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Minerva und Merkur wachen über das Göttinger Grätzelhaus

Skulpturen, Fresken, Schnitzereien Minerva und Merkur wachen über das Göttinger Grätzelhaus

Im Stadtgebiet Göttingen finden sich zahlreiche Gebäude, deren Fassaden mit Skulpturen, Fresken, Schnitzereien oder Stuckschmuck verziert sind. Eines davon ist das Grätzelhaus an der Goetheallee.

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Grätzelhaus an der Goetheallee: Das stattliche Gebäude ist einer der prächtigsten Bauten der Stadt.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Um 1860 herum, so schreibt Wolfgang Alexander in einem Bericht der Göttinger Monatsblätter von August 1980, seien viele Göttinger noch der festen Meinung gewesen, dass „der alte, durchaus streitbare“ Johann Heinrich Grätzel in seinem Haus an der Allee spuken würde. Das ließ sich bisher nicht belegen, wohl aber ist vieles über den erfolgreichen Göttinger Tuchfabrikanten und Ober-Commercien-Commissär und dessen Wohnhaus gut dokumentiert.

Das Gebäude an der Goetheallee 8 zählt zu den eindrucksvollsten Barockbauten der Stadt. Ein markantes Säulenportal, zwei Kolossalpilaster und zwei fast lebensgroße Götter-Figuren an den Flanken des Mansardengiebels sind die augenfälligsten Merkmale der Hauptfassade. Sie lässt den Repräsentationswillen des Erbauers erahnen.

Als cleverer Geschäftsmann hatte Grätzel Steuervergünstigungen ausgenutzt, die seit Beginn des 18. Jahrhunderts zur Anregung der Göttinger Bautätigkeit gewährt wurden. 1739 begann er mit dem Bau seines neuen Wohnhauses – und das außerhalb der Altstadt in dem nach Universitätsgründung für Wohnzwecke gerade erst erschlossenen Wiesengelände der Masch, wie Otto Fahlbusch in der Heimatbeilage „Zwischen Harz und Weser“ des Göttinger Tageblattes im Januar 1954 berichtet.

Zwei Jahre später war das Haus fertig, allerdings noch ohne das prächtige Portal aus Sandstein, das der Fabrikant erst 1745 in Auftrag gab. Dieses gilt in Göttingen als einzigartig und „übertrifft im Aufwand selbst die Portale der Universitätsbauten“, stellen Frank Achhammer und Bärbel Schwager in ihrem Artikel über „Das Grätzelhaus in Göttingen – ein bedrohtes Baudenkmal“ fest, der 1994 in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen veröffentlicht wurde.

Geheimnisse eines alten Hauses

Beschrieben und gedeutet wurde der rankengefüllte Mittelteil über der Tür samt ovalem Feld mit zwei Wappen bereits in einem von Pastor Lange 1938 veröffentlichten Bericht über „Die Geheimnisse eines alten Hauses“. Laut der Analyse Langes weist „das große, schöne, von zwei mit Muscheln, Steinen und Früchten überquellenden Füllhörnern und einer großen fünfzackigen Adelskrone gezierte, steingehauene Wappen“ auf das „großindustrielle Grätzelsche Unternehmen“ hin.

Es zeuge „von dem überragenden, wissenschaftlich interessierten Geist“ des Erbauers. Auf Grätzel als Besitzer eines wertvollen Fossilienkabinetts, das er öffentlich ausstellte und wofür er 1738 von der Deutschen Akademie der Naturforscher (Leopoldina) zum Mitglied ernannt wurde, finden sich Hinweise im linken Füllhorn, aus dem sich Muscheln, Seesterne und Ammoniten ergießen. Außerdem handelt es sich beim linken, „kronengezierten“ Wappen, auf dem ein schwarzer Adler mit erhobenen Flügeln steht, um das der Leopoldina: Einen „Ring von zwei Schlangen umwunden, die in ihren Mäulern ein aufgeschlagenes Buch halten“, beschreibt Lange.

