine Nähe gemieden, fühlte sich sichtlich unwohl. Am letzten Tag trauten sie sich: „Sie kennen uns. Wir sind verurteilt worden, und sie haben darüber geschrieben.“ Sie hatten für ihre Tochter gelogen. Ich hatte sie nicht wiedererkannt, weil ich ohne Ansehen der Person berichte.

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