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Die Flucht von Syrer Hassan nach Duderstadt

Die Zeit drängt Die Flucht von Syrer Hassan nach Duderstadt

Der Syrer Hassan hat die Odyssee der Flucht überstanden. Jetzt hofft er darauf, seiner hochschwangeren Frau die Einreise nach Deutschland ermöglichen zu können. Die Zeit drängt – doch es fehlt ein Stück Papier.

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Duderstadt. Die Zeit rennt für Hassan*. Obwohl er in Deutschland ist, in Sicherheit und fernab von Krieg und Verfolgung, findet er keine Ruhe. Seine Frau und die Kinder sitzen in Beirut fest. Safiye* ist im siebten Monat schwanger.

 
Eigentlich – möchte man meinen – hat Hassan das Schlimmste bereits hinter sich gebracht. Die Strapazen der Flucht, die Orientierungslosigkeit der ersten Monate in Deutschland, in denen er mehrfach umziehen musste, die Unterbringung in Erstaufnahmeeinrichtungen mit teils chaotischen Zuständen, wie er sagt. Selbst der positive Bescheid über den Asylantrag soll bereits vorliegen, so sei es ihm mitgeteilt worden. Doch darin liegt das Problem: Noch immer wartet er auf die Papiere, an denen für ihn alles hängt: die Wohnung, eine nahezu fest zugesagte Arbeitsstelle und, was das wichtigste für ihn ist, die Ausreise seiner Frau nach Deutschland.

 
Martina H. aus Duderstadt will helfen. Als eine von rund 70 ehrenamtlich tätigen Integrationslotsen im Landkreis Göttingen kümmert sie sich seit Monaten um Hilfe für Flüchtlinge, die in Friedland untergebracht sind, insbesondere in der Außenstelle Rosenthaler Hof. Sie hat Spenden gesammelt, Fahrdienste geleistet und Deutschunterricht in Westerode gegeben. Dabei hat sie Hassan kennengelernt und sich auf Anhieb gut mit ihm verstanden. Sie beschloss, ihn bei der Suche nach einer dauerhaften Bleibe in Deutschland zu unterstützen und zu seiner Integration beizutragen, sobald ihm das Bleiberecht erteilt würde. Außerdem versprach sie ihm, ihr Möglichstes zu tun, um Safiye und die drei Kinder nach Deutschland zu holen.

 

„Wir haben nur noch zwei Tage“

 

Dann erfuhr Hassan, dass Safiye schwanger ist – und alles musste ganz schnell gehen. Seitdem ist Martina ein Nervenbündel. „Wir haben nur noch zwei Tage“, ruft sie am Donnerstag ins Telefon. „Wir“, das sind alle. Das ist der Syrer, dem sie früher im Rosenthaler Hof Deutschunterricht gegeben hat. „Wir“, das ist die Familie des Mannes, die von Damaskus zu einem Geschäftsfreund nach Beirut geflohen ist und nun auf die Ausreisegenehmigung wartet. „Wir“, das sind die staatlichen Behörden, die das Verfahren der Ausreisegenehmigung abwickeln. „Wir“, glaubt Martina, sind alle, die dazu beitragen könnten, einer hochschwangeren Mutter von drei Kindern im Alter von 13, neun und vier Jahren das Leben in Deutschland zu ermöglichen. „Das Baby soll einen deutsch-arabischen Namen haben“, berichtet die Helferin – damit wolle die Familie symbolhaft Danke sagen für die Hilfe, die sie bei ihrem Neuanfang in Deutschland erhalten habe. „Im Falle einer Geburt im Libanon ist – abgesehen vom medizinischen Risiko – die sofortige Rückführung nach Syrien gewiss“, weiß Martina aus verlässlichen Quellen. Der Termin in der deutschen Botschaft in Dubai sei for Sonntag angesetzt, erklärt sie. „Dann wird es weitere vier bis acht Wochen bis zur Erteilung der Visa dauern.Das ist zu spät!“ Dabei sei jedem Syrer aus der Presse  und Fernsehen bekannt, dass Deutschland die stärkste Wirtschaftskraft Europas habe. Hassan fügt hinzu, dass er persönlich sich für Deutschland aus dem Grund entschieden haben, weil er aus den Medien die Information hatte, dass syrische Flüchtlinge ein besonders schnelles Verfahren erhielten, das innerhalb von drei Monaten abgewickelt und beendet sei.

 
Die Lehrerin für Englisch und Musik habe alle ihr bekannten Hebel in Bewegung gesetzt, berichtet die Helferin: Kontakt zu den Behörden gesucht, eine Rechtsanwaltskanzlei eingeschaltet, sich im privaten Umfeld nach Möglichkeiten zur Hilfe umgehört. Der erste und dringlichste Schritt sei dabei: die Anerkennung als Flüchtling. Dann könnten Hassans Frau und die gemeinsamen Kinder in Sicherheit gebracht werden. Denn aus einer kurzen Übergangslösung von vermeintlich wenigen Tagen sind nun bereits Monate geworden. Mittlerweile freuen sich die beiden älteren Kinder bereits auf die Schule hier in Deutschland und fragen ihre Mutter, wann es denn endlich losginge, berichtet Hassan.

 
Tatsächlich versetze ein positiv beschiedener Asylantrag Hassan in die Lage,  sich in Deutschland frei zu bewegen, bestätigt Thomas Gerdau, der für die Caritas in Stadt und Landkreis Göttingen in der Aufsuchenden Flüchtlingssozialarbeit tätig ist. Ohne den Bescheid brauche es eine ganze Reihe von Behördengängen, von der Ausländerbehörde bis hin zur Arbeitsagentur. Nur unter der Voraussetzung, all dies hinter sich gebracht zu haben, könne ein Asylbewerber den ihm zugewiesenen Ort dauerhaft verlassen. Erst als anerkannter Flüchtling habe Hassan die Möglichkeit dazu.

 
Erst damit habe seine Frau die Chance auf ein schnelles Visum, glaubt er. Damit könnte sie aus ihrer Notunterkunft in Beirut zum Flughafen gebracht werden und nach Deutschland zu kommen. Da die Lufthansa Schwangeren den Flug nur bis zur 36. Woche erlaube, blieben nur noch rund zwei Wochen, die notwendigen Vorbereitungen zur Ausreise zu treffen, erklärt Martina.

 
Hinzu komme, dass Safiye Asthmatikerin ist. Sie habe weder einen Versicherungsschutz noch Medikamente, erklärt sie. „Die Ersparnisse sind längst aufgebraucht.“ Eine Rechtsanwaltskanzlei in Göttingen sei eingeschaltet worden, um das Verfahren zu beschleunigen. „Mittlerweile ist Gefahr im Verzug“, ist Martina sicher.  Nachdem er am Montag noch einmal in Hannover vorsprechen musste, wo er nach seinem Aufenthalt in Westerode untergebracht war, hat sich Hassan am Donnerstag in einer Hau-Ruck-Aktion auf den Weg nach Duderstadt gemacht. Alles, was er an Dokumenten seit seinem Eintreffen in Deutschland bekommen hat, führte er mit sich. Eine erste Zuflucht fand er bei Martina, bei der er nun das Arbeitszimmer beziehen wird, solange er keine Wohnung für die Familie gefunden hat.

 

Job-Angebot besteht

Mit Franz-Josef Otto, der in Duderstadt, Fuhrbach und Seeburg Hotels und Restaurants betreibt, ist bereits ein Vorstellungsgespräch vereinbart. „Sobald Hassan hier ist, können wir sehen, wo er bei uns einsteigen kann“, signalisierte Otto Bereitschaft, den Mann Anfang 40 in seinem Hotel Zum Löwen einzustellen. Er könne ebenso als Hausmeister eingesetzt werden wie auch in der Küche oder im Service, sagt Otto. „Je nachdem, was ihm liegt“. Einzig an Dolmetschern habe er derzeit keinen Bedarf, da diese über die Firma Ottobock bereits gestellt würden. Deren Chef Hans Georg Näder hatte ebenfalls angekündigt, weitere Flüchtlinge in seinem Betrieb ausbilden und beschäftigen zu wollen. „Darin liegt eine Chance für die deutsche Wirtschaft“, hatte er während eines Essens gesagt, das er für rund 300 Flüchtlinge im Juni ausgerichtet hatte.

 
Nun konkretisiert sich der Bedarf: Flüchtlinge gehen auf die Suche nach Arbeitsplätzen und Ausbildungsstellen und Arbeitgeber bieten Stellen an. So auch Otto: Er suche je zwei Servicekräfte, Helfer in der Küche und Frauen, die auf den Etagen des Hotels mit anfassten. „Jetzt ist genau die richtige Zeit“, sagt er. Im beginnenden Ausbildungsjahr ließen sich Flüchtlinge bestens integrieren. Allerdings müsse schnell gehandelt werden. „Ideal wäre doch, die Männer und Frauen könnten direkt bleiben und würden nicht erst in die Erstaufnahmerichtungen gebracht und anschließend verteilt“, sagt er. Ein Wunsch, den auch Hassan äußerte. „Wenn doch nur alles schneller ginge“, sagt er.

 
*Name von der Redaktion geändert

 

Der Schlepper versprach einen Sandstrand – vor den Menschen lagen Felsen

Eine wahre Odyssee hat Hassan auf der Flucht von Syrien nach Deutschland im März erlebt. Von Damaskus floh er in einem Lastwagen in die über die Türkei in den Libanon. In Izmir gelangte er in einem vollkommen überbesetzten Kahn auf eine ihm unbekannte Insel. Die Schleuser hätten all Ihre Habe ins Meer geworfen, berichtet der Syrer. „Mir blieben meine Kleider und mein Handy“, sagt er. Das Smartphone sei für ihn, wie auch für jeden anderen, der die gefährliche Reise antrete, überlebensnotwendig. Online würden Informationen über Routen gesucht, Kontakt zur Familie gehalten, um den Aufenthaltsort zu benennen und die eigene Orientierung gewährleistet. „Ohne GPS hätte ich manchmal nicht gewusst, wo ich war“, erklärt Hassan.

 
So sei es ihm auch im Falle der Insel gegangen, die die Flüchtlinge nach einem sechsstündigen Marsch zur Küste und der gefährlichen Überfahrt mit dem Boot erreicht hätten. Der Schlepper, dem Riad rund 2500 Euro gegeben habe, versprach einen Sandstrand – und setzte die Menschen an einem Felsmassiv aus. Dahinter, habe der Mann mit der Maske gesagt, befinde sich ein Dorf, berichtet Hassan. Eine insbesondere für die Frauen und Kinder kaum zu bewältigende Klettertour begann.

 
Es gab Verletzte, die Kinder und Erwachsenen waren erschöpft und durstig, als sie am Gipfel ankamen. „Was wir dann sahen, hat uns endgültig die letzte Hoffnung genommen“, sagt Hassan. „Steine. Überall Steine.“ Da es mittlerweile dunkel geworden war, hätten er und andere beschlossen, Kleidung anzuzünden, um vorbeifahrende Fischer auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich sei es ihnen gelungen: Es kam Hilfe. Beim Abstieg zurück zum Strand habe es erneut Verletzte gegeben. Die Polizisten und Rettungskräfte, die die Menschen in Empfang nahmen, berichteten von Toten zwischen den Felsspalten. „Wir mussten uns Bilder von ihnen ansehen und sagen, ob wir jemanden identifizieren könnten“, sagt Hassan und stockt. Er habe niemanden gekannt. Und doch: All diese Menschen waren Syrer in derselben Situation wie er.

 
In Griechenland habe er zwei Tage in einer beengten Notunterkunft verbracht, wo ihn die Kälte beinahe umgebracht habe, sagt er. Er sei krank geworden, habe Fieber bekommen. Eigentlich hätte er seine Flucht unterbrechen wollen. Doch ihm blieben nur sechs Monate, um das Land zu verlassen.  

 
Hassan und vier weitere Männer entschieden sich für die Weiterreise im Hänger eines Lastwagens. Wieder hatte ein Schleuser vermittelt. Zwischen den Transportgütern eingequetscht und in ständiger Angst zu ersticken, seien sie nach Deutschland gebracht worden. Wie lange die Fahrt in dem Transporter gedauert hat, vermag er nicht zu sagen. „Wir durften die Handys nicht einschalten, um auf die Uhr zu sehen. Vielleicht waren wir zwei Tage unterwegs.“ Schließlich gelangte er nach Düsseldorf, wo sein deutscher Schwager mit der Familie lebt. Dort seien seine Dokumente erstellt worden, bevor er nach Unna weitergebracht wurde, Von dort aus ging es zunächst nach Bremen in eine Erstaufnahmeeinrichtung, dann weiter nach Friedland und schließlich nach Westerode. „Im Rosenthaler Hof habe ich mich endlich besser gefühlt“, erklärt Hassan. Die Zimmer seien größer gewesen, das Essen ausreichend und die Betreuung gut. Bereits bevor er durch die Landesbehörde nach Hannover weitervermittelt worden sei habe er gehofft, im Eichsfeld bleiben zu können.

 
Dort sei nun alles für seinen dauerhaften Aufenthalt vorbereitet. Die Wohnungssuche laufe, eine Arbeitsstelle habe er in Aussicht. Was ihm fehle, sei die Familie, die er in Form von Fotos auf seinem Handy und in seinem Herzen bei sich trage.

Gefährliche Felsküste bei der Ankunft in Griechenland.

Quelle: EF
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