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„Ich – bin – Dalal“: Der erste Schultag eines Flüchtlingsmädchens in Göttingen

Achtjährige aus Syrien „Ich – bin – Dalal“: Der erste Schultag eines Flüchtlingsmädchens in Göttingen

Dalal hält ihre kleine Schultüte mit einer Hand umklammert, mit der anderen hat sie ihre Mutter fest im Griff. Ihr Blick wandert schüchtern durch den Raum, ist aber gleichzeitig voller Vorfreude. Dalal kommt aus Syrien und lebt in der Flüchtlingsunterkunft auf den Zietenterrassen.

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Dalal übt an ihrem ersten Schultag auch beim Malen die deutschen Wörter.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Seit einer Woche ist sie eine Schülerin der Klasse 1d in der Wilhelm-Busch-Schule. Doch etwas Wesentliches unterscheidet sie von ihren Mitschülern: Dalal spricht kein Deutsch. Deswegen bekommt sie zusammen mit Simav, die seit zwei Wochen in dieselbe Klasse geht, Sprachförderunterricht bei Almut Volkers. „Wir haben uns vorab viele Gedanken gemacht“, erklärt die Lehrerin.

Neben grundlegender Aufbauarbeit will sie vor allem individuell auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Wegen der sozialen Kontakte sollen Dalal und Simav die meiste Zeit in ihrer Stammklasse verbringen. Täglich werden sie zwei bis drei Stunden herausgezogen, um mit einem Lehrer intensiv zu arbeiten. „Das scheint uns am passendsten, da ihre Klassenkameraden ebenfalls gerade beginnen, lesen und schreiben zu lernen“, erklärt Volkers die Vorgehensweise.

Die erste Schulstunde von Dalal beginnt mit einem Begrüßungslied. Simav kennt es schon und singt laut mit, Dalal lernt in diesem Moment ihre ersten deutschen Wörter: „Ich – bin – Dalal“, spricht sie nach. Wenig später steht Dalal an der Tafel, schreibt ihren Namen. „Male Dalal“, fordert die Pädagogin sie auf, und Dalal malt. Dabei nimmt sie die nächsten deutschen Wörter auf: „Auge, Nase, Mund.“

Beim Freispiel sprechen die Mädchen kurdisch, das entspannt sie. Dalal und Simav kennen sich aus dem Flüchtlingsheim. Dalal lebt dort mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester, Simav mit ihren Eltern und zwei Geschwistern. Volkers setzt sich dazu und zählt einige Kugeln. „Eins, zwei, drei, vier, fünf...“ Ganz beiläufig lernt Dalal deutsche Zahlen.

Es gongt, die erste Stunde ist vorbei. Im Klassenraum der 1d wartet Rita Eggers, ihre Klassenlehrerin. Die achtjährige Dalal bekommt einen Platz neben Antonia. Sie packen ihre Brotdosen aus und beäugen sich während des Frühstücks vorsichtig von der Seite.

Im Sitzkreis machen sich alle Kinder Gedanken, wie sich Dalal schnell bei ihnen wohlfühlen könnte. Lotta streichelt spontan ihren Arm. „Wir können ihr den Spielplatz zeigen“, schlägt Maxi vor. Lotta sagt, Dalal könne sie doch nach der Schule besuchen kommen. Sie ist bereits Patin von Simav und hat auch Dalal gleich ins Herz geschlossen.

Die erste Stunde in der neuen Klasse verläuft ruhig. Die Kinder singen ein Lied, und das neue Mädchen wippt und klatscht vorsichtig mit. Wieder am Platz, holen die Kinder ihre Stifte heraus und machen eine Schreibübung. Dalal hat in ihrem rotkarierten Ranzen alles für den Schulstart dabei, der Ranzen wurde mit der Erstausstattung gespendet.

Volkers sitzt dicht neben ihr und leitet sie und Simav an. Die erste Schulstunde in der neuen Klasse ist geschafft, es klingelt zur großen Pause. Die Kinder stürmen auf den Schulhof. Dalal wird von ihren neuen Freundinnen mitgezogen und tobt bereits nach wenigen Augenblicken mit Antonia, Lotta und Simav ausgelassen auf dem Schulhof.

Von Katrin Westphal

Stadt schafft  Koordinierungsstelle für schulpflichtige Flüchtlingskinder

Etwa 240 schulpflichtige Flüchtlingskinder leben nach Auskunft der Stadtverwaltung zurzeit in Göttingen. Der Unterricht für die neuen Schüler, die in der Regel noch kein Deutsch sprechen, wird in  Sprachlernklassen angeboten.

Um den Mehrbedarf abdecken zu können, hat die Stadt Göttingen für den Beginn des neuen Schuljahres elf zusätzliche Sprachlernklassen beim Land Niedersachsen beantragt, neun wurden bereits genehmigt. Dadurch gibt es in Göttingen 22 Sprachlernklassen an zwölf Schulen, in 20 Klassen wird bereits unterrichtet.

Für zwei Klassen der Geschwister-Scholl-Gesamtschule und des Max-Planck-Gymnasiums fehlen zurzeit qualifizierte Lehrer. Eine Sprachlernklasse kann bis zu 16 Schüler aufnehmen. Dort sollen sie in erster Linie Deutsch lernen. Dazu werden die  Schüler in den meisten Fällen Jahrgangs- oder altersübergreifend gezielt gefördert. Die Schulen entscheiden über die Aufnahme von Flüchtlingskindern selbst.

Sie sind dabei nur an die vorgegebenen maximalen Aufnahmekapazitäten gebunden.Nach Auskunft der Verwaltung richtet die Stadt Göttingen in ihrer Funktion als Schulträger jetzt eine Koordinierungsstelle für schulpflichtige Flüchtlingskinder ein. Dies hatte der Rat der Stadt Göttingen während seiner jüngsten  Sitzung beschlossen. Bei Aufnahmeproblemen soll über diese Koordinierungsstelle  versucht werden, nicht nur eine aufnahmebereite, sondern auch eine geeignete Schule zu finden.

kw

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