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Bürgerprotest gegen „widerliche Koch-Röhre“

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 6 Bürgerprotest gegen „widerliche Koch-Röhre“

Der Gaußturm wird in den kommenden Monaten saniert. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Geschichte vor.

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Zugang aus Leichtmetall: Ihn erhielt der Turm Jahre später.

Quelle: EF

Sechs Meter tief in den Boden reicht das Fundament des neuen, im Oktober 1964 fertiggestellten Gaußturms. Die Braunschweiger Firma Lucks & Co. errichtete das Bauwerk nach einem Entwurf des Kasseler Architekturprofessors Mathern. Die Arbeiter verwendeten Gleitschalungen. Sie verbanden die senkrecht stehenden Stahlträger jeweils mit horizontal verlaufenden Rundeisen und schütteten Beton auf. 

„Als der Turm nach elf Monaten Bauzeit fertig war, knallte es“, erinnert sich Stadtarchivar Friedrich Rehkop. Über die ganze Höhe riss der Beton. „Die Firma hatte die Dehnungsfuge vergessen“, erklärt Architekt Ralf Weitemeier. Unter seiner Leitung wird der Turm derzeit saniert. Der entstandene Riss, der bis heute zu sehen ist, wurde seinerzeit umgehend verfüllt.   

Die Kosten für den Trumbau musste das Basaltwerk auf dem Hohen Hagen tragen. So sah es der Vergleich vor, der 1962 vor dem Oberverwaltungsgericht Celle geschlossen worden war. Die obere, 45 Meter hohe Plattform hat die gleiche Höhe über dem Meeresspiegel (528 Meter) wie die Galerie des alten Turms. Der war zwar niedriger, stand aber an einer höheren Stelle. 

Die Plattform des neuen Gaußturms lässt sich bequem per Fahrstuhl in 55 Sekunden erreichen. Beschwerlicher ist der Aufstieg über die 225 Stufen der Nottreppe. Die Plattform ist offen. An ihrer Brüstung sind die originalen Orientierungstafeln aus Kupfer des alten Turms angebracht. 

Die untere Plattform, die sich in 14,5 Meter Höhe befindet, konnte jahrelang nicht genutzt werden. „Die Stadt hatte nämlich zur Verärgerung des Verschönerungsvereins auf die Aufschüttung eines zweiten Zugangs verzichtet“, so Archivar Rehkop. Ohne diesen untersagte aber die Verwaltung eine Bewirtschaftung. 1977 bekam die untere Plattform immerhin eine Rundumverglasung. 

Bewegung kam erst 1986 in die Angelegenheit, nachdem die Bergbauarbeiten eingestellt worden waren. Der Landkreis regte bei einem Ortstermin an, Bodenaushub der Bundesbahn für die Aufschüttung eines Hügels zu nutzen. Damals wurde die ICE-Trasse Hannover-Würzburg gebaut. Ein Teil des Aushubs wurde bereits zur Rekultivierung des Basaltsteinbruchs verwendet. Von dem Hügel, der daraufhin entstand, führt eine flexible Gangway aus Leichtmetall hinüber zur unteren Plattform. Sie hält die windbedingten Bewegungen des Turms aus. Seit 1989 können Besucher auf der Plattform Kaffee trinken.   

Antenne für die Polizei

Oben auf dem Turm befindet sich ein Funkraum sowie eine zehn Meter hohe Antenne. Sie wird von der Polizei und dem Katastrophenschutz, von Amateurfunkern und einem Mobilfunkbetreiber genutzt. Im Sockelgeschoss befindet sich ein derzeit nur als Abstellraum genutzter Kiosk sowie sanitäre Anlagen.  

Neben dem Turm entstand ein kleines Gebäude, das ursprünglich das Gaußzimmer beherbergen sollte. Tatsächlich richtete die Gauß-Gesellschaft Göttingen dort im September 1977 ein solches Zimmer ein. Es erwies sich jedoch aufgrund hoher Luftfeuchtigkeit als ungeeignet. „Die Wände sind kaum isoliert“, schimpft Stadtarchivar Rehkop. Die Exponate wurden daher in das Heimatmuseum der Stadt Dransfeld überführt. Demnächst soll in einem Nebenraum der neuen Samtgemeinde-Bibliothek ein Gaußzimmer entstehen. 

„Die Zerstörung des alten Gaußturms hat bei den Dransfeldern tiefe Wunden hinterlassen“, meint Günther Zamponi. Der ehemalige CDU-Ratsherr erinnert sich, wie Menschen unter Anspielung auf den Betriebsleiter des Basaltwerks, Klaus Koch, von der „widerlichen Koch-Röhre“ sprachen. Andere spotten mit Blick auf den DDR-Plattenbaustil von „Dresdener Barock“.

„Unglaublich schlank“

Architekt Weitemeier wehrt sich gegen solche abfälligen Bemerkungen. Der Turm habe seine „architektonische Berechtigung“, erklärt er. In den 60er Jahren seien die Menschen fasziniert von diesem „unglaublich schlanken“ Bauwerk gewesen. Erst die Erfindung des Betons hätte solche Türme ermöglicht. Der Funkturm auf dem Osterberg bei Bovenden sei im gleichen Stil errichtet worden. Unbestritten ist, dass der neue Turm nie die touristische Bedeutung des Vorgängerbaus erreichte. 

                                                                                                                   Von Michael Caspar

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