Das rechte, einen Spangenhelm tragende, bürgerliche Wappen gilt als Wappen der Familie des Tuchmachers. Lange beschreibt es wie folgt: „Auf der beflügelten Endkugel des durch eine Krone gesteckten Ankers steht die in den Wappen von Handelsherren, Reedern und Fabrikanten oft vorkommende nackte Göttin der Gerechtigkeit und des Erfolges, die mit verbundenen Augen eine genau ausgeglichene Waage in der Hand hält, um anzuzeigen, daß des Hauses Wohlstand auf reellem Grund ruht.“

Göttin der Weisheit, Gott des Handels

Hoch über dem Portal flankieren zwei Götter-Figuren den Mittelgiebel des Grätzelhauses: Links Athene (in der römischen Mythologie Minerva genannt), die als Göttin der Weisheit und Beschützerin des Handwerks gilt, rechts Götterbote Hermes (Merkur), bekannt als Gott des Handels  und der Reisenden. Beide dienten laut Achhammer/Schwager „ebenfalls zur Charakterisierung des erfolgreichen Großunternehmers“.

Ursprünglich befanden sich im Erdgeschoss große, weite Kontorräume, darüber repräsentative Empfangs- und Wohnräume Grätzels, im zweiten Stock Schlafzimmer für die Familie sowie für fürstliche, adlige und bürgerliche Studenten, im dritten Stock ebenfalls Studentenwohnungen, und im vierten und fünften Stock des Mittelbaus Lagerböden für fertige Stoffe und Rohmaterialien. Später beherbergte das Grätzelhaus ein Stadtkaffee und eine Schreibmaschinenhandlung.

1891 kaufte Bernhard Schröder, Inhaber der Pianofortefabrik W. Ritmüller & Sohn, das Haus. Im Erdgeschoss wurden Verkaufsräume und das Café National eingerichtet. 1920 kaufte die Stadt Göttingen das Gebäude, zeitweise beherbergte es auch das städtische Museum und die Elektrohandlung Caspari.

Von 1991 an waren in den oberen Stockwerken Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge untergebracht. 1996 – Denkmalschützer sahen längst „dringenden Handlungsbedarf“ – verkaufte die Stadt das stark sanierungsbedürftige Gebäude zum symbolischen Preis von einer Mark an die Gebrüder Gellert. Diese führten anderthalb Jahre lang „erhebliche“ Sanierungsarbeiten unter strengen Denkmalschutzauflagen durch. Heute befinden sich Gastronomie, Praxen sowie drei Wohnungen in dem Gebäude.

Im Stadtgebiet Göttingen finden sich zahlreiche Gebäude, deren Fassaden mit Skulpturen, Fresken, Schnitzereien oder Stuckschmuck verziert sind. Eines davon ist das Grätzelhaus an der Goetheallee.

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Tuchmacher Grätzel

Johann Heinrich Grätzel wurde 1691 in Dresden geboren. Seine Vorfahren entstammten dem alten österreichischen Adelsgeschlecht derer von Grätz, deren evangelischer Zweig nach dem 30-jährigen Krieg in Erfurt und Dresden zu finden ist.

Johann Heinrich kam als 15-Jähriger nach Göttingen und arbeitete sich mit Feiß, Energie und Willen vom Färbergesellen zum kurfürstlichen Faktor und Begründer der Grätzelschen Tuchfabrik. Zusammen mit seiner Frau Dorothea hatte er zehn Kinder – drei Söhne und sieben Töchter.

Drei der Töchter musste das Paar klein begraben, ein Sohn und eine Tochter erkrankten als Säuglinge an Pocken. Sie blieben lebenslang einarmig und blind im Elternhaus. Grätzel hatte als größter Tuchfabrikant Göttingens mächtige Unterstützer: König Georg II. von England gewährte dem Unternehmer 1754 auf mehrere Jahre sämtliche Steuern und Zinsen sowie das Privileg, allein Kamelott herzustellen, solange in seinen Göttinger und Blankenburger Fabriken 40 oder mehr Webstühle in Betrieb sind.

Grätzel starb 1770 in Folge einer Erkältung fast 80-jährig. Er wurde in der Johanniskirche beerdigt.

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