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Sprengmeister verlangt Räumung des Biergartens

Die Geschichte des Gaußturms, Folge 8 Sprengmeister verlangt Räumung des Biergartens

Der Gaußturm wird in den kommenden Monaten saniert. In einer Serie stellt das Tageblatt das touristische Wahrzeichen der Region und seine Geschichte vor.

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Nicht nur Ausflugslokal: Die Gaststätte war auch Ort der wöchentlichen Gehaltshauszahlungen für die Arbeiter im Steinbruch.

Quelle: EF

Der Berggasthof zu Füßen des alten Gaußturms war nicht nur bei Ausflüglern beliebt. „Die Arbeiter des nahen Basaltwerks kamen tagsüber gerne auf einen Schnaps vorbei“, berichtet Gerhard Utrecht, der von 1948 bis 1962 im Steinbruch als Schlosser arbeitete. 

Nach Erinnerung von Elfriede Engel, deren Vater im Steinbruch tätig war, zahlte das Werk die Mitarbeiter immer freitags im Gasthof aus. Fliegende Händler boten ihre Ware feil, darunter auch Besteck und Porzellan. Wirt Bühre schenkte Schnaps aus. „Wer nicht mittrank, wurde als Pantoffelheld verspottet“, erzählt Engel. Einem braven Ehemann habe eines Freitags auf dem Heimweg im Wald ein als Gespenst verkleideter Raufbold aufgelauert. Der treue Gatte sei verprügelt worden. Von da an habe das Werk die Auszahlung ins Unternehmen verlagert.  

Wirt Wilhelm Bühre senior war mit Basaltwerk-Direktor Klaus Koch senior auf befreundet. „Mein Großvater hatte einst für Koch als Sprengmeister gearbeitet“, erinnert sich die Enkelin des Wirts, Christa Hellkötter.  Der alte Koch führte Besprechungen mit Geschäftspartnern gerne im Berggasthof durch. 

Doch je näher der Tagebau an den Gasthof heranrückte, desto häufiger kam es zu Differenzen. Durch die Sprengungen bildeten sich Risse am Haus. Bühre senior brauchte das nur gegenüber seinem alten Chef anzudeuten, da schickte der schon Arbeiter zum Reparieren vorbei, erzählt Hellkötter. Doch mit dem Generationenwechsel in beiden Betrieben sei es mit der Harmonie vorbei gewesen.

„Zu einem Streitpunkt entwickelten sich die täglichen Sprengungen“, klagt die Wirtstochter, deren Vater den Gasthof 1951 übernahm. Im Sommer hätte der Sprengmeister die Räumung des Biergartens mit seinen 400 Plätzen verlangt. Zum Teil hätte es Steine geregnet, von der Staubwolke und dem Lärm ganz zu schweigen. „Die Erschütterungen waren so schwer, dass der Kaffee aus der Tasse schwappte“, erinnert sich der Dransfelder Günther Zamponi. Im Februar 1962 schimpfte der Verschönerungsverein in einem Protestbrief: „Feriengäste brechen ihren Aufenthalt vorzeitig ab.“  

Als Anfang der 60er Jahre die Verlängerung des Erbpachtvertrags anstand, machte Basaltwerkchef Koch junior seinen Einfluss bei der Stadt geltend. Er erinnerte an die hohen Gewerbesteuern, die er zahle, und die vielen Arbeitsplätze, die er vorhalte. Diese Argumentation hatte schon im Streit um den alten Gaußturm gezogen. Der hatte 1963 dem Basaltabbau weichen müssen. 

In dem neuen Pachtvertrag der Stadt Dransfeld mit dem Basaltwerk aus dem Dezember 1961 regelte Paragraf 16 das weitere Vorgeben gegenüber der Gastwirtschaft Bühre. Die Stadt verpflichtete sich, den Pachtvertrag mit dem Gastwirt zu kündigen. Das Unternehmen sicherte zu, seinerseits die Gastwirtschaft für 50 Jahre zu pachten. Außerdem versprach sie, Verpflichtungen, die der Stadt aus der Auflösung des Vertrags mit Bühre erwachsen würden, zu tragen. Das Basaltwerk wollte auch für die Stadt das Prozessrisiko tragen, falls Bühre klagen sollten. Der Wirt wurde 1964 abgefunden. Das Basaltwerk übernahm das Lokal. „In Dransfeld herrschte damals das Kapital“, empört sich Hellkötter

Familie Bühre versuchte erst in Stahle bei Holzminden, später in Silberborn im Solling einen Neuanfang. „Meine Eltern haben schwer unter dem Verlust gelitten“, erzählt die Wirtstochter. Ihr Vater sei 1964 schon 58, ihre Mutter 55 Jahre alt gewesen. Ihr Bruder Karl-Wilhelm Bühre, genannt „Sonni“, hätte die Pension im Solling später verkauft. Mit seiner Frau sei er nach Juist gezogen, um dort ein Ferienfreizeitheim zu leiten. 

Basaltwerkdirektor Koch verpachtete unterdessen das Lokal an wechselnde Wirte. Keiner von diesen konnte an die Erfolge der Familie Bühre anknüpfen. „Gute Gastwirte sind selten“, kommentiert Rüdiger Freiherr Grote aus Jühnde. Der neue Gaußturm zog nicht mehr so viel Publikum an. Ein neues Konzept erprobte Peter Huck. Er gründete im alten Berggasthof eine Diskothek. Frank Parro legte Platten auf. „Bei uns ging es ungezwungen zu“, erinnert sich der Diskjockey. Der Wirt schenkte mit dem Gartenschlauch Freibier aus. Biker tranken den Gerstensaft aus ihren Stiefeln. Die Gäste kamen aus einem Umkreis von 100 Kilometern. Später stand der Gasthof jahrelang leer.

                                                                                                                         Von Michael Caspar

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