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Über 250 Teilnehmer bei Integrationskongress in Göttingen

#GöKongress Über 250 Teilnehmer bei Integrationskongress in Göttingen

Mit einem flammenden Appell an die Teilnehmer und gesamtdeutsche Gesellschaft hat Landrat Bernhard Reuter (SPD) am Freitag den Göttinger Integrationskongress für eine gelingende Willkommenskultur eröffnet: "Zu allererst hat jeder, der zu und kommt, das Recht auf eine würdevolle Behandlung, egal warum und woher er kommt."

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Mit einem flammenden Appell an mehr als 250 Teilnehmer und alle die Deutsche Gemeinschaft hat Landrat Bernhard Reiter (SPD) am Freitagmittag den Göttinger Integrationskongress für eine gelingende Willkommenskultur eröffnet

Quelle: Oppermann

Göttingen. Passgenauer konnte der vom Landkreis organisierte Kongress nicht sein. 800.000 Flüchtlinge erwartet Deutschland in diesem Jahr - und die Aufnahmelager sind schon jetzt überfüllt. Zugleich wird eine große Hilfsbereitschaft im ganzen Land zunehmend von ausländerfeindlichen Übergriffen überschattet. "Diese Herausforderung und die Lösung der aktuellen Probleme können wir nur gemeinsam schaffen", sagte Reuter zur Begrüßung der Kongressteilnehmer, die sich in anschließenden Workshops eigentlich schwerpunktmäßig damit befassen wollten, wie Flüchtlingen nach ihrer erfolgreichen Aufnahme im ländlichen Raum effektiv integriert werden können. Göttingens Landrat räumte zugleich ein, dass immer mehr Menschen ohne Ressentiments auch besorgt darüber seien, wie belastbar Deutschland noch unter der Flüchtlingswelle sei. Antworten darauf könnten nur die "große Politik und Merkel geben".

 

Das Land sei noch viel mehr belastbar, wenn es die Aufnahme und Anerkennung von Flüchtlingen nicht "durch selbst geschaffene Probleme" erschweren würde, sagte Prof. em. Dietrich Thränhardt von der Uni Münster in seinem Impulsvortrag zur Willkommenskultur in Deutschland. Die Hilfsbereitschaft sei "überwältigend" - weit mehr als in anderen Ländern. Allerdings erschwerten enorme bürokratische Hürden eine schnellere und reibungslosere Integration: zu lange Anerkennungsverfahren (Schweden und Österreich seien deutlich schneller), viel zu wenig "Entscheider" in den Aufnahmestellen, in der Folge ein enormer Bearbeitungsstau. Deutschland erwarte in diesem Jahr 800.000 neue Flüchtlinge, bei dem derzeitigen Tempo würden aber nur 300.000 Fälle bis Jahresende bearbeitet sein. Folge: eine lange Ungewissheit mit langem Lageraufenthalt für die Flüchtlinge - "das ist ist eher eine desintegrative Situation".

 

 

Eine Einschätzung, die der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Manfred Schmidt, bestätigte, zugleich aber viele Projekte und Reaktionen seiner Behörde auf die aktuelle Entwicklung lobte. Künftig würden Integrationskurse für Asylsuchende auch für andere Flüchtlinge geöffnet, es gebe mehr Aufnahmestellen und Dienststellen, und es sei mehr Personal eingestellt worden. Schmidt räumte aber auch ein, dass das BAMF und die Bundesregierung die Entwicklung falsch eingeschätzt habe. "Die Zunahme aus Ländern wie Afghanistan, Irak, Iran und Syrien war absehbar, aber nicht die Welle aus den Balkanländern." Nur durch die jetzige Masse stehe Deutschland vor den jetzigen Problemen bei der Unterbringung und Bearbeitung. Deutschland habe es "verschlafen", rechtzeitig auf diese Entwicklung zu reagieren und zum Beispiel die erforderlichen Strukturen zu schaffen.

 

Zugleich warb Schmidt dafür, das Potenzial der Flüchtlinge zu sehen und zu nutzen und sie schon deshalb schneller zu integrieren. 15 Prozent hätten einen Hochschulabschluss, 15 Prozent einen Schulabschluss mit Hochschulzugang, 30 Prozent eine allgemeine hohe Qualifikation. Schmidt warb auch dafür, ehrenamtliche Helfer und engagierte Gruppen stärker in den Blick des BAMF zu nehmen und in seine Projekte einzubeziehen.

 

Rahmen muss passen, „damit Hilfsbereitschaft nicht kippt“

 

Auch während einer Podiumsdiskussion zum Abschluss des Göttinger Integrationskongresses lobten die Gäste die große Hilfsbereitschaft und Empathie vieler Menschen in den professionellen Einrichtungen, aber besonders auch von Ehrenamtlichen. Jetzt komme es allerdings darauf an, gesellschaftlich und politisch einen rahmen zu schaffen, der diese Bereitschaft dauerhaft trägt, sagte der Göttinger Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann (SPD) – „damit diese große Bereitschaft bleibt und nicht kippt“. Ehrenamtliches Engagement könne aber nicht alles leisten, warnte Thomas Heek, Leiter der Caritas in Friedland. Eine erfolgreiche Flüchtlingshilfe und Integration sei einer einfachen Gleichung unterworfen: Willkommenskultur und Teilhabe sei nur mit ausreichend Personal und somit mit mehr Geld möglich.

 
„Natürlich brauchen wir mehr Geld“, ergänzte Göttingens Landrat Bernhard Reuter (SPD), das forderten die Kommunen schon lange – und über den gerade erst vom Bund erhöhten Betrag hinaus. „Wir brauchen aber auch mehr Fachkräfte und Räume“, fügte er an – „und hauptberufliche Berater, die die Ehrenamtlichen unterstützen“. Zumal Ehrenamtliche nicht über Asylanträge entscheiden könnten, ergänzte der CDU-Landtagsabgeordnete Jörg Hillmer aus Uelzen. Zugleich beklagte er, dass die eigentlich dringend erforderliche Integration von Flüchtlingen durch einen großen Bearbeitungsstau bei der Aufnahme und Anerkennung zurzeit zu kurz komme: „Hier muss der Staat adäquat seiner Aufgabe nachkommen.“

 
Während einer Publikumsrunde appellierte eine Frau an Bürger mit großen Wohnungen und viel Platz, Flüchtlinge und vor allem Jugendliche bei sich aufzunehmen. So könne Integration am Besten gelingen – inklusive des Erlernens der Deutschen Sprache. Oppermann griff die Idee auf und regte Bürgermeister-Patenschaften für Flüchtlingsfamilien an. Heek ging noch einen Schritt weiter und brachte ganze Dörfer als mögliche Betreuungs-Team ins Spiel.

 
Nahezu alle Kongressteilnehmer werteten die eineinhalbstündigen Workshops im Kern des Integrationskongresses zur Rolle der Sportvereine, zu den Willkommensstrategien der Politik, zum Thema Bildung, zur Betreuung minderjähriger Flüchtlinge und zur Rolle der Medien als sehr hilfreich. Dabei seien vor allem gute Praxisbeispiele genannt worden, fasste Moderatorin Ute Andres anschließend zusammen, aber auch kritische Fragen: zum Beispiel zur Zukunft der Vereine, wenn ihre Sporthallen lange als Unterkünfte genützt werden müssen oder zum Teil einen  unsensiblen Sprachgebrauch in den Medien.

 


           

 

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