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Wollershäuser feiern St. Martin mit Andacht und Spiel in der Kirche

Warmherziges Willkommen Wollershäuser feiern St. Martin mit Andacht und Spiel in der Kirche

Von der Decke im Altarraum der Wollershäuser Marienkirche hängt noch die Erntekrone. Die Gläubigen in der kleinen Gemeinde in dem 480-Seelen-Ort zeigen mit gebundenen Ähren und roten Schleifen ihre Dankbarkeit für das, was die Natur ihnen mit der Ernte geschenkt hat. Unter dem Kranz befindet sich ein Teppich, auf dem ein ausgebreiteter Mantel liegt, daneben Schwert und Helm.

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Gemeinsamer Gesang erklingt beim Martinsumzug in Wollershausen: Dorfbewohner, Flüchtlinge, Helfer und sogar Sicherheitskräfte bilden einen Kreis vor dem Eingang zur Flüchtlingsunterkunft.

Quelle: Schauenberg

Wollershausen. An diesem Abend sind der Dank für die Gaben und das Geben an den Nächsten ganz nah.

Die Türen der idyllischen Kirche stehen weit geöffnet. Ein Kind verteilt Liedzettel an die Frauen und Männer, die mit Kindern an der Hand und auf dem Arm eintreten. Pastor Jens-Arne Edelmann  empfängt die Gemeindemitglieder mit freundlichen Worten. Die meisten spricht er mit Namen an.

Während sich die vorderen Reihen mit munteren Kindern füllen, die sich gegenseitig zuwinken und stolz ihre Laternen präsentieren, setzt sich ein Mann allein in die vorletzte Reihe. Er blickt freundlich in die Runde, lächelt den Menschen um sich herum zu. Sein schwarzes Haar glänzt im Schein der Kirchenbeleuchtung. Über dem grauen Pullover trägt er eine Warnweste.

Trotz der vielen bunten Kinderjacken fällt die orangefarbene Weste mit den reflektierenden Streifen auf.

Als er den Liedzettel betrachtet, rutscht der Ärmel seiner Jacke hoch. Darunter lugt ein Armband hervor. Es ist eines der Registrierungsbänder, die die Menschen bekommen, die derzeit in der Turnhalle am Schloss Wollershausen untergebracht sind.

„Kommt, wir wollen Laterne laufen“

Edelmann tritt in den Altarraum und ruft fröhlich „Los geht‘s.“ Er greift seine Gitarre und stimmt „Kommt, wir wollen Laterne laufen.“ Vom ersten Ton an singen die rund 60 Frauen und Männer und vor allem die Kinder mit. „Kommt, wir woll‘n Laterne laufen, keiner bleibt zu Haus“, schallt es durch den Kirchenraum.

Auf dem Schoß einer Mutter tanzt ein Kind, das noch viel zu klein ist, um den Text singen zu können. Auf der vorletzten Kirchenbank wiegt sich ein Mann, der womöglich nicht weiß, was dort gesungen wird. Aber er scheint zu spüren, dass es etwas Fröhliches ist. Immer wieder blickt er lächelnd erst auf seinen Liedzettel, dann in die Runde.

„Wir hatten die Flüchtlinge eingeladen, die Andacht mit uns zu feiern“, richtet Edelmann das Wort an die Gemeinde, zu der an diesem Abend in der Kirche ein Mensch mehr gehört. „Heute geht es um die St.-Martins-Geschichte. Aber in einer besonderen Form“, kündigt er lachend an, bevor er beginnt, Instrumente an die Kinder zu verteilen. Sie untermalen die Geschichte, die Edelmann erzählt, und die zwei Kinder in den Rollen des Heiligen Martins und des Bettlers spielen.

Mit klingenden Triangeln geben sie der klirrenden Kälte, die Martin auf seinem Weg begleitet, ein Geräusch. Als Edelmann die Gemeindemitglieder aufruft, mit Fingergeprassel den Schneeregen hörbar zu machen und mit Zischlauten den Wind, tönt es durch die Kirche. Auch der Mann in der vorletzten Reihe macht mit. Ein neuer Klang ertönt, einen Moment später setzt er ein. Die erklärenden Worte des Pastors braucht er nicht. Er macht einfach mit.

„Martin hat ein Auge für den Bettler. Er sieht ihn auch mit dem Herzen“, sagt Edelmann, als das Spiel an der Stelle ist, in der Martin seinen Mantel durchtrennt und mit dem Bettler geteilt hat. „Als er sich den Mantel umgehängt hat, wird es dem Bettler gleich ein wenig wärmer“, sagt Edelmann, und die Gemeindemitglieder sollen die Hände aneinanderreiben. Die Wärme im Raum rührt nicht allein daher.

