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Schlittenfahrt vom Hohen Hagen bis Scheden

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 18 Schlittenfahrt vom Hohen Hagen bis Scheden

Der Gaußturm ist frisch saniert. Das Tageblatt stellt in einer Serie das touristische Wahrzeichen der Region und seine Geschichte vor.

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Auf der Rodelbahn: Schlittenziehen im Schneetreiben.

Quelle: Peter Heller

Am Schönsten waren die Kohlenferien“, erinnert sich der Viktor Schulze (Jahrgang 1927). Anfang der vierziger Jahre fuhren er und andere Dransfelder Schüler einmal in der Woche nach Göttingen, um ihre Hausaufgaben durchsehen zu lassen und sich neue Aufgaben abzuholen. Den Rest der Zeit verbrachten sie auf den Schedener Wiesen unterhalb des Gaußturms. „Mittags kamen wir pitschnass nach Hause, aßen etwas und liefen wieder los“, erzählt Schulze. Für ihn endete die schöne Zeit, als er zu den Flakhelfern musste. 

„Wir haben uns auf den Schedener Wiesen Sprungschanzen gebaut“, erzählt der Dransfelder Günther Zamponi (Jahrgang 1930). An die Schanzen kann sich auch Herbert Thies (Jahrgang 1936) aus Scheden lebhaft erinnern. Es gab einen alten Grenzstein, vor dem er und andere Jungen Schnee aufschütteten und festtraten. „Wir flogen bis zu acht Meter weit durch die Luft“, sagt er.

Nach dem Krieg besaßen plötzlich alle Oberschedener Skier. „Die Wehrmacht hatte um 1944 im Saal des Gasthauses Weitemeyer Skier eingelagert“, weiß Thies. Nach dem Krieg bediente sich die Bevölkerung dort. Die weißen mehrfach geleimten Bretter mit grünem Streifen waren trotz ihrer Länge von 2,10 Meter fast unzerbrechlich. „Wir konnten uns mit ihnen quer über einen Graben stellen und wippen“, berichtet Thies begeistert.

Ski mit Stahlkanten

Die jungen Wintersportler statteten die Skier mit einfachen, selbstgebauten Bindungen sowie mit Stahlkanten aus. Die Wehrmacht-Skistöcke waren aus Haselnussholz. Damals gab es derart viele Skier in Oberscheden, dass die Erwachsenen sie verfeuerten oder aus ihnen Gartenzäune bauten. Ähnlich reiche Beute machten übrigens auch die Niederschedener. In ihrem Dorf hatte die Wehrmacht Fallschirmseide eingelagert. „Die war nach dem Krieg als Stoff für Brautkleider sehr begehrt“, erzählt Thies. 

Damals blickte er gegen Ende des Jahres immer sehnsüchtig aus dem Fenster, um zu sehen, ob auf dem drei Kilometer entfernten, aber fast 300 Meter höher gelegenen Hohen Hagen schon Schnee lag. Der blieb damals oft vier Monate lang liegen. Seinerzeit sausten die Skifahrer teilweise bis fast an den Ortsrand. 

In den Nachkriegsjahren war der Hohe Hagen als „Kleiner Harz“ berühmt. Selbst aus Göttingen und Kassel kamen Menschen. Ein Mündener Sportverein legte sich sogar oberhalb der Schedener Wiesen eine Schutzhütte an. Dann setzte die Motorisierung ein. Nun fuhren die Leute in den Harz, später sogar in die Alpen. 

Elfriede Engel (Jahrgang 1922) weiß noch von einer anderen Rodelstrecke. Sie führte auf der damals noch nicht ausgebauten Hoher-Hagen-Straße vom Gasthaus Bühre (heute Schullandheim) bis zum Panoramastübchen beim Campingplatz. Der Abtransport des Basalts erfolgte in den fünfziger und Anfang der 60er Jahre noch nicht mit dem Lkw, sondern mit einer Seilbahn. Die Straße war daher nicht gestreut. 

Die Kinder banden mehrere Schlitten zusammen. Elfriede Engel fuhr vorne weg mit ihrer Schulfreundin Erika Thiele (geborene Rodemann), die das Lenken übernahm. „Ich lag auf dem Schlitten, sah über mir den Himmel und hatte keinen Einfluss auf die rasante Fahrt“, erzählt Engel. Thiele musste angesichts der hohen Geschwindigkeit und der vielen Kurven alles geben.

Für Mädchen, die damals meistens Röcke trugen, barg das Schlittenfahren unangenehme Überraschungen. Engel: „Es war sehr ungemütlich, wenn uns eine Schneewehe unter den Rock stob.“ Um so dankbarer war sie ihrem großen Bruder, als der ihr zu Weihnachten 1934 eine Trainingshose schenkte, damals etwas ganz besonderes. Selbst die Jungen trugen damals im Winter kurzen Hosen mit Kniestrümpfe.  

Im Rückblick staunt Engel über den Erfindungsreichtum der Göttinger Studenten, die es im Winter ebenfalls auf den Hohen Hagen zog. Einmal errichteten sie dort, wo heute der Eingang zum Campingplatz ist, ein Brandenburger Tor aus Schnee. „Als Einheimische haben wir uns den Auswärtigen gegenüber gern überlegen aufgespielt“, räumt Engel ein. Und: „Doch angesichts des Schneetors mussten wir erst einmal klein beigeben.“ 

Taschenlampe

Bis in die Nacht hinein herrschte Hochbetrieb auf der Piste. „Wir fuhren auch nach Einbruch der Dunkelheit, dann mit Taschenlampenbeleuchtung“, erinnert sich Bernd Lesser an die Zeit Anfang der sechziger Jahre.  

Damals kam der Verschönerungsverein auf die Idee, den Forstweg, der vom Schützenhaus (1952 erbaut) durch den Braunsgrund hindurch bis zum heutigen Neubaugebiet führt, im Winter als Rodelbahn zu nutzen. „Damit die Bahn glatter wurde, pumpten wir Wasser auf die Piste“, erzählt Stadtarchivar Friedrich Rehkop. In der Nähe des Schützenhauses gibt es einen alten Feuerlöschteich. „Wir sind die Rodelbahn sogar mit dem Bob heruntergeknattert“, erzählt Rehkop. „Wir sorgen dafür, dass der nach Norden geneigte Weg den Winter über freibleibt“, betont der Dransfelder Revierförster Manfred Budde.  

Laut Rehkop gab es damals Überlegungen, einen Skilift aus Kassel zu erwerben und auf dem Hohen Hagen aufzubauen. „Aus dem Projekt ist zum Glück nichts geworden“, meint der Stadtarchivar. Angesichts des Rückgangs der Schneemengen, wäre es auch eine Fehlinvestition geworden. 

Nach der Rekultivierung des Steinbruchs entstand im alten Vulkankrater eine Rodelbahn. „Sie ist zehn Meter breit und verfügt über einen extra Aufstiegsweg“, sagt Revierförster Budde. Wintersportler steigen allerdings auf der Bahn selbst nach oben und beschweren sich, wenn es dabei zu gefährlichen Situationen kommt. Ein Nachteil: Die Bahn liegt den ganzen Tag über in der Sonne. Der Schnee taut schnell. 

Das ist bei Huppers Wiese bei den Gütern  Hägerhof und Hoya, an der Landesstraße559 zwischen Bördel und Jühnde, anders. Sie liegt im Schatten und war selbst in den vergangenen Jahren oft schneebedeckt. Diese Fläche wird von vielen Göttingern genutzt, die dann die Straße auf einer langen Strecke zuparken.  

                                                                                                           Von Michael Caspar

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