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Honigsches Haus: Flausen am karikierten Kopf

Ecke Jüdenstraße/Theaterstraße Honigsches Haus: Flausen am karikierten Kopf

Im Stadtgebiet Göttingen finden sich zahlreiche Gebäude, deren Fassaden mit Skulpturen, Fresken, Schnitzereien oder Stuckschmuck verziert sind. In lockerer Folge stellt das Tageblatt diese vor. Heute: das Honigsche Haus Ecke Jüdenstraße/Theaterstraße.

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Honigsches Haus an der Ecke Jüden- und Theaterstraße: 1897 erbaut für Bäckermeister Ernst Honig und seine Frau Lina, geborene Bredow.

Quelle: Heller

Göttingen. Sie fallen kaum auf, und doch zählen sie zu den bemerkenswertesten Gesichtern an Göttinger Gebäuden: die Köpfe am 1897 im Auftrag von Bäckermeister Ernst Honig gebauten Haus . Die neun in Stein gehauenen Konterfeis sind Karikaturen Göttinger Originale.

Mit Enthüllung der Schlusssteine oberhalb der Fenster- und Türbogen im Erdgeschoss dürften sich in der Stadt die Spekulationen über die Identität der Porträtierten überschlagen haben. Die „Göttinger Zeitung“ schrieb damals: „Viel Interesse haben die am Neubau der Jüden- und Schulstraße (heute Theaterstraße) befindlichen Köpfe und Masken der Bogenschlußsteine erregt; ja, man hat schon verschiedene Persönlichkeiten unserer Stadt im Verdacht, daß sie sich hier hätten porträtieren lassen, wenn auch unfreiwilligerweise.“

Vermutlich haben Bauherr Ernst Honig – er starb am 5. März vor 80 Jahren – und Steinmetz Otto Eichler (1868-1933) am Stammtisch bereits herzhaft über die Entwürfe gelacht. Möglicherweise entstanden in dieser Runde auch einige Geschichten der Figur „Schorse Szültenbürger“, dessen geistiger Vater Ernst Honig ist.

Viele Fassaden-Schmuckelemente in der Stadt seien industriell gefertigt und von den Auftraggebern aus Musterbüchern ausgewählt, sagt der Göttinger Kunsthistoriker Jens Reiche. Die Köpfe hingegen, die Steinmetz Eichler für das Honigsche Haus  fertigte, zeugten von hohem handwerklichen Können. „Sie sind etwas ganz Besonderes.“

30 Semester ohne Examen

Eichlers Tochter Karla habe, so heißt es in dem Bericht „Göttinger Originale in Stein gehauen“ von Martina Neubert, die Identität der neun Steinmasken skizziert. Von der Jüdenstraße aus gesehen stellt danach die erste Maske die vielbesungene Göttinger Jungfrau im Allgemeinen, „filia hispitalis“ genannt, dar. Es folgt die dank ihrer Streiche  und ihres Mutterwitzes wohl bekannteste Göttingerin: Biene Chassmann – erkennbar an den Warzen. Der nächste Kopf soll Senator Eberwein, verkleidet als Bäckermeister, sein.

Er sei „Zenater Szültenschnute“ genannt worden, weil er morgens zum Frühstück gerne Sülze aß. Der nächste sei der ewige Göttinger Student („30 Semester ohne Examen“, zitiert Neubert) mit Schmissen auf der Wange. Nicht Ernst Honig , wie zu vermuten wäre, sondern sein zweiter Sohn soll am Eckpfeiler als Symbol der schweren Bürde der Hausverwaltung dargestellt sein. Für das jugendliche Gesicht habe jedoch nicht das Kind Honigs, sondern ein damals beliebter Geselle namens Heise Modell gestanden.

Erster Kopf an der Theaterstraße soll laut Eichlers Aufzeichnungen Baumeister Borheck, ein guter Freund von Ernst Honig , sein. Beim nächsten karikierten Kopf handle es sich um den seinerzeitigen Oberbürgermeister Georg Friedrich Calsow, der sich an Honigs Haus  habe verewigt sehen wollen. Die folgende Maske stelle Luddchen Lockemann, genannt der „Hefemajor“, dar.

Heimatdichter und Erfinde

Komplettiert werden die Köpfe durch Universitäts-Bademeister Fritz Klie. Weil er seine spitzen Ohren und scharfen Augen überall hatte, habe er kleinen Hörnchen und die Arkantusblätter aufgesetzt bekommen, so Eichler. Es handle sich auch um die einzige Figur, bei der die Ohren vergrößert dargestellt und offen gemeißelt seien. Die erhaben gearbeiteten Ranken auf manchen der Köpfe seien die Flausen, die einige immer im oder am Kopf hätten. Bei den Arbeiten handle es sich nicht um Masken, die etwa böse Geister vertreiben sollten.

Am liebsten, so heißt es in Quellen über Ernst Honig , wäre er Künstler geworden. Auf Drängen des Vaters trat der am 12. Februar 1861 geborene Ernst aber in dessen Fußstapfen und wurde Bäcker. Einen Namen machte er sich darüber hinaus als Heimatdichter und Erfinder des Schorse Szültenbürger. Neben den Geschichten seines Göttinger Helden verfasste Honig einige historische und anekdotische  Arbeiten zur Geschichte der Stadt.

Auch als Zeichner (zum Beispiel Aquarelle und Bleistiftzeichnungen) taucht sein Name in den Quellen auf. Außerdem war Honig in seiner Innung aktiv: Er war Mitbegründer des Vereins Selbstständiger Handwerker, aus der die Kreishandwerkerschaft hervorging, er gründete die Hefekasse, die spätere Bäckereinkaufsgenossenschaft, und er kümmerte sich maßgeblich um die Neuordnung des Innungswesens. Honig war ferner Vorstand und Direktor im Aufsichtsrat der Göttinger Spar- und Darlehenskasse (heute Volksbank) und erwarb sich große Verdienste bei der Gründung der Allgemeinen Ortskrankenkassen.

Ausbruch des Ersten Weltkrieges

Die Geschicke seiner Heimatstadt bestimmte Honig auch als Bürgervorsteher mit. Vor allem die Verkehrsprobleme, aber auch die Modernisierung der Kanalisation und der Straßenreinigung lagen ihm am Herzen. Honig war nicht zuletzt als kühler Rechner bekannt. Das geht aus einem Büchlein über den Bäckermeister des Historikers Günther Meinhardt hervor. So soll er 1914 die vom damaligen Bauamt vorgelegte Rentabilitätsberechnung für den Bau einer Straßenbahn in Göttingen als Täuschungsmanöver entlarvt haben.

In den von Oberbürgermeister Calsow dem Stadtparlament vorgelegten Unterlagen waren neben Gutachten und Erfahrungen anderer Städte lediglich die Kosten des Oberbaus, nicht aber die des größten Postens, der Gleisanlagen, beigefügt. Laut Meinhardt habe nur der Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine heftige Debatte verhindert.

Ernst Honig war mit Lina Honig , geborene Bredow (1860-1938), verheiratet. Nach dreijähriger schwerer Krankheit starb Honig am 5. März 1930. Sein Grab befindet sich auf dem Göttinger Stadtfriedhof.

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