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Im Gras zeichnen sich die alten Fundamente ab

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 22 Im Gras zeichnen sich die alten Fundamente ab

Der Gaußturm ist saniert. Das Tageblatt stellt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Umgebung in einer Serie vor.

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Sollte Sanatorium werden: Gut Hoya mit Holzkreuz im Garten. 

Quelle: Christina Hinzmann

Völlig verschwunden ist die Wüstung Hoya die einst im Bereich der Landesstraße 559 zwischen Jühnde und Bördel lag. Die heutigen Gebäude Gut Hoya und Hägerhof sind erst in den vergangenen 250 Jahren entstanden. Im Frühjahr kann man auf der Wiese die Fundamente der alten Häuser noch erahnen. „Dort hat das Gras eine andere Farbe“, berichtet Ernst Achilles-Wengel. Er wohnt seit 1989 auf dem Hägerhof zur Miete. 

Nach Recherchen des Wüstungenforschers Erhard Kühlhorn wurde die Siedlung 1318 erstmals urkundlich erwähnt. Bereits 1519/20 war sie wieder verlassen. Im 18. Jahrhundert gab es dort lediglich noch die Ruine der Kirche zu sehen. Sie ist mittlerweile auch verschwunden. Den genauen Standort der Gebäude versuchte einst Heimatforscher Joachim Jünemann festzustellen. Anwohner Achilles-Wengel sah den alten Mann dort Anfang der 90er-Jahre häufig mit einer Wünschelrute auf und ab gehen. Jünemann verwendete für seine radiästhetischen Untersuchungen eine Spezialrute, eine sogenannte Lecher-Antenne. Kreisarchäologe Klaus Grote kann darüber nur lachen. Ernstzunehmen seien dagegen Jünemanns Arbeiten, die auf Archivrecherchen beruhten, erklärt er. 

Jünemann ging in seiner 1960 erschienenen Chronik des Ortes Jühnde auf die Siedlung Hoya ein, die auch als Hoye bekannt ist. Er berichtet, dass auch nach der Aufgabe der Siedlung die Flächen weiter bewirtschaftet wurden. Bodo von Adelebsen kaufte 1576 als Herr auf Burg Jühnde auf der Hoya sechs Hufen Land von den von Stockhausen. Weitere sechs Hufe übernahm er von Gabriel und Güntzel von Schneen. Die Welfen-Herzöge belehnten die von Adelebsen mit Flächen im Bereich der Hoyermark. Das geht aus elf Urkunden hervor, die zwischen 1582 und 1652 ausgestellt wurden. 

Alte Poststation

Als die Freiherren Grote 1664 das Jühnder Lehen übernahmen, fiel die Hoyermark an die Familie von Cramm. Freiherr Otto Grote verglich sich noch 1664 mit ihnen, so dass er die Hoyermark von Welfen-Herzog Christian Ludwig von Braunschweig und Lüneburg ebenfalls zum Lehen erhielt. Das heutige Gut Hoya erwarben die Freiherren allerdings erst 1867. Es beherbergte im 19. Jahrhundert eine Poststation auf der Strecke zwischen Adelebsen und Berlepsch. 

„Der steinige Boden auf der Hoya ist nicht sehr fruchtbar“, sagt Freiherr Rüdiger Grote. Aufgrund der Lage in 400 Meter Höhe über dem Meeresspiegel ist das Klima rau. Ein Problem stellte lange Zeit die Wasserversorgung dar. Der alte Brunnen des Guts Hoya befand sich neben der Jauchegrube. „Beim Abkochen bildeten sich braune Schaumkronen“, erinnert sich der Freiherr. Er ließ daher um das Jahr 1960 in einiger Entfernung einen neuen Brunnen anlegen. Der Bohrturm, den die beauftragte Firma aus Celle errichtete, war zuvor in Afrika eingesetzt worden, weiß Grote noch. In der ersten Zeit musste sich das Gut das Wasser mit dem Hägerhof teilen. Einmal fiel der Brunnen für ein Jahr trocken. Das Wasser wurde in Tanks angefahren. Mieter auf Gut Hoya zogen damals entsetzt aus. Anfang der 90er-Jahre erhielt der Hägerhof einen eigenen Brunnen. 

