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Facebook-Gruppe verändert Leben der Flüchtlinge im Landkreis Göttingen

„Wir reden nicht, wir handeln“ Facebook-Gruppe verändert Leben der Flüchtlinge im Landkreis Göttingen

Die Facebook-Gruppe „Flüchtlingshilfe Landkreis Göttingen” ging vor neun Monaten an den Start und zählt mittlerweile fast 3000 Mitglieder.

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Quelle: Grafik: fotolia, Neyro

Adelebsen / Rosdorf / Göttingen. Was vor neun Monaten als kaum wahrnehmbare Initiative begann, um einigen Flüchtlingen in Adelebsen ein paar Sachspenden zukommen zu lassen, hat sich inzwischen zur wohl größten und vielleicht am besten organisierten Institution für die koordinierte Unterstützung von Flüchtlingen in der gesamten Region entwickelt: die Facebook-Gruppe „Flüchtlingshilfe Landkreis Göttingen“.

Fast 3000 Mitglieder zählt sie mittlerweile – und es werden täglich mehr.

Die Geschichte der Gruppe beginnt bei Ralf Friedrich, und das genau genommen schon vor zwei Jahren. Friedrich, ein in der Altenpflege tätiger Heilerziehungspfleger aus dem Flecken Adelebsen, bekam damals mit, dass gegenüber seines Wohnhauses zwei Brüder aus Eritrea einquartiert worden waren.

„Man hat ihnen eine spärliche Grundausstattung in die kleine Wohnung gebracht. Von da an waren sie mehr oder weniger auf sich allein gestellt“, erinnert sich der 50-Jährige. Zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle, ein sehr alter Schrank, Besteck, zwei Teller, ein Topf –  mehr hatten die beiden nicht in ihren kargen vier Wänden.

  Hilfe von Friedrich lehnten die Brüder zunächst ab: „Aus Höflichkeit und Scham sagen auch heute viele ankommende Flüchtlinge erst einmal nein, wenn man ihnen materiell unter die Arme greifen will“, hat Friedrich festgestellt.

Doch damals wollte er den trostlosen Zustand der beiden jungen Männer einfach nicht akzeptieren. Er ging auf sie zu, gewann langsam ihr Vertrauen. Im August 2014 zogen nebenan auch noch zwei Syrer ein. Auch dort: „Das gleiche Bild. Abgesehen von der Grundversorgung hatten sie eigentlich nichts.“

  Zusammen mit seiner Mutter suchte Friedrich ein paar Sachen zusammen, brachte sie rüber.  „Was dann noch dringend fehlte, habe ich in einer anderen Facebook-Gruppe gesucht, in der Sachen verschenkt wurden“, blickt er zurück. Über diese Gruppe lernte er später auch Susanne Brodkorb kennen.

Die 49-jährige opfert heute wie Friedrich praktisch ihre gesamte Freizeit für die Flüchtlingshilfe. Wie so viele ehrenamtliche Helfer packt sie überall da mit an, wo es nötig erscheint – ohne dafür Gegenleistungen oder mediale Aufmerksamkeit zu erwarten. „Wir holen tonnenweise Kleidung.

Möbel, Spielzeug und andere Spenden von überall her und bringen die Sachen in die Unterkünfte“, erzählt sie. Tausende von Kilometern hätten viele schon mit ihren privaten Fahrzeugen zurückgelegt, um die Bedürftigen so schnell und unbürokratisch wie möglich mit dem Nötigsten zu versorgen.

Als Plattform zur Koordination dieser schnellen Hilfe dient mittlerweile die eines Tages von Ralf Friedrich gegründete, in den vergangenen Wochen rasant gewachsene Facebook-Gruppe. Und das funktioniert so: Verantwortliche Helfer aus verschiedenen Flüchtlingsunterkünften der Region posten regelmäßig Bedarfslisten in ein nahezu täglich aktualisiertes Dokument.

Die Mitglieder der Gruppe sehen den Bedarf – und reagieren oft sehr schnell mit eigenen Angeboten, Vermittlungen oder auch nur Ideen, wo man das Gebrauchte herbekommen könnte. Flugs wird dann noch organisiert, wie etwa das benötigte Hochbett von einer privaten Spenderin aus der Göttinger Innenstadt in die Flüchtlingsunterkunft auf den Zietenterrassen gelangen kann – und schon ist die Hilfe unterwegs.

Ohne komplizierte Anträge, ohne Bürokratie, ohne langes Gerede. Die Gruppenmitglieder können wiederum ihrerseits posten, was sie gerade übrig haben und spenden möchten. Meist wird noch dazugeschrieben, ob man die Sachen selbst bringen kann oder ob sie abgeholt werden müssen. Letzteres wird nicht selten binnen weniger Stunden organisiert. Viel effizienter kann Flüchtlingshilfe kaum funktionieren.

  „Oft geht es aber auch gar nicht nur um Sachspenden. Ebenso wertvoll ist gespendete Zeit, und wenn es auch nur eine Stunde ist. Es ist einfach wichtig, Beziehungen zu den ankommenden Menschen aufzubauen, etwas mit ihnen zu unternehmen – und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie hier sicher sind“, betont Marieke Thüne, die sich in der ehemaligen Anne-Frank-Schule in Rosdorf engagiert.

„Musik, Tanz, Sport, Ausflüge – es gibt so viele Möglichkeiten, ihnen den Neustart hier zu erleichtern“, findet die 28-Jährige, die für die Flüchtlingshilfe sogar einen Teilzeitjob aufgegeben hat. „Manchmal hilft es, einfach mit ihnen Karten zu spielen“, weiß auch Ralf Friedrich.

Und die oberste Maxime seines im besten Wortsinne sozialen Netzwerkes schiebt er gleich noch hinterher: „Wir reden nicht, wir handeln.“ Wer dabei helfen möchte, ist ihm übrigens ebenso willkommen wie jeder einzelne Flüchtling.

Social Network im echten Leben

„Ohne die gut organisierte Facebook-Gruppe wären wir sicherlich nicht so weit, wie wir jetzt sind“, bilanziert Marieke Thüne für die Flüchtlingsunterkunft in Rosdorf.

Ähnlich lautet der Tenor beispielsweise auch bei den Helfern in der ehemaligen Voigtschule, in Weende, Gleichen, Friedland oder Adelebsen. Auch wer nichts spenden möchte, kann sich jederzeit einbringen, zum Beispiel als Helfer in einer der vielen eingerichteten Kleiderkammern (Foto) oder als Fahrer.

Angemeldete Facebook-Nutzer erreichen die Gruppe unter folgendem Link: facebook.com/groups/344404895746253/

 

Der 21-jähriger Motaz ist vor einem Monat aus Syrien geflohen – und hilft jetzt den Helfern

Rosdorf.  Seit vier Wochen ist Motaz jetzt in Deutschland. Der 21-Jährige floh aus seiner Heimat Syrien, kam auf beschwerlichen Wegen nach Deutschland. Seine Mutter und seine 14-jährige Schwester musste er im Krieg zurücklassen – hoffend, dass die beiden so schnell wie möglich nachkommen können.

Zwei Jahre lang hat Motaz seine Flucht vorbereitet und Geld dafür gespart. 1300 Euro musste er allein dafür bezahlen, um illegal in die Türkei und weiter nach Griechenland zu gelangen. „Man braucht sehr viel Geld für eine Flucht“, beschreibt er.

Und das ist dann auch der wesentliche Grund, warum er Mutter und Schwester zunächst zurücklassen musste. Die kräftezehrende und phasenweise lebensgefährliche Reise wird er vermutlich niemals vergessen.

Umso bemerkenswerter ist es, dass Motaz in Rosdorf auf besonders beeindruckende Art und Weise bereits angekommen zu sein scheint. Statt sich den Sorgen um seine Familie und den negativen Gedanken zu ergeben, unterstützt er das Team der Johanniter und der vielen weiteren ehrenamtlichen Helfer tagtäglich bei der Arbeit.

„Er sortiert Kleidung, hilft beim Tragen schwerer Gegenstände und unterstützt uns einfach bei allem, was hier so anfällt“, schwärmt Marieke Thüne, die in der ehemaligen Anne-Frank-Schule in Rosdorf die Helfer und auch den Spendenbedarf über die Facebook-Gruppe koordiniert.

„Das ist doch ganz normal. Es ist für mich einfach eine Selbstverständlichkeit, selbst zu helfen, wenn ich kann“, ergänzt Motaz – mit einem Lächeln auf den Lippen.

Er träumt davon, irgendwann sein in Syrien begonnenes Mathematik-Studium in Deutschland fortsetzen zu können, wenn ihm hier Asyl gewährt wird. Doch das ist Zukunftsmusik; momentan beschäftigen ihn erst einmal die Probleme der Gegenwart.

„Ich habe schnell gesehen, dass hier sehr viel zu tun ist, da musste ich einfach mit anpacken“, beschreibt der junge Syrer seinen Antrieb. Binnen kürzester Zeit hat er sich so in Südniedersachsen bereits Freunde gemacht, übrigens auch unter den Mitbewohnern in der Rosdorfer Unterkunft. Motaz weiter:  „Für mich ist es völlig egal, wo jemand herkommt. Ich behandele alle Menschen gleich.“

Von Markus Riese

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