„Wie Martin mit dem Mantel, geben wir gerade ein Stück Wärme ab“

Das Licht wird gelöscht. Martin, gespielt von einem Kind aus Wollershausen, schläft. Im Traum sieht er – „Timon“, krakeelt ein Kind aus den Bankreihen, und meint damit den Jungen, der die Rolle des Bettlers übernommen hatte. Alle lachen. Als das Licht wieder angeht, ist aus dem Lächeln des Mannes in der vorletzten Bank ein strahlendes Lachen geworden.

„Martin hat dem Bettler einen Teil des Mantels gegeben“, sagt Edelmann. „Aber den anderen hat er ja noch.“ So ähnlich passiere es gerade in Wollershausen. „Einen Teil unseres Ortes teilen wir auch gerade mit unseren Gästen“, erklärt Edelmann. „Wie Martin mit dem Mantel, geben wir gerade ein Stück Wärme ab.“

„Vergiss den andern‘ nicht, drum brennt das kleine Licht“, singen die Besucher der Andacht, bevor das Vaterunser gesprochen wird. Die Lippen des Mannes in der vorletzten Reihe bewegen sich nicht. Er hält die Hände gefaltet und blickt nach vorn. Beim „Amen“ senkt er den Kopf und bekreuzigt sich wie die anderen Kirchenbesucher.

Während die Kinder ihre Fackeln und Laternen greifen, Mütter Reißverschlüsse hochziehen und Väter Feuerzeuge zücken, öffnet sich die Tür der kleinen Kirche. Die Kinder, die den Weg bereits aus den Vorjahren kennen, stürmen ins Freie. Singend und mit ihren Laternen wollen sie durch das Dorf ziehen.

„Das ist wohl der sicherste Martinsumzug aller Zeiten“

Draußen angekommen, verdoppelt sich die Zahl der Teilnehmer des Martinsumzuges mit einem Schlag. Männer und Frauen, Mädchen und Jungen stehen bereit, sich dem Laternenumzug anzuschließen. Viele von ihnen tragen Warnwesten und ein Registrierungsarmband unter dem Jackenärmel. „Kommt, wir woll‘n Laterne laufen, keiner bleibt zu Haus“, hatten die Kinder in der Kirche gesungen.

Begleitet wird der Zug in diesem Jahr nicht nur von der Feuerwehr, sondern auch von Männern, die das Emblem eines Sicherheitsdienstes auf ihren Jacken tragen. „Das ist wohl der sicherste Martinsumzug aller Zeiten“, sagt einer der Securitys lachend. „Und der größte“, ergänzt ein Feuerwehrmann.

Am Schloss, dort, wo sich die Turnhalle befindet, in der gerade am Morgen 50 Flüchtlinge angekommen waren, bilden die Teilnehmer des Umzugs einen Kreis. Dort steht eine Straßenlaterne, es fällt leichter, auf dem Liedzettel den Text mitzulesen.

Doch bevor Edelmann „Let‘s have a good song“, sagt und „Durch die Straßen“ anstimmt, begrüßt er die Menschen, die zuvor noch nicht in der Kirche gewesen waren, auf Englisch. „A warm welcome to you“, heißt er die Menschen willkommen und beginnt zu singen.

Die Wollershäuser singen mit ihm. Und sie singen mit den Menschen, die den Text des Martinsliedes noch nicht verstehen, aber summen oder klatschen. Als der Gesang verstummt, und sich der Zug in Bewegung setzt, geht ein Kind zu einem der Männer in Warnweste und fasst seine Hand. Es reicht ihm seine Laterne.

Mantelteilen als Zeichen der Menschlichkeit

„Es geht nicht um den Mantel“, sagt Marita Eckermann. Der Gedanke des Teilens, des Abgebens sei es, der Kindern in ihrer Einrichtung, dem Kindergarten St. Klaus in Duderstadt, vermittelt werden soll, indem die Geschichte des Nothelfers erzählt und gesungen wird. Nicht nur am Martinstag, aber am Gedenktag des Heiligen Martin ganz besonders. Die Aktualität der Worte sei ihr durchaus bewusst.

