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MTV Rosdorf organisiert Leichtathletik-Einheiten für Flüchtlinge

„Ich mag dich“ MTV Rosdorf organisiert Leichtathletik-Einheiten für Flüchtlinge

Erst kamen nur ein paar, um beim Training  zuzuschauen – zufällig. Dann wollten immer mehr selber weit springen und Kugeln stoßen. Das war vergangene Woche. Spontan hat der MTV Rosdorf jetzt erstmals für die Flüchtlinge in einer Notunterkunft Leichtathletik zum Ausprobieren angeboten.

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Barfuß und in Jeans: Flüchtlinge aus dem Irak, Syrien und anderen Ländern trainieren in Rosdorf mit dem MTV Weitsprung.

Quelle: Heller

Rosdorf. Ehab Khalaf zögert nur kurz, dann zieht der 18-jährige Iraker kurzerhand seine Flip-Flops aus, geht barfuß in Position, läuft unglaublich schnell an und springt.

Er springt weit, sehr weit. Applaus und begeisterte Rufe vom Rand. „Olympia!“, ruft Manfred Hampe am Absprungbalken. Es ist seine Art zu loben, und alle verstehen ihn. „Mit meinem eingefrorenen Schulenglisch komme ich hier nicht weit“, sagt der Senior aus dem Sportabzeichen-Prüfungsteam des MTV Rosdorf. Spontan hatte sich eben dieses Team vergangene Woche entschieden, für die Flüchtlinge Leichtathletik-Einheiten anzubieten – ab dieser Woche immer dienstags.

In der Sporthalle der früheren Anne-Frank-Schule sind zurzeit etwa 200 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern untergebracht, es ist ein Außenstandort des überfüllten Erstaufnahmelagers in Friedland. Als mehrere Vereinsmitglieder auf dem Außengelände der Halle vor gut einer Woche für ihr Sportabzeichen trainierten, „erlebten wir eine berührende Freude unter den Flüchtlingen“, berichtet Hampe, wie es zu dem spontanen Projekt kam.

Nach anfänglichem Zögern hätten sich immer mehr an den Übungen beteiligt und sich abschließend überschwänglich bedankt. „Da war schnell klar, dass wir das weiter anbieten müssen.“

MTV Rosdorf organisiert Leichtathletik-Einheiten für Flüchtlinge. © Heller

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Auch an diesem Dienstag zögern einige noch, bevor sie dann immer wieder in die Sandgrube springen und  die schweren Kugeln stoßen. Es sind nur Männer, die es wagen – überwiegend junge. Die Frauen schauen mit etwas Abstand zu, die Kinder haben Spaß beim Schlagball werfen auf der Wiese. Talal Alboush ist fast immer einer der ersten, die es versuchen.

Der 25-jährige Betriebswirtschaftsstudent aus Damaskus hat als einziger Sportkleidung an: „Von einem Freund geliehen.“ Die Schuhe sind zwei Nummern zu groß. Auch in Damaskus hat er Vereinssport getrieben, vor allem Fußball. Dass er jetzt Springen und sich mit der schweren Wurfkugel abmühen darf, macht ihm sichtlich Spaß – „Ich mag dich“, sagt er in gebrochenem Deutsch zu Hampe. Es ist seine Art, Danke zu sagen.

Übertritte beim Weitsprung, falsche Haltung beim Kugel-Abstoß, Fehlstart beim Sprint? Hampe, Birgit Broker, Peter Mehnert und die anderen MTV-Mitglieder drücken alle Augen zu, „wir wollen den Flüchtlingen ein wenig Abwechslung bieten und gemeinsam Spaß haben“, sagen sie.

Natürlich geben sie auch Hilfestellung, erklären  Anlauftechnik, Absprünge und Fingerhaltung an der Kugel: mit Händen und Füßen, denn kaum ein Flüchtling spricht Englisch, schon gar nicht Deutsch. Das ist egal. Es klappt auch so. Nächste Woche soll es weiter gehen. Khalaf, Alboush und all die anderen werden dabei sein, versichern sie – und gehen zusammen Fußballspielen.

Fußball, Radsportcamp und ein neuer Platz

Es gibt immer mehr Sportvereine, die aktiv auf Flüchtlinge zugehen, Schnupperkurse und Trainingseinheiten anbieten und ihre Sportstätten öffnen. Drei weitere ausgewählte Beispiele:

Besonders aktiv ist der SC Hainberg 1980 – „denn Sport spricht alle Sprachen“, sagt Vorstandsmitglied André Pfitzner und spielt damit auf das Motto des Vereins an. Der SC Hainberg trainiert inzwischen regelmäßig mit afrikanischen Flüchtlingen aus einer Unterkunft in der Breslauer Straße Fußball und hat sie mit Sponsorenunterstützung dafür ausgestattet.

Die Vereinsmitglieder frühstücken gelegentlich mit den 23 Eriträern und laden sie und andere Flüchtlinge immer wieder in ihre Fun-Sporthalle zum Skaten ein. Außerdem hat der Verein mit der Jugendhilfe jüngst Sport-Schnupperangebote für minderjährige Flüchtlinge ohne Elternbegleitung aus der ganzen Stadt organisiert. Geplant sind weitere Projekte mit anderen Sportpartnern für die künftigen Bewohner eines neuen Wohnheimes auf den Zietenterrassen.  

