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Studierende organisieren Flüchtlingshilfe

Entlang der Balkanroute Studierende organisieren Flüchtlingshilfe

Eine Gruppe Göttinger Studierende ist am Sonnabend aufgebrochen, um Flüchtlingen auf dem Balkan zu helfen. Über Weihnachten wollen sie dort mobile Küchen einrichten, Kleiderspenden verteilen und eine medizinische Erstversorgung aufbauen.

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Quelle: Heller

Göttingen. Stefan Bosse erwartet „sehr, sehr lange Schichten, lange Nächte im Regen, viele frierende Babys.“ Er war schon im Herbst bei einem Hilfseinsatz in Serbien dabei. Diesmal will die „Reisegruppe Vier“ nach Bulgarien. Es ist eines der Transitländer auf der sogenannten Balkanroute der Flüchtlinge. „In den dortigen Bergen werden sie oft ausgeraubt, die Menschenrechtslage ist schlecht“, erzählt die kroatische Journalistin Narissa Hnadic, die die Reisegruppe begleitet.

 

Spenden

Die Aktivsten wollen auf ihrem Blog über ihren laufenden Einsatz berichten. Zugleich ist das Projekt auf Spenden angewiesen, die der gemeinnützige Verein Bordermonitoring.eu abwickelt. Spenden können mit den Betreff „in solidarity with refugees“ auf folgendes Konto überwiesen werden:

 
Bordermonitoring.eu e.V
IBAN: DE75700205000009814300
BIC: BFSWDE33MUE
Bank für Sozialwirtschaft

Die will in Bulgarien eine mobile Küche und eine kleine Krankenstation einrichten. Zwei Kleinbusse und einen PKW haben sie mit Pavillons, Zelten, Funkgeräten und Heizstrahler beladen, erzählt die Studentin Mai Kraus. Außerdem haben die elf Aktivisten hunderte Rettungsdecken, Kleiderspenden und kistenweise Medikamenten eingepackt. Ein Arzt und eine Krankenschwester begleiten die Reisegruppe.

 

Kraus ist es wichtig, „unbürokratisch und unabhängig von großen Institution“ zu helfen, deshalb gehört die Reisegruppe keiner großen Hilfsorganisation an. Trotzdem gibt es reichlich Unterstützung: Ein Musik-Festival hat Material gespendet, von den Landfrauen kamen „vier Kisten mit Wollklamotten“, freut sich Hannah Behrend, ebenfalls Studentin. Allerdings sei das Projekt auf weitere Spenden angewiesen, dass letzte Mal habe man viel Material „einfach vor Ort gekauft“, sagt Behrend.

 

Zunächst fährt die Reisegruppe nach München, um sich mit anderen Konvois aus ganz Deutschland zu treffen. Anschließend wollen sich die Aktivisten auf dem Balkan verteilen und dort bis Anfang Januar bleiben. Dass sie Weihnachten verpassen, stört die Aktivisten wenig. Sie habe bei ihrem Einsatz im Herbst einige „unglaublich schöne Begegnungen erlebt, wo man Menschen etwas auf dem Weg mitgeben kann,“ erzählt Behrend. Zugleich seien einige Momente „auf gut deutsch einfach zum Kotzen gewesen“.

 

Von Christoph Höland
 

Interview

Sabine Hess

Sabine Hess

Quelle: Archiv

Am Sonnabend sind einige Göttinger Studenten aufgebrochen, um auf dem Balkan Geflüchteten zu helfen. Die Kulturanthropologin und Migrationsforscherin Prof. Sabine Hess von der Universität Göttingen beobachtet die Situation Geflüchteter dort schon länger.

 

Tageblatt: Was erwartet die Balkan-Helfer bei ihrem Einsatz?

Hess: Mittlerweile erwartet die Helfer eine massive humanitäre Katastrophe, dadurch, dass der Winter eingezogen ist. Auf der anderen Seite ist die Balkanroute mittlerweile sehr selektiv. Vor Allem die Griechisch-Mazedonische Grenze ist der neuralgische Punkt ist, wo stark ausselektiert wird. Aufgrund dieser Selektion kam es zu Protesten und Flüchtlinge haben sich gegenseitig angegriffen. Dort an der Mazedonischen Grenze bilden sich immer wieder Staus, von Leuten, die nicht durch kommen.

 

Was macht das denn mit den Flüchtlingen, die dort unterwegs sind?

 Das würde ich auch gerne wissen. Diese Bewegung ist eine kollektive Bewegung. Die Migrationsbewegungen über die griechischen Inseln entlang der sogenannten Balkanroute funktionieren nur, weil sich Netzwerke bilden. Ich glaube, es kann schon eine Erfahrung von Solidarität und Stärke sein, weil die Flüchtlinge, sobald sie behindert werden, offensichtlich zu politischen Protestaktionen greifen.

 

Zugleich muss das doch belastend sein?

Ich kann mir nur vorstellen, dass das ganz krasse Traumatisierungen

bedeutet: Immer wieder diese Unsicherheit, ob man über die nächste Grenze kommt, die Leute verlieren sich auf der Reise, Familien werden auseinander gerissen, es gibt ganz wenig medizinische Versorgung und die Essensversorgung ist total prekär.

 

Wie sähe denn aus ihrer Sicht ein staatliches Engagement aus, dass vielleicht auch ein Engagement wie das der Göttinger Helfer überflüssig machen würde?

Jedes Land hat einen Katastrophenschutz-Mechanismus. Wir in Deutschland haben das THW, andere Länder haben das auch. Bei Hochwasserkatastrophen wird sofort dieser Mechanismus in Kraft gesetzt. Die Frage ist, warum es sich diese Länder und Europa immer noch leisten, die Menschen so zu behandeln. Das geht nur weil es Flüchtlinge sind und weil ein grassierender Rassismus diese Menschen immer noch abwertet.

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