Die Figur des Heiligen Martin, sagt Eckermann, stelle für die Kinder dabei eine Identifikationsfigur dar, dessen Handeln sie im Kleinen nachzuahmen versuchten. Im Kindergarten werde die Geschichte des Heiligen erzählt, der einem Bettler die Hälfte seines Mantels überließ, um ihn vor der beißenden Kälte des Winters zu schützen. Dabei hörten nicht allein Kinder katholischen Glaubens zu, sondern auch Mädchen und Jungen, die einen anderen religiösen Hintergrund mitbrächten.

„Den Kindern ist es egal, wer auf Hilfe angewiesen ist. Nationalität, Religion oder soziale Herkunft spielen dabei keine Rolle.“ Kinder unterschieden nach „Freund“ und „Nicht-Freund“ – und jemand, der hilfebedürftig sei, werde für sie in seiner Notlage intuitiv automatisch zum „Freund“, hat die Pädagogin beobachtet.

Dieses Denken habe auch der Heilige gelebt, der auch in der orthodoxen, anglikanischen sowie der evangelischen Kirche verehrt wird. Am Martinstag sei der christliche Gedanke für die Betreuer und Kinder in dem katholischen Kindergarten zwar von Bedeutung, stehe aber allein nicht im Mittelpunkt.

„Unsere muslimischen Kinder beteiligen sich an der Martinsfeier wie alle anderen auch. Sie gehen nur nicht mit in die Kirche und bekommen nicht den Segen erteilt“, erklärt Eckermann. Für sie stehe dies nicht im Widerspruch. Ebenso wenig wie sie es unpassend finde, den traditionellen Martinsliedern einen modernen Anstrich zu verleihen. „Wichtig ist nicht, welche Worte benutzt werden, sondern welche Botschaft die Lieder vermitteln“, sagt Eckermann.

Einzig hinsichtlich der Laternen, mit denen die Kinder zum Umzug gehen, sei der Kindergarten St. Klaus traditionsbewusst. Statt Minions und Monstern, die sich inzwischen bei selbstgebastelten wie auch bei gekauften Laternen großer Beliebtheit erfreuen, setze sie auf Eulen, Pilze und Monde als Motive oder mit Handabdrücken gestaltete Kugeln.

„Wenn Laternen mit Monstern dafür stehen, das Licht in die Welt zu bringen, habe ich nichts dagegen“, sagt Pastorin Christina Abel, die am Martinstag in Duderstadt den ökumenischen Gottesdienst mitgestalten wird. „Kinder mögen eben manche Figuren. Ich würde das nicht moralisieren.“

Das Abgeben des eigenen Besitzes an die Menschen, die der Hilfe bedürfen, sei für sie ein Zeichen von Respekt und Menschlichkeit. Insofern sieht auch die Pastorin die Parallelen zwischen dem, was am Martinstag im Mittelpunkt steht, und der Hilfe, die derzeit für die Flüchtlinge geleistet werde. „Die Aktualität ist eigentlich immer da“, sagt sie. Aber durch die Flüchtlingssituation sei sie in den Vordergrund getreten.

Das Tragen der Laternen sei für sie ein äußeres Zeichen dieses Gedankens, der im christlichen Glauben durch das Wort Jesu „Ihr seid das Licht der Welt“ verdeutlicht werde. Dabei handele es sich bei dem Ansatz der Nächstenliebe nicht um einen genuin christlichen Gedanken, sondern um eine jüdische Idee, die Jesus in der Bergpredigt sogar auf seine Feinde bezogen habe.

„Kinder, die sich mit der Martinsgeschichte auseinandersetzen, lernen die Nächstenliebe spielerisch kennen“, erklärt sie. Im evangelischen Kindergarten in Duderstadt werde dies umgesetzt, indem die Kinder die Rollen des Heiligen Martin und des Bettlers einnehmen. Dies sei in der Einrichtung Tradition, selbst wenn die evangelische Kirche die Heiligenverehrung nicht kenne. „Wir feiern trotzdem St. Martin“, sagt sie und spielt damit auf die Diskussion an, das Fest in „Laternenfest“ oder „Lichterfest“ umzubenennen.

Ihr komme mit einer Bezeichnung wie dieser der Gedanke des Gebens zu kurz, auf den auch in Martinsliedern wie „Wenn jeder gibt, was er hat“ oder „Von einer Hand zur anderen Hand“ angesprochen werde. „Das Schöne an diesen Liedern ist, dass die Kinder sie über den Martinstag hinaus in den Alltag mitnehmen: Sie summen die Melodien und singen die Texte auch noch Tage später.“

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