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Hamsterschutz und Vergaberecht verändern Bauplanung

Europawahl 2009: Teil 3 Hamsterschutz und Vergaberecht verändern Bauplanung

Brüssel ist weit weg; das Europaparlament, das am 7. Juni 2009 gewählt wird, auch. Aber: Die EG-Richtlinien und -Verordnungen, die Politiker dort beschließen, betreffen alle Menschen. Fünf Beispiele stellt das Tageblatt vor der EU-Wahl vor. Folge 3: Den Einfluss Brüssels auf Bauplanung und Auftragsvergaben im öffentlichen Bereich schildert Rainer Bolli, Leiter des Gebäudemanagements der Universität Göttingen.

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Rainer Bolli an den sogenannten Hamstertritten: In dem hügeligen Terrain finden Hamster gute Nahrungsangebote.

Quelle: CR

Ein kleines Nagetier hat vor elf Jahren die Bauplanung in Göttingen verändert. Die Universität plante das Göttinger Zentrum für Molekulare Biowissenschaften (GZMB) im Nordbereich der Universität. Die Stadt baute dort eine neue Straße für Busse – und der Sturm brach los. „Es gab einen großen Aufschrei“, beschreibt Rainer Bolli, ehemals Mitarbeiter des Staatlichen Baumanagements und seit fünf Jahren Leiter des Uni-Gebäudemanagements, wie der stille Feldhamster mit Getöse Göttingen eroberte. 

„Richtlinie 92/43 EWG des Rates“ lautet der offizielle Titel der sogenannten Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, mit der Lebensräume und wildlebende Tiere und Pflanzen in Europa geschützt werden sollen. Im Anhang wird auch der Feldhamster (Cricetus cricetus) genannt, bis in die 70er Jahre weit verbreitet und nun offenbar in Deutschland nahezu ausgestorben. In Göttingen allerdings leisten die Hamster gegen ihr Verschwinden heftigen Widerstand, mussten die Uni-Planer 1998 feststellen. 

Durch die Straße seien zahlreiche Nager getötet und ihre Bauten zerstört worden, klagten die Naturschutzverbände  und beriefen sich auf Bundesnaturschutz- und Europarecht. Der Bau des millionenteuren Bio-Zentrums stand auf der Kippe. Die Bezirksregierung stimmte ihm schließlich unter strengen Auflagen zu. 

Planungsroutine

Seitdem gibt es in Göttingen nahezu kein größeres Bauvorhaben, in dessen Vorfeld nicht nach Hamstervorkommen gesucht wird. „Das ist Planungsroutine geworden“, erklärt Bolli. Darüber hinaus arbeiten Experten in einem „Fach- und Managementplan zur Sicherung und Förderung des Hamsterbestandes“ daran, dass es Cricetus cricetus im universitären Bereich gut geht. Rund 15000 Euro jährlich kostet die Realisierung des „Masterplans Hamster“ laut Bolli. „Wir arbeiten dabei sehr konstruktiv mit den Naturschützern zusammen.“ 

In einer unbebauten Hamster-Kernzone parallel zum Burckhardtweg leben die Tiere seitdem ungestört. Dieser Bereich ist durch sogenannte Hamsterkorridore und Hamstertritte mit einer weiter außerhalb liegenden Ausgleichsfläche verbunden. Alle Flächen werden speziell bepflanzt, damit sich die kleinen Vierbeiner ernähren können. Luzerne, Rettich, Gerste und Weizen stehen auf ihrem Speiseplan. Am attraktivsten ist das Nahrungsangebot auf der nördlichen Fläche an der der Otto-Hahn-Straße, um die Tiere von innen nach außen zu locken. Dort wurden 2008 immerhin 55 Bauten gezählt gegenüber 50 in der inneren Kernfläche. „Die Population ist in den vergangenen Jahren sehr angestiegen“, lautet Bollis Fazit aus den regelmäßigen Zählungen. 

An den Planungsfaktor Hamster hat sich der Leiter des Universitäts-Gebäudemanagements mittlerweile gewöhnt – auch wenn er noch nie einen zu Gesicht bekommen hat: „Ich habe mit dem Hamster kein Problem.“ Mehr zu schaffen macht dem Gebäudemanagement eine andere Rechtsvorschrift der Europäischen Union – das Vergaberecht für Bauaufträge, Liefer- und Dienstleistungen. „Das EU-Recht setzt Schwellenwerte – und wer nur einen Euro darüber liegt, muss europaweit ausschreiben“, berichtet Bolli. Das trifft für beinahe jede Planung der Georgia Augusta zu, denn die Werte seien vergleichsweise niedrig. Bei Bauaufträgen wurden als Schwelle 5,15 Millionen, bei Liefer- und Dienstleistungsaufträgen 206000 Euro festgelegt. 

Die europaweite Ausschreibung dient der Wahrung des internationalen Wettbewerbs – und macht aus Sicht der Göttinger Bauplaner in Südniedersachsen  wenig Sinn: „Wir sind viel zu weit weg vom Grenzbereich“, sagt Bolli. Bis auf spezielle Techniken vor allem im Laborbereich sprängen europäische Firmen selten an. „Der Aufwand und der Zeitverlust sind größer, als das, was unterm Strich dabei rauskommt.“

Von Katharina Klocke

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