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Göttinger Zietenterrassen: Mehr als 250 Zuhörer verfolgen Sozialausschuss

Flüchtlingsunterkunft Göttinger Zietenterrassen: Mehr als 250 Zuhörer verfolgen Sozialausschuss

Einige wenige Engagierte haben sich bislang zur geplanten Unterkunft für rund 180 Flüchtlinge auf den Zietenterrassen zu Wort gemeldet. Während einer Sitzung des städtischen Sozialausschusses, von der Stadtverwaltung zugleich als Informationsveranstaltung für Bürger angelegt, wurde deutlich, dass sehr viele Quartiersbewohner und Nachbarn Anteil nehmen.

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Großer Andrang: Sämtliche Sitz- und Stehplätze in der Turnhalle des ASC-Zentrums sind belegt.

Quelle: Klocke

Göttingen. Mit mehr als 250 Zuhörern, die sämtliche Sitz- und Stehplätze bis in den Flur des ASC-Zentrums belegt hatten, war die Sporthalle übervoll. „Wir brauchen nicht nur diesen Standort, sondern auch Ihre Hilfe“, appellierte Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) an die Zuhörer. Der Stadt fehlten bis zu 3000 Wohnungen, „Bauflächen sind kaum vorhanden“.

Gleichzeitig müsse sich Göttingen darauf vorbereiten, rund 500 Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten aufzunehmen. „Wir sind in einer Notsituation“, ergänzte Sozial- und Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck. Für die Einrichtung solle es ein Sicherheitskonzept, eine Sozial- und Kinderbetreuung sowie einen Ansprechpartner für die Bevölkerung geben.

Schlechte Erfahrungen

Aussprache und Fragerunde verliefen teils sehr emotional. Anwohner berichteten von schlechten Erfahrungen mit einer in den 1990er-Jahren in einem ehemaligen Kasernengebäude untergebrachten Sammelunterkunft, die 2002 geschlossen wurde. Heute ist in dem Haus die Montessorischule untergebracht. Andere berichteten von positiven Erlebnissen bei der Betreuung von Flüchtlingen in einer Turnhalle oder in den mittlerweile abgerissenen Wohnblocks an der Merkelstraße (bis 1998).

Zuhörer bemängelten das Fehlen eines Gesamtkonzeptes für die Unterbringung von Flüchtlingen, sorgten sich um sinkende Immobilienpreise und die Größe der geplanten Einrichtung – 180 Flüchtlinge kämen auf rund 800 Quartiersbewohner. Einige kritische Einwