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Mit der Seilbahn hinab vom Hohen Hagen

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 16 Mit der Seilbahn hinab vom Hohen Hagen

Die Sanierung des Gaußturms endet im Oktober. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Geschichte vor.

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Basalt-Transport per Seilbahn: vom Steinbruch durch den Wald zum Bahnhof.

Quelle: Erich Köppen

Ich wäre ja auch ganz gerne mal mitgefahren, aber ich hatte zuviel Angst“, bedauert die Dransfelderin Elfriede Engel (Jahrgang 1922). In ihrer Kindheit sprangen Jungen in die Körbe der Seilbahn, die den Basalt des Steinbruchs vom Hohen Hagen zum Silo beim Bahnhof transportierte. An manchen Stellen im Gelände war das möglich. Die Jungen durften sich nur nicht erwischen lassen. Sonst gab es Ärger mit den Erwachsenen.

Zeitzeuge Victor Schulze (Jahrgang 1927) meint, dass im Dritten Reich solche Streiche von einem Jungen erwartet wurden. Bei den Nazis hätten die „Lausebengel“ bessere Karten gehabt als die „Muttersöhnchen“. „Hart wie Kruppstahl“ hätten sie seien sollen. Heute würden andere Erziehungsziele gelten.

Ungefährlich war die Mitfahrt nicht. Manchmal riss das Seil, und die Körbe mit den Steinen fielen aus mehreren Metern Höhe herunter. Der Basalt musste dann mühsam aufgesammelt werden. Engel, deren Vater beim Basaltwerk beschäftigt war, erinnert sich, dass einem der Arbeiter mal ein solches Stahlseil auf den Fuß gefallen sei. Danach habe er gehumpelt.  

200000 Tonnen pro Jahr

„Die Bahn ist 1925 in Betrieb genommen worden“, weiß Stadtarchivar Friedrich Rehkop. Die Kieswerke der Provinz Schleswig-Holstein mit Sitz in Kiel hatten 1924 den Steinbruch gepachtet und mit dem maschinellen Abbau des Basalts begonnen. Die Jahresproduktion schnellte auf 200000 Tonnen empor. In Spitzenzeiten förderte das Werk 500000 Tonnen. Diese Mengen ließen sich nicht wie bisher mit Pferdefuhrwerken abtransportieren. 

Die vier Kilometer lange Seilbahn führte vom Steinbruch aus in Richtung Brunsberg. „Im Südosten des heutigen Campingplatzes entstand eine Spannstation“, erinnert sich Schulze. Mit Steinen gefüllte Holzbehälter hielten die Seile straff.  Auf der Höhe des Felsenkellers, östlich des heutigen Volksbankgebäudes, querte die Seilbahn die Bundesstraße 3. 

Eisenträger, über die Bohlen gelegt waren, sorgten dafür, dass bei einem Reißen des Seiles nichts auf die Straße fiel. Keinen solchen Schutz gab es an der Stelle, wo die Seilbahn den damaligen Feldweg in der Dehne kreuzte. Engel erzählt, wie ihre Oma Berta Rettberg (gestorben 1929) sie vor der Seilbahn warnte: „Kind, das ist Teufelswerk.“ Die beiden rannten immer unter der Seilbahn hindurch, um nicht zu Schaden zu kommen. 

Die Bahn endete bei einem Silo östlich des Bahnhofs. Dort klinkte Engels Vater Valentin Schäfer mit seinem Kollegen Hermann Henze vor dem Krieg die ankommenden Körbe aus und entleerte sie. Der Basaltschotter kam in Güterwagen. Die wurden mit einer kleinen Amsel-Lok aus Österreich zum Bahnhof gefahren. Den Bahndamm hatte Mitte der zwanziger Jahre die Kasseler Firma A.&W. Bertram angelegt. Große Erdmassen wurden damals bewegt. Stadtarchivar Rehkop spricht von einer für Dransfelder Verhältnisse „spektakulären Baumaßnahme“.  

Kleine Frühstücksbude

Die Basaltwerk-Arbeiter am Silo verfügten über eine kleine Frühstücksbude. Die Männer foppten einander, verrät sich Engel. Ein Arbeitskollege fand eines Morgens einen „noch dampfenden menschlichen Haufen“ auf seinem Stuhl, so die Dransfelderin. Aufgeregt rannte er zum Chef. Als die beiden den Stuhl auf dem Stuhl in Augenschein nehmen wollten, war der Haufen verschwunden. Die Männer haben ihn aus Gips angefertigt, braun angestrichen und mit heißem Wasser übergossen, amüsiert sich Engel. Ein anderes Mal spielten die Arbeiter „Ich kniff dich und du lachst nicht“. Sie saßen im Kreis und kniffen sich reihum in die Wange. Wer das Spiel noch nicht kannte, dem wurde bei jedem Kneifen Ruß ins Gesicht geschmiert. Engels Vater sagte irgendwann zu seinem Freund: „Hans, merkst du denn nicht, dass die dich schwarz machen.“ Der erwiderte: „Valentin, dich aber auch.“ 

Die Seilbahn stellte Mitte der sechziger Jahre ihren Betrieb ein. Zuvor war die Straße hinauf zum Hohen Hagen ausgebaut worden. Seither erfolgte der Abtransport mit Lastwagen. Das war seinerzeit umstritten. Der Verschönerungsverein, der mit dem Gaußturm den Fremdenverkehr ankurbeln wollte, klagte bitter über die Zunahme des Schwerverkehrs. „Die Seilbahn wurde 1969 abgebaut“, führt Archivar Rehkop aus.

Folge 17 berichtet über die Zwangsarbeiter und die deutschen Kriegsgefangenen, die im Basaltsteinbruch auf dem Hohen Hagen arbeiten mussten. 

                                                                                                           Von Michael Caspar

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