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Reisigbesen sorgt fürs Sprenkelmuster

Bedrohte Bücher-Schätze, Folge 4 Reisigbesen sorgt fürs Sprenkelmuster

Martha Taylor muss über außergewöhnliche Reserven verfügt haben, wenn man der Schrift glauben will, die im Jahr 1669 über die Frau aus Bakewell im englischen Derbyshire erschienen ist. Danach soll die junge Frau ein Jahr lang ohne zu essen und zu trinken überlebt haben. Das Bändchen von John Reynolds hat es in den Bestand der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen geschafft. Und dort hat das Traktat offensichtlich immer wieder Leser gefunden, weil es starke Schäden aufweist, die auch durch Benutzung eingetreten sein könnten. 

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Macht die alten Bücher wieder nutzbar: Johanna Kaul in der Werkstatt.

Quelle: Hinzmann

Der Band von Reynolds, von ihm ihm dem Arzt und Mitglied der Royal Society Walter Needham gewidmet, ist eines von 46 Büchern auf der aktuellen „Liste der bedrohten Schätze“. Sie umfasst Bücher, die mit den Mitteln aus dem Budget der SUB nicht restauriert werden können, aber wieder nutzbar gemacht werden sollen. Nun werden Buchpaten gesucht, die die Kosten übernehmen. Für 20 andere Objekte gibt es bereits Paten.

Nur mit Naturstoffen

Der Reynolds-Band in englischer Sprache benötigt eine neue Heftung und einen neuen Halblederband. Solche Arbeiten erledigt in der Werkstatt der SUB auch Johanna Kaul, die für die Sanierung der Bücher in der Forschungsbibliothek im Heyne-Lesesaal zuständig ist. „Ein beschädigtes Kapital ist der häufigste Bücherschaden, der durch intensive Benutzung entsteht“, erklärt Kaul. Sie hat stapelweise Bücher an ihrem Arbeitsplatz liegen, die auseinandergenommen werden, neu geheftet werden sowie neue Deckel und Rücken erhalten. „Bei Büchern, die viel benutzt werden ist auch der Vorderdeckel meistens beschädigt“, sagt Kaul und zeigt jede Menge Exemplare, die an den entsprechenden Stellen stark beschädigt sind.

Ziel der Buchrestauratoren ist es hierbei „nicht, die Bücher wieder wie neu aussehen zu lassen, sondern sie nutzbar zu machen“, beschreibt Dr. Helmut Rohlfing die Arbeit. Der Leiter der SUB-Abteilung Spezialsammlungen und Bestandserhaltung betont aber auch andere Maßstäbe zur Erhaltung der alten Bücher. So werde bei der Restaurierung „nur mit reversiblen Materialien und nur mit Naturstoffen gearbeitet, wie es historisch üblich war.“ Deshalb hat so manche Restaurierung ihren Preis. Während der Reynolds-Band mit bis zu 560 Euro kalkuliert ist, wird die Restaurierung des einen oder anderen Objekts von der „Liste der bedrohten Schätze“ mehr als 1000 Euro und bis zu 5000 Euro kosten. 

Wie die Schale vom Kiebitz-Ei

Beim Reynolds-Band wird der Buchblock aus dem Einband gelöst und die Heftung ergänzt oder erneuert werden. Und dann bekommt das schmale Werk einen neuen Halblederband. Das heißt, Leder für den Rücken und für die Buchdeckel Kiebitzmarmorpapier. Dieses für die Göttinger Universitätsbibliothek typische Einbandpapier erinnert an das Aussehen der Schalen von Kiebitz-Eiern: gesprenkelt. Augetragen werden die Sprenkel auf dem Kleisterpapier mit kleinen Reisigbesen, die in der SUB-Werkstatt in Bündeln lagern und verschiedene Farbspuren aufweisen. 

Martha Taylor übrigens, deren zwölfmonatige Fastenzeit Reynolds beschreibt, hat keinesfalls nichts zu sich genommen. Sirup, Wasser und Zucker sowie der Saft von getrockneten Rosinen werden im „A Discourse Upon Prodigious Abstinence“ erwähnt als Taylors Nahrung und der Hinweis „&c.“ am Ende der Aufzählung. Mit mehr als nur Luft und Liebe dürfte Martha ihre Fastenzeit überstanden haben.

Von Angela Brünjes

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