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Brief gegen Flüchtlingsheim auf den Zietenterrassen löst Empörung aus

„Tumber Rassismus“ Brief gegen Flüchtlingsheim auf den Zietenterrassen löst Empörung aus

Der Brief des Informatikprofessors Harald Richter von der Technischen Universität (TU) in Clausthal an Göttinger Sozialpolitiker gegen das geplante Flüchtlingswohnheim auf den Zietenterrassen hat für Empörung gesorgt. Von „tumben Rassismus“, der den Wissenschaftsstandort Göttingen gefährde, spricht etwa der Göttinger Integrationsrat.

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Die Göttinger Zietenterrassen: Platz für Flüchtlingswohnheim und Forschungseinrichtungen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. 70 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz scheue sich Richter nicht, „mit rassistischen Argumenten gegen Flüchtlinge und die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft auf den Zietenterassen zu hetzen“.

Schaden für Einrichtungen befürchtet

Richter hatte in dem Schreiben, das mit seiner Dienstadresse versehen ist, argumentiert, dass ein „Asyl- und Flüchtlingswohnheim“ die Expansion der Wissenschaft und der Hochtechnologie auf den Zietenterrassen beende und Einrichtungen schade. Angesichts „von in Gruppen herumstehenden Afrikanern, die nicht arbeiten dürfen, sowie verschleierten Frauen mit zahlreichen Kindern“ würde kein Industriepartner der Außenstelle des Fraunhofer-Institut für Schicht- und Oberflächentechnik (IST) glauben, „dass an diesem Standort Hochtechnologie gemacht wird“.

Christian Ernst, Sprecher der TU Clausthal, weist daraufhin, dass es sich bei dem Brief um Richters private Meinungsäußerung handelt, die nicht die Meinung der Uni widerspiegele. Man sei stolz darauf, international zu sein. Ob der Brief Konsequenzen für Richter haben wird, stehe noch nicht fest. Die Angelegenheit werde geprüft.

Auch die von Richter in dem Brief erwähnte Hochschule für Wissenschaft und Kunst (HAWK) und das Fraunhofer-Institut distanzieren sich entschieden von Richters Aussagen. „Wie kommt Richter zu seinen Mutmaßungen“, fragt IST-Sprecherin Simone Kondruweit. Auch von der von Richter angeführten Umwandlung der IST-Außenstelle in ein eigenständiges Institut spreche derzeit niemand, sagt sie. HAWK-Sprecherin Sabine zu Klampen betont, dass Richters Aussagen keinesfalls mit der HAWK abgestimmt seien. Seine Auffassungen würden nicht geteilt. Im Gegenteil: Zu Klampen kündigte an, dass die Hochschule den Flüchtlingen dort helfe werde, wo es möglich ist. Die Erweiterungspläne der Hochschule auf den Zietenterrassen würden durch ein Flüchtlingswohnheim jedenfalls nicht gefährdet.

HAWK-Vizepräsident Wolfgang Viöl (von links), Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta und GWG-Geschäftsführerin Ursula Haufe

Quelle:

„Unglaublich und geradezu ekelhaft“

Ursula Haufe, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen (GWG), betont, dass mit Bekanntwerden der Wohnheimspläne der GWG gegenüber von ansässigen Firmen keine Bedenken oder Beschwerden vorgebracht wurden. Sie verweist auf eine Vereinbarung der Stadtverwaltung mit dem Präsidium der HAWK über eine fünfjährige „temporäre Nutzung“ der südlichen Teilfläche zwischen Ehrengard-Schramm-Weg und Hannah-Vogt-Straße.

„Ich finde es unglaublich und geradezu ekelhaft, welche Positionen Herr Richter vertritt, und dann auch noch so tut, als spräche er im Namen von Unternehmen auf den Zietenterrassen und der Fachhochschule“, sagt Hans-Juergen Kahlert, Geschäftsführer der Innovavent GmbH auf den Zietenterrassen.  „Ich habe überhaupt nichts gegen ein Flüchtlingsheim auf den Terrassen und auch keine Sorge, dass dies unser Geschäft in irgendeiner Form beeinflussen wird.“ Ähnlich äußert sich Roger Wimmel, Geschäftsführer der ebenfalls auf den Terrassen angesiedelten Eras GmbH. Er plädiert dafür, die Flüchtlinge, denen „übel“ mitgespielt wurde, mit „Würde und Wohlwollen“ zu empfangen.