Der ASC Göttingen von 1846 plant dort außerdem ein überdachtes Sportfeld und hat für seine Flüchtlingshilfe ein umfangreiches Konzept entwickelt. Vorgesehen ist ein breit aufgestelltes Bewegungs- und Sportangebot mit dem Schwerpunkt, Flüchtlingen erst einmal Abwechslung zu bieten, erklärt ASC-Referent Ole Fröhlich.

Zugleich sollen verschiedene Sportvereine auf dem neuen Platz ihre Angebote vorstellen. Zeigen sich dabei besondere Talente und Interessen, sollen die Teilnehmer in feste Trainingsgruppen vermittelt werden. Unabhängig davon gibt es beim ASC laut Fröhlich vereinzelte Anfragen von Flüchtlingsbetreuern, über die ihre Schützlinge in Übungseinheiten aufgenommen werden.

Der TuSpo Weende hat erst kürzlich ein Radsportcamp organisiert. Zwölf Flüchtlinge konnten unter Anleitung auf bereit gestellten Rennrädern rasante Stadionrunden drehen, lernten aber auch Verkehrsregeln für Radfahrer auf Deutschen Straßen.

„Es geht nicht um die Frage ‚ob?‘, sondern um das ‚wie?‘“

Seit 1989 engagiert sich der Landessportbund (LSB) Niedersachsen im Bereich Integration und soziale Benachteiligung. Warum sollten sich Sportvereine auch bei der Betreuung von Flüchtlingen einbringen? Und welche Tipps hat der LSB für die Vereine. Reinhard Rawe gibt Antworten .
Der LSB setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, Menschen mit Migrationshintergrund in den Vereinssport zu integrieren – warum?

Sport ist eine sehr gute Möglichkeit, um die Menschen zu unterstützen, auch wenn er nur einen kleinen Bereich abdecken kann. Wir engagieren uns seit fast 30 Jahren in der Integrationsarbeit – damals vor allem für die Übersiedler, heute in vielen Bereichen. Für uns ist diese Aufgabe auch eine gesellschaftliche Verpflichtung. Wir wollen Verantwortung übernehmen. Und dabei geht es nicht um die Frage „ob?“, sondern um das „wie?“.

Bisher zögern aber noch viele Vereine, selbst aktiv zu werden.... Warum?

Ich würde das anders herum sehen: Wir haben ganz viele Vereine, die sich stark engagieren. Wenn manche zögern, dann eher nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie vielleicht nicht die erforderliche Mobilität haben, nicht das gerade passende Sportangebot. Wir unterstützen die Vereine dabei, vorhandene Hemmnisse abzubauen.

Ist es ein Unterschied, ob sich die Vereine um Ausländer kümmern, die hier schon länger leben, oder um gerade angekommene Flüchtlinge?

Das muss man sicher unterschiedlich angehen, aber erst einmal unterscheiden wir nicht nach dem Aufenthaltsstatus. Für uns sind es in erster Linie Menschen, um die wir uns kümmern müssen. In der praktischen Arbeit ist dann schon ein Unterschied, ob man ein sportliches Angebot für Aussiedler, traumatisierte Flüchtlinge oder Migranten, die schon lange da sind und gute Sprachkenntnisse haben, durchführt.

Was empfehlen Sie den Vereinen: spezielle Angebote für Flüchtlinge, oder eine Öffnung der bestehenden Angebote?

Für komplexe Aufgaben gibt es keine einfachen Lösungen. Es gibt spontane niederschwellige Angebote, mit denen es gelingt, eine Gruppe zu Bewegung und Sport zu motivieren. Es gibt extra organisierte Lauftreffs, Fahrrad- und Schwimmkurse, die gut angenommen werden. Dann gibt es aber auch die normalen Vereinsangebote, in die sich einige einbinden lassen, wenn sie Erfahrungen mit Sport und Vereinsstrukturen haben. Wir müssen uns also am Bedarf orientieren.

Die Flüchtlinge haben selbst kaum das Nötigste bei sich. Ist es egal, ob sie in Sandalen Fußball spielen oder in Jeans Weitsprung üben?

Auch das kann man nicht normieren. Wenn sie barfuß weit springen, ist nichts dagegen zu sagen. Und niemand wird weggeschickt, weil er keine Sportsachen hat. Es gelingt fast immer, irgendwo über Spenden ein paar Fußballschuhe zu organisieren.

Sind alle Sportarten für eine gelingende Integration geeignet?

Grundsätzlich ja. Das hängt aber auch stark von den Vorerfahrung der Vereinsmitglieder ab.

Wie unterstützt der LSB Vereine, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren?

Wir haben ein umfassendes Programm aufgestellt mit „Richtlinien zur Förderung der Integration“. Es ist mit relativ viel Geld ausgestattet. Über einen Sondervertrag versichern wir Flüchtlinge und Asylbewerber bei der aktiven Sportausübung kostenfrei für die Vereine. Und wir kooperieren stark mit der niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung.

Sie hat ein Mobilitätsprogramm, über das bereits viele Vereine mit Bussen ausgestattet wurden. Wir bieten über die Stiftung Feriensprachcamps und über den LSB Lehrgänge zur interkulturelle Arbeit an. Darüber hinaus haben wir eine Info-Datenbank mit guten Ideen aufgestellt. Jeder kann und sollte etwas tun, wir unterstützen dabei intensiv.

Interview: Ulrich Schubert

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