1970 verkaufte Grote Gut Hoya. „Es war sehr schwer geworden“, einen Pächter zu finden, erklärt er. Den Ehemann der Käuferin kannte er aus der Politik. Beide Männer gehörten dem damaligen Mündener Kreistag an. Jühndes ehemaliger Bürgermeister August Brandenburg kann sich noch lebhaft an den groß gewachsenen Herrn erinnern. Er war Geschäftsführer eines Gummiwerks in Hann. Münden und besaß ein eigenes Flugzeug. Der Jäger betrieb auf der Hoya ein Arabergestüt und hielt Hunde. Von seinen Partys, zu denen illustre Gäste von weit her anreisten, sprechen alte Jühnder noch heute. „Einmal richtete der Geschäftsmann einen Tanz im Hundezwinger aus“, amüsiert sich Brandenburg. Alle Hunde mussten nach draußen.  

Frau erschießt Ehemann

Der Unternehmer war in Jühnde beliebt. Er ließ sich oft im Gasthaus blicken und spendierte freigiebig Runden. Als er eines Abends heimkehrte, ereignete sich eine Tragödie. So weit sich die Ereignisse später vor Gericht klären ließen, ist es zu einem Streit mit der Hausherrin gekommen. Die Ehefrau verbarrikadierte sich in einem Zimmer im ersten Stock. Als der Unternehmer versuchte, sich Zutritt zu verschaffen, schoss die Gattin mit dem Jagdgewehr durch die Tür. Der Mann starb. Das Gericht sprach die Schützin frei. 

Der große Blutfleck auf dem Teppich ließ sich, allen Reinigungsversuchen zum Trotz, nicht entfernen. „Wollen Sie sich selbst ein Bild machen?“, fragt die heutige Bewohnerin des Hauses, eine 67-jährige Rentnerin. Sie führt den Reporter in den ersten Stock und schiebt einen Läufer beiseite. Dunkel zeichnet sich der Fleck auf der grünen Auslegware ab. Das Loch in der Tür ist mittlerweile zugespachtelt und übermalt. Freundinnen aus dem Sportverein fragen: „Ist dir das nicht unheimlich?“ Das amüsiert die Hausherrin. „Wenn es im alten Fachwerk knackt, sage ich immer: Mein guter Hausgeist ist wieder da“, erzählt sie gut gelaunt. Die Rentnerin, die früher als Sekretärin arbeitete, kann noch von einem zweiten tragischen Todesfall berichten. 

Mittelalterlicher Kreuzstein

Vor langer Zeit soll ein Mann auf der Hoya seinen Bruder erschlagen haben. Zur Sühne musste er einen Kreuzstein aufstellen. Davon weiß indes Heimatforscher Jünemann nichts. Er hat die Gesellschaft für Deutsche Steinkreuzforschung in Nürnberg zu dem 60 Zentimeter hohen und breiten Stein aus Muschelkalk befragt, der auf beiden Seiten eine Art Eisernes Kreuz trägt. 

Die Gesellschaft stufte ihn seinerzeit als „einzigartige Kreuzsteinform“ ein. Jünemann schätzt, dass der stark verwitterte Kulturdenkmal aus der Zeit um 1430 stammt. Früher schauten sich immer mal wieder Schulklassen aus Dransfeld den Stein an. Wanderer suchen ihn gezielt auf. Er steht dort, wo die Straße zum Gaußturm von der Landesstraße 559 abbiegt.

Die Unternehmerwitwe verkaufte das Haus 1973. 1974 übernahm es eine Schweizer Firma, die dort ein Biomedizinisches Regenerationszentrum errichten wollte. Gebäudeteile wurden abgerissen, Erdbohrungen vorgenommen. Das Projekt zerschlug sich jedoch. 1977 wäre es fast zu einer Zwangsversteigerung gekommen. Die Schweizer Firma setzte die heutige Bewohnerin als Verwalterin ein. 1978 kaufte diese das Gebäude. 

Sie blieb dort wohnen, während es mehrfach zu Besitzerwechseln kam. Zum Gut gehören zwei Ferienwohnungen. Monteure, die auf großen Baustellen in der Region arbeiteten, mieteten sich dort zum Teil für mehrere Monate ein. Dransfelder brachten bei Konfirmationen oder Hochzeiten ihre Gäste auf dem Gut unter. Reiter stellten auf der Hoya ihre Pferde ab. 

Im November 2005 hat eine Eigentümergemeinschaft das Gut übernommen. Die neuen Besitzer nutzen die Ferienwohnungen selbst. Derzeit bauen sie den alten Stall aus. Sie halten Pferde und die vom Aussterben bedrohten Leineschafe.  

                                                                                                          Von Michael Caspar

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