Unterdessen hat die SPD-Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta ihre Anfrage an die Landesregierung zu dem Thema eingebracht. Sie berichtet von anonymen Mails, die sie erreicht haben. Darin werde sie als „Ausländerschlampe und Schlimmeres“ bezeichnet.

Stellungnahme des Integrationsrates Göttingen im Wortlaut:

"Der Integrationsrat ist empört über den rassistischen Brief des Informatik Professors Harald Richter. Siebzig Jahre nach der Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz scheut sich dieser Herr Richter nicht, mit rassistischen Argumenten gegen Flüchtlinge und die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft auf den Zietenterassen zu hetzen.  Deutlicher kann man seine Lernunfähigkeit nicht zum Ausdruck bringen, da hilft auch eine 30jährige Berufserfahrung nicht.

Die durch nichts zu belegende Behauptung, ein Flüchtlingswohnheim würde die Entwicklung und Expansion der Wissenschaft und Hochtechnologie beenden, dient allein nur dem Zweck Ängste und rassistische Ressentiments bei der Bevölkerung vor Ort zu schüren.

Wissenschaft und Forschung wirkten schon immer global und die internationale Zusammenarbeit ist für den Wissenschaftsstandort Göttingen von existenzieller Bedeutung. Rassismus aber, verhindert dies.

Statt gegen Flüchtlinge zu hetzen und die Bevölkerung aufzuwiegeln, wird es Zeit, sich mit der Situation der Flüchtlinge auseinanderzusetzen und für eine solidarische Unterstützung zu werben.

Das Asylrecht ist kein Gnadenakt, der nach „Gutsherrenart“ erteilt oder verweigert werden kann. Das Asylrecht ist aus gutem Grunde eines der „Grundpfeiler“ des Völkerrechts und genießt in Deutschland Verfassungsrang."

Stellungnahme von Dr. Hans-Jürgen Kahlert, Managing Director der Göttinger Innovavent GmbH, im Wortlaut:

"Heute melde ich mich, da ich den Artikel im GT zum Flüchtlingsheim auf den Zietenterrassen gelesen habe und ich möchte Ihre Position dazu unterstützen. Ich finde es unglaublich und geradezu ekelhaft, welche Positionen Herr Richter vertritt, und dann auch noch so tut, als spräche er im Namen von Unternehmen auf den Zietenterrassen und der Fachhochschule.

Ich bin geschäftsführender Gesellschafter der INNOVAVENT GmbH (Bertha-von Suttner-Strasse 5 auf den Zietenterrassen, www.imnnovavent.com), die vermutlich zu den kleinen (4.5 Mio. Euro Umsatz) Hightech-Unternehmen in Göttingen zu zählen ist, und ich habe überhaupt nichts gegen ein Flüchtlingsheim auf den Terrassen und auch keine Sorge, dass dies unser Geschäft in irgendeiner Form beeinflussen wird. Herr Richter spricht nicht in meinem Namen! Ich hoffe natürlich, dass die Fachhochschule und die Leitung des Fraunhoferanwendungszentrums das genauso sieht. Sollte das nicht der Fall sein, verzichten wir gerne auf die Zusammenarbeit.

Mich ärgert, dass immer öfter die vermeintliche Bildungsspitze in unserer Gesellschaft Integration behindert und keine Hilfe anbietet. Und ich hoffe, dass es in der FH keine Unterstützer für die Meinung von Herrn Richter gibt.

Natürlich gehe ich davon aus, dass die Stadt Göttingen das Flüchtlingsheim vernünftig ausstattet, die Integration der Flüchtlinge fördert und nicht eine Getto-Situation entstehen lässt. Der ausgewählte Standort bietet mit ALDI auch eine Versorgungsinfrastruktur und die Nähe zur Stadt ist sicher auch ein positiver Aspekt."

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