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Kiloweise Kleiderspenden für Flüchtlinge in Göttingen

Flüchtlingshilfe ehemalige Voigtschule Kiloweise Kleiderspenden für Flüchtlinge in Göttingen

Die ehrenamtlichen Helfer sind schnell. Es spielt keine Rolle, ob jemand neu ist, jeder findet sofort etwas zum Anpacken. Es ist Sonntagnachmittag, 16 Uhr. Die Annahmestelle für Kleidung ist für die nächsten zwei Stunden geöffnet.

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Göttingen. Flüchtlinge und Helfer schleppen die ersten Säcke ins Untergeschoss der alten Schule. Ein Fahrer ist gerade mit einer riesigen Fuhre angekommen.

„Anfangs sind wir von Zimmer zu Zimmer gegangen und haben den Hauptbedarf erfragt“, erzählt Nadia. Sie ist mit Julia und Lena seit dem ersten Treffen in der Gruppe „Flüchtlingshilfe alte Voigtschule“ organisiert. Das war vor drei Wochen. Seitdem ist ein gut gefülltes kleines Lager entstanden, in dem es neben Küchen- und Hygienebedarf hauptsächlich Kleidung gibt.

Im Raum versammeln sich die Helfer. Kurze Absprachen, dann geht es los. Eileen wühlt sich durch einen großen Berg unsortierter Kinderkleidung. Sie ist zum ersten Mal dabei, nach einer kurzen Anfrage über Facebook.

Maike hat vorher in einer riesigen Kleiderkammer in Hamburg geholfen, und viele Erfahrungen lassen sich übertragen. „Große Kindersachen können auch zu den Männern in Größe S gelegt werden“, ruft Maike in den Raum. Größe S ist absolute Mangelware: Es gibt Unterschiede zwischen Spendern und Empfängern bei Körperbau und Körpergröße.

Die ehrenamtlichen Helfer sind schnell. Es spielt keine Rolle, ob jemand neu ist, jeder findet sofort etwas zum Anpacken. © Hinzmann

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Im Flur hat sich eine kleine Gruppe von Bewohnern versammelt. Sie riskieren einen Blick und helfen den spendenen Göttingern, Kisten und Säcke zur Annahmestelle zu tragen. Eine junge Frau bringt eine Tasche voller Schreibblöcke und Kleidung. Kurze Absprache, kurzer Austausch, dann ruft sie zum Abschied: „Okay, ich bleib upgedatet, was ihr gerade braucht!“

Ein Spender hat eine Kiste neuer Socken abgegeben, ein anderer eine Palette Schampoo. Auch Rasierschaum, Zahnpasta, Deo und Duschgel füllen langsam die Regale. Die Helfer packen und sortieren weiter, haben auch die anderen Flüchtlingsheime im Blick. Durch den Raum fliegt Staub, nach zwei Stunden beginnen die Nasen der Helfer zu kribbeln. Doch es geht weiter – am nächsten Tag ist Kleiderausgabe.

„Haben noch so viel zu organisieren“

Es ist Montagabend, Kleiderausgabe nur für Männer. Viele Flüchtlinge haben sich vor dem Raum versammelt, mit Stühlen bilden sie eine Reihe. Im Ausgaberaum wird es hektisch, die Helfer besprechen die Vorgehensweise bei der dritten Kleiderausgabe.

Das System ist einfach und hat sich bewährt: Jeder Bewohner ist auf einer Karteikarte vermerkt, auf der steht, was er bisher erhalten hat. Ein Helfer soll bei der Auswahl des fehlenden Bedarfs unterstützen. Sascha öffnet die Tür und bittet den ersten Flüchtling herein.

Bahri kommt aus Syrien. Er spricht etwas Englisch und schaut sich vorsichtig in dem Raum um. Er braucht nur einen Pullover, ein T-Shirt und einen Rucksack. Mery vermerkt alles auf Bahris Karteikarte, und weiter geht es. Als nächster betritt Mohammed das kleine Lager. Er fragt nach einem Koffer. Die Nachfrage nach Koffern und Rucksäcken wird sich durch den gesamten Abend ziehen – keiner der Flüchtlinge weiß, wohin sein Weg ihn führen wird.

Ahmed ist der nächste, er kann sehr gut Englisch. Er braucht Schuhe und eine Winterjacke. Er entscheidet sich noch für einen grünen Pullover, eine Winterdecke und ein Wörterbuch. Er ist vorbereitet auf einen Winter in Deutschland. Dicke Strümpfe lehnen viele Männer erst dankend ab.

Die meisten kommen aus Syrien und haben noch keine Vorstellung vom bevorstehenden Winter. Im Flur wird viel gelacht, die Männer sind entspannt und machen Scherze mit Sascha. Für persönliche Gespräche bleibt in der ersten Phase wenig Zeit: „Wir haben noch so viel zu organisieren“, erzählt Sascha. Petra sortiert im Nebenraum weiter, sie sucht vor allem nach kleinen Jacken und Hosen. Sie sind absolute Mangelware und sofort vergriffen.

Mery vermerkt auf den Karteikarten auch die Sprachen, die die Flüchtlinge sprechen. Die meisten können etwas Englisch. Lena hat auch ein Zeigewörterbuch mitgebracht, in dem Bilder zur Verständigung dienen. Letztendlich braucht es aber nicht viele Worte, um zu helfen – und gemeinsam mit viel Spaß nach passender Kleidung zu suchen, in der sich der neue Besitzer wohlfühlt.

Von Katrin Westphal

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