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Gauß vermisst das Königreich vom Hohen Hagen aus

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 11 Gauß vermisst das Königreich vom Hohen Hagen aus

Der Gaußturm wird in den kommenden Monaten saniert. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Geschichte vor.

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Das von Gauß erfundene Heliotrop: Bild aus einer Ausstellung im Alten Rathaus.

Quelle: BB

Vor Gott ist’s am Ende auch einerlei, ob wir die Lage eines Kirchturmes auf einen Fuß oder die eines Sterns auf eine Sekunde bestimmt haben.“ So lakonisch äußerte sich 1822 der damals 45-jährige Göttinger Professor für Astronomie Carl Friedrich Gauß in einem Brief. Der Direktor der Sternwarte hatte 1820 von König Georg IV. den Auftrag erhalten, das Königreich Hannover zu vermessen. Ausgangspunkt der Arbeiten war der Hohe Hagen. Daran erinnert der Namen des Gaußturms.

Den Vermessungsauftrag hatte der Göttinger Professor dem dänischen Astronomen Heinrich Christian Schumacher zu verdanken, berichtet Biograf Horst Michling in seinem Buch „Carl Friedrich Gauß – Episoden aus dem Leben des Princeps Mathematicorum“. Schumacher leitete die Sternwarte in Kopenhagen. 

Erdkrümmung

Weil er diese jedoch als „eine der erbärmlichsten Europas“ betrachtete, suchte er sich andere Aufgaben. Er beschloss die Form des Himmelskörpers Erde durch Landvermessungen zu ermitteln. Seine Idee war, mittels eines sogenannten Dreiecksnetzes von Jütland bis Sizilien Rückschlüsse auf die Krümmung des Planeten zu ziehen. 

Mit der Landvermessung hatten sich bereits in der Antike Ägypter und Griechen befasst. Im Mittelalter führten die Araber diese Studien weiter. Anfang des 17. Jahrhunderts lieferte der niederländische Mathematiker Willebrord Snell van Rojen die Grundlagen für die Erdvermessung mit Hilfe der Triangulation. Mit ihr lassen sich aus zwei Winkeln eines Dreiecks und der Länge einer Seite die Längen der anderen Seiten berechnen. 

Mittels dieses Verfahrens vermaß nun Schumacher das Gebiet zwischen Jütland und Hamburg. Er konnte den König von Hannover davon überzeugen, die Messungen von Hamburg aus bis an die Grenze von Hessen und Thüringen fortzusetzen. Der König übertrug diese Aufgabe Gauß. Der gebürtige Braunschweiger hatte 1799 in Göttingen promoviert und forschte seit 1807 an der Universität als Professor. 

Die Vermessung des Königreichs zwischen Hohem Hagen und Hamburger Michel erwies sich als zeitaufwändig und technisch schwierig. In den fünf Sommern von 1821 bis 1825 kletterte Gauß auf Berge und Kirchtürme, um über möglichst weite Distanzen zu messen. Oft musste er tagelang warten, bis gute Sichtverhältnisse herrschten. Schlechte Straßenverbindungen und primitive Übernachtungsmöglichkeiten verlangten dem Gelehrten einiges an Leidensfähigkeit ab, schreibt Michling. 

Messung mit Sextanten

Gauß arbeitete zunächst mit einem Theodolithen (Sextant). Das ist ein Winkelmessgerät, das mit einem Fernrohr versehen ist. Beim Anpeilen eines Messpunkts in der Lüneburger Heide erinnerte sich Gauß an ein Erlebnis in Hamburg. Dort war er von Sonnenlicht geblendet worden, dass sich in einer Fensterscheibe des Michaelisturms spiegelte. Gauß baute daraufhin seinen Sextanten so um, dass er das Sonnenlicht mittels eines Spiegels in eine definierte Richtung reflektierte. Der Heliotrop war erfunden. 

Das erhobene Datenmaterial ließ der Professor in den kommenden Jahren durch weitere Dreiecksmessungen ergänzen. Gauß setzte Gehilfen ein, die er selbst ausbildete. Die Auswertung indes übernahm der Gelehrte allein. Im Laufe von 20 Jahren berechnete er 2600 Triangulationspunkte. 1845 veröffentlichte der mittlerweile 68-Jährige seine Rechenarbeiten und theoretischen Ausführungen. Zehn Jahre später starb er und wurde auf dem St.-Albani-Friedhof begraben. 

Um die Erinnerung an das Wirken des Göttinger Geodäten (Landvermessers) auf dem Hohen Hagen wachzuhalten, wurde der 1912 dort errichtete Aussichtsturm nach Gauß benannt. 

                                                                                                                   Von Michael Caspar

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