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Flüchtlinge in Rosdorf: Respektvoll trotz großer Enge

Anne-Frank-Schule Flüchtlinge in Rosdorf: Respektvoll trotz großer Enge

Nachdem die Sporthalle in Groß Schneen bei dem schweren Unwetter in der Region vor einer Woche überflutet worden war, leben in der Sporthalle der früheren Anne-Frank-Schule derzeit 200 Flüchtlinge. Es geht sehr beengt zu.

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Dicht an dicht stehen die Feldbetten in der Sporthalle der ehemaligen Anne-Frank-Schule in Rosdorf.

Quelle: Heller

Rosdorf. Jeder Raum ist voll belegt oder wird für dringend notwendige Tätigkeiten benutzt. In der oberen Gymnastikhalle sind alleinstehende Frauen oder Frauen mit Kindern untergebracht. Die große Halle unten ist mehrfach unterteilt – es gibt provisorisch abgetrennte Bereiche für Familien, für allein eingereiste Männer und einen weiteren für Frauen mit Kindern. Essen gibt es dreimal am Tag. Dafür steht ein größerer Tisch bereit, die meisten aber müssen sich zum Essen auf den Boden oder auf ihr Feldbett setzen. In einem Umkleideraum wird Wäsche getrocknet.

 
Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea. Sie gehen trotz ihrer unterschiedlichen Kulturen und Religionen kooperativ und respektvoll miteinander um – keine Selbstverständlichkeit angesichts der sehr beengten Verhältnisse, die für Privatsphäre keinen Raum lässt. Derzeit hilft auch das vorwiegend gute Wetter, Spannungen zu vermeiden. Viele Kinder und Jugendliche halten sich auf dem Schulhof auf und spielen Fußball. Das Wetter in diesen Tagen ermöglicht es, Wäsche zu trocknen. Dafür stehen zurzeit allerdings nur fünf Trocknergestelle zur Verfügung.

 
Ein weiteres Problem: Für alle Flüchtlinge, von denen sehr viele auf Kontakt zu Verwandten und Freunden in der Heimat angewiesen sind, bietet die Halle nur drei Steckdosen. Mit einer gespendeten Mehrfachsteckdosenleiste ist es seit Sonnabend wenigstens möglich, zwölf Smartphones gleichzeitig zu laden. Vorher gab es Warteschlangen von den Steckdosen. Für den kostenlosen Internet-Zugang sind die Flüchtlinge überaus dankbar: Innerhalb von 24 Stunden wurde für die Notunterkunft eine Freifunk-Verbindung geschaffen.

 

„Ich möchte Deutschland etwas zurückgeben“

 

Viele der jungen Syrer in Rosdorf sind Studenten. Sie haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen.

Viele der jungen Syrer in Rosdorf sind Studenten. Sie haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen.

Quelle: Heller

Es sind ganz ähnliche Geschichten, die Yazan, Abdulla und Mahmud erzählen – und doch hat jeder der Flüchtlinge in der Rosdorfer Sporthalle sein ganz eigenes Schicksal. Jetzt muss keiner von ihnen mehr um sein Leben fürchten.
Yazan ist erst vor einem Monat aus Syrien geflüchtet. Vorher hat er in Damaskus Wirtschaftswissenschaften studiert. Aber jetzt, sagt der 21-Jährige, „ist Zerstörung überall“. Nirgendwo gebe es Frieden. Als ihm die Einziehung in die syrische Armee drohte, fasste er den Entschluss, zu fliehen.

 
Sein größter Wunsch: in Frieden zu leben und sein Studium zu Ende zu bringen. „Ich bin Deutschland sehr, sehr dankbar, dass ich hier sein darf. Dafür möchte ich Deutschland etwas zurückgeben und arbeiten.“
Auch Abdulla war Student und möchte bald wieder einer sein. Zahnmedizin hatte er in Syrien studiert, floh aber vor der allgegenwärtigen Zerstörung. Erst kürzlich habe die syrische Luftwaffe seine von der Freien Syrischen Armee kontrollierte Heimatstadt, 100 Kilometer von Damaskus entfernt, bombardiert. „Soldaten oder Zivilisten – das ist denen völlig egal.“

 
Beide Studenten sind über die Route Griechenland-Mazedonien-Ungarn-Österreich nach Deutschland gekommen. Auch Mahmud aus Kobane, der monatelang von Kurden und IS umkämpften Stadt an der Grenze zur Türkei. Die letzten Eindrücke aus seiner Heimatstadt hat der 46-Jährige auf dem Smartphone gespeichert: unter strahlend blauem Himmel eine endlose Reihe von Ruinen.

 
Ein wenig anders ist die Lage in Afghanistan. Und doch sind die Gründe für die Flucht ähnlich. „In meiner Heimat gibt es keine Sicherheit“, sagt ein junger Flüchtling. „Ich bin froh, in Deutschland zu sein“ – trotz der beengten Verhältnisse in der Rosdorfer Halle.

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