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Natur erobert ein altes Industriegebiet zurück

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 19 Natur erobert ein altes Industriegebiet zurück

Der Gaußturm ist saniert. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Umgebung vor.

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Unterhalb des Gaußturms: Arbeiter schütteten dort Muschelkalk aus Tunnelarbeiten auf.

Quelle: Christoph Mischke

Ein riesiges Loch klaffte im Hohen Hagen, als der Pachtvertrag des Basaltwerks 1987 auslief. Im Laufe von fast 200 Jahren Bergbaugeschichte hatten Arbeiter auf einer Fläche von 15 Hektar 3,5 Millionen Kubikmeter Gesteinsmaterial abgebaut. Auf Lkw geladen, wären 77777 Fahrzeuge notwendig, heißt es auf einer Tafel des Geologiepfads. Das Basaltwerk hatte sich bei Vertragsabschluss 1925 verpflichtet, am Ende wieder Erdreich aufzuschütten. Im Gegenzug sagte die Stadt damals zu, die Aufforstung zu übernehmen. 

Als es soweit war, legte die Deutsche Bundesbahn gerade die Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Hannover und Würzburg an. Im Bereich Jühnde fielen beim Bau des Mackenrodt-, des Endelkamp- und des Raueberg-Tunnel große Mengen an Gestein an. Gleichzeitig musste die Bahn Maßnahmen zum Ausgleich der Eingriffe durchführen. 

„In der Verwaltung des Landkreises entstand seinerzeit eine Arbeitsgruppe, die sich fortlaufend mit Fragen der Rekultivierung auf dem Hohen Hagen befasste“, erinnert sich der damalige Baudezernent Hans Reimann. Ihr gehörte unter anderem auch der Leiter der Kreisnaturschutzbehörde, Volkmar Kießling, an.  

Die Verwaltung hatte bereits Mitte der siebziger Jahre Erfahrungen mit der Rekultivierung eines – allerdings deutlich kleineren – Basaltsteinbruchs gesammelt. Seinerzeit wurde der Dransberg südwestlich von Dransfeld rekultiviert, wo unter anderem der Grillplatz Silbersee entstand.  

Muschelkalk

In Absprache mit der Verwaltung erstellte die Bahn einen landschaftspflegerischen Begleitplan. „So schüttete sie an der Ostwand des Steinbruchs 1,9 Millionen Kubikmeter Muschelkalk auf“, berichtet Kießling. Die Wand drohte damals ins Rutschen zu geraten. Das hätte im schlimmsten Fall die Gastwirtschaft (heute Schullandheim) zum Einsturz gebracht. Das wollte die Verwaltung vermeiden. Bereits der alte Gaußturm war 1963 dem Steinbruch zum Opfer gefallen. 

„Anfangs überlegten wir, ob wir den gesamten Steinbruch verfüllen sollen“, erinnert sich Kießling. Nach Berechnungen der Bahn ließen sich auf dem Hohen Hagen insgesamt 4,5 Millionen Kubikmeter Material ablagern. Die Bahn nahm von diesen Plänen jedoch Abstand, weil ihr die Anfahrtskosten von Jühnde aus zu hoch waren. Zudem sprachen sich die Geologen der Universität Göttingen und das Niedersächsische Landesamt für Bodenkunde in Hannover dafür aus, einen Teil der Basaltwand sichtbar zu lassen. 

Die Bahn füllte daher mit dem übrigen Bruchmaterial die einstige Deponie Hohe Erde zwischen Jühnde und Barlissen auf. In der Nähe der großen Werratalbrücke bei Lippoldshausen entstand eine weitere Ablagerung. Der vom damaligen Ortsbürgermeister geforderte Lärm- und Sichtschutzwall kam allerdings nicht zustande. Die Landwirte wollten keine Flächen bereitstellen. In Lutterberg (Gemeinde Staufenberg) schuf die Bahn westlich der Autobahn einen künstlichen Berg. 

Unibibliothek

Auf dem Hohen Hagen entstand 1987 auf Drängen des Verschönerungsvereins mit weiteren 12000 Kubikmetern Muschelkalk aus Jühnde ein Hügel am Gaußturm. Von dort ließ sich ein zweiter Zugang, eine Gangway, zur unteren Plattform des Turms legen. Außerdem wurden im südöstlichen Bereich des Steinbruchs knapp 70000 Kubikmeter Lössboden aufgeschüttet, der beim Bau der Göttinger Unibibliothek angefallen war. 

Dieser wurde im Gegensatz zum Muschelkalk im Steinbruch nicht mit einer 30 bis 50 Zentimeter hohen Schicht aus Basalt von der alten Abraumhalde bedeckt. „Dies hatte zur Folge, dass es in den ersten Jahren zu erheblichen Auswaschungen kam“, berichtet Revierförster Manfred Budde. Bis zu drei Meter tiefe Risse bildeten sich im Boden. Die Forstleute sicherten die Flächen nachträglich mit Basalt. Außerdem siedelten sich dort wegen der fehlenden Abdekung  nicht standortgerechte Pflanzen an. 

Der Dransfelder Stadtforst kümmerte sich um die Aufforstung. Es entstand ein strukturreicher Laubmischwald. „Neben forstwirtschaftlich interessanten Arten wie Buche und Hainbuche, Bergahorn, Kirsche und Esche haben wir auch Winterlinden, Elsbeere und Lärchen gepflanzt“, führt Revierförster Budde aus. 

Unterhalb der Basaltwände sollte ein Feuchtgebiet entstehen. Aufgrund des porösen Untergrunds versickert dort jedoch alles Wasser.  Die Bermen, waagerechte Sockel im Steinbruch, auf denen früher die Lkw gefahren sind, wandelten sich zu Magerrasenflächen. „Das gesamte Gebiet soll der Naherholung dienen“, betont Budde. 

Fast alle Gebäude des ehemaligen Steinbruchs wurden auf Drängen des Forstratsvorsitzenden, Friedrich Schrader, abgerissen. Dabei musste auch das bei Wanderern beliebte Trafohäuschen weichen, das einer Kapelle ähnelte. Aus dem Industriegelände wurde wieder ein Stück Natur, in dem sich Wildschweine und Rehe angesiedelt haben. „Nur Spechte haben wir noch keine. Dazu sind die Bäume zu jung“, amüsiert sich Förster Budde.  

                                                                                                            Von Michael Caspar

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