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Künftige Flüchtlingsunterkunft in Bischhagen abgebrannt

Kriminalpolizei ermittelt Künftige Flüchtlingsunterkunft in Bischhagen abgebrannt

Am Dienstag sind die letzen Mieter ausgezogen, am Sonnabend sollten die ersten Asylbewerber einziehen. In der Nacht zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit ist in Bischhagen, unmittelbar jenseits der Göttinger Kreisgrenze, ein großes Fachwerkhaus, künftig Unterkunft für bis zu 30 Flüchtlinge, vollständig ausgebrannt.

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In das Fachwerkhaus in Bischhagen, in dem am frühen Morgen ein Feuer ausgebrochen war, hätten am Montag die ersten Bewohner einziehen sollen.

Quelle: DPA

Bischhagen. Ausgerechnet Gäste der grenzübergreifenden Einheitsfeier in Siemerode entdeckten den Brand und schlugen Alarm. Doch zu retten gab es nichts mehr. Auch wenn das große Fachwerkhaus im Ortskern zwischen Feuerwehrhaus und Löschteich steht, gelang es den Wehren nicht, den lichterloh brennenden Dachstuhl zu retten. Wehren aus allen vier Dörfern der Gemeinde Hohes Kreuz sowie aus Heiligenstadt halfen. Schwierigkeiten gab es, weil der Löschteich völlig verkrautet ist.

"Ich kam gegen 3 Uhr vom Fest nach Hause", sagt Gemeindebürgermeister Detlef Lesser, "da sah ich schon den Feuerball über Bischhagen." Und alles spreche für Brandstiftung, gibt er weiter, was er von den Feuerwehren gehört hat.

Die Kriminalpolizei in Nordhausen, die die Ermittlungen übernommen hat, ist da vorsichtiger. Am Sonnabendmorgen gingen Brandexperten erstmals ins Innere der Brandruine. Aussagen, ob Brandbeschleuniger benutzt wurde, gibt es von ihnen noch nicht.

Feuerwehrmänner hingegen berichten, dass das Treppenhaus und Dachgeschoss binnen kürzester Zeit im Vollbrand gestanden habe. Auch die jungen Leute, die gegenüber dem Dorfanger einen 20. Geburtstag feierten, bemerkten den Brand erst, als alles lichterloh brannte. Die Polizei spricht von einem Gesamtschaden von mindestens 100 000 Euro, der Eigentümer rechnet mit einem Mehrfachen dieser Summe.

Das Gebäude mit einer Wohnfläche von 600 Quadratmetern gehört einem in Göttingen lebenden Arzt mit Praxis in der Gemeinde Gleichen. Einst war es Wohnhaus eines Bauernhofes. Der Besitzer floh in den Westen. Zu DDR-Zeiten war es LPG-Büro, dann Kindergarten. Die Arzt-Familie habe nur kurz hier gewohnt, so Ortsbürgermeister Bernhard König, danach sei es an zwei Männer aus Siemerode vermietet worden, die zuletzt darin Arbeitskräfte aus Polen untergebracht hatten.

Das Dorf habe sich gut mit den bis zu 30 Polen verstanden, man habe sie zu Festen eingeladen und sie "unsere Polen" genannt, erzählt König. Allerdings: Das war nicht immer so. Anfangs habe es größte Vorbehalte gegen die in der Fleischfabrik in Heiligenstadt arbeitenden Polen gegeben, erzählt ein anderer Bewohner. Vergangene Woche dann seien die letzten Polen ausgezogen. Einige Umbauarbeiten habe es gegeben.

Am Wochenende sollte der Landkreis Eichsfeld 100 Asylbewerber zugewiesen bekommen; viele von ihnen sollten in das riesige Fachwerkhaus ziehen.

Im Dorf habe es darüber viele Gerüchte gegeben, aber nichts Genaues, ärgert sich König. Nicht einmal er als Ortsbürgermeister sei informiert gewesen. Im Dorf, so heißt es von anderer Seite, habe man Angst vor den Flüchtlingen gehabt - genauso wie vor zwei Jahren vor den Polen.

Sollte es sich als Brandstiftung herausstellen, sei das "schrecklich", sagte König. Gemeindebürgermeister Lesser sagte bei der Einheitsfeier in Siemerode gar, "eine grenzenlose Schweinerei".

"Klienbürgerliche Ängste" in Bischhagen

Landrat Werner Henning (CDU) sprach von "kleinbürgerlichen Ängsten", die im Dorf geherrscht hätten. Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) zu dem Feuer: "Wenn sich der Verdacht bestätigt, ist das ein schweres kriminelles Verbrechen." Er hoffe, dass die Täter schnell gefasst werden.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) warnte vor voreiligen Schlüssen: "Wir müssen uns die Zeit nehmen, um die Brandursache zu ermitteln", erklärte er via Twitter. Es sei beklemmend, wenn ein Gebäude brenne, in das Flüchtlinge einziehen sollten. "Auch weil in unseren Köpfen sofort ein böser Verdacht steht."

Auch Birgit Pelke, zuständige SPD-Landtagsabgeordnete für das Eichsfeld, mahnte: "Schnelle Verurteilungen nützen jetzt niemandem." Im Falle einer Brandstiftung würde es sich um einen "unverzeihlichen Angriff gegen die Würde der Menschen handeln, die in Thüringen Zuflucht und Hilfe suchen und auch erfahren sollen", ein Angriff auf ein "demokratisches weltoffenes" Thüringen. Die demokratie-und menschenrechtsfeindlichen Parolen der AfD bei ihren vergangenen Demos würden eine rechtspopulistische Stimmung erzeugen und zu extremistischen Taten motivieren, sagte Pelke.

Brand auch in Flüchtlingsunterkunft in Kleve

In der Nacht zum Sonnabend hat es auch in einem Flüchtlingsheim im nordrhien-westfälischen Kleve gebrannt. Dabei sind drei Menschen verletzt worden. Sie erlitten leichte Blessuren, als sie sich mit einem Sprung aus einem Fenster in Sicherheit bringen wollten.

Wie es in der Nacht zum Samstag zu dem Feuer in einem der Zimmer kam, konnte die Polizei zunächst nicht sagen. Die Feuerwehr löschte die Flammen. Danach konnten die Flüchtlinge zurück in ihre Unterkunft. Es entstand ein Schaden von etwa 50 000 Euro.

In den vergangenen Monaten brannten immer wieder Unterkünfte für Flüchtlinge in Deutschland. In vielen Fällen geht die Polizei von Brandstiftung aus.

mit DPA

zuletzt aktualisiert am Sonnabend, 3. Oktober, 15.30 Uhr

 

           
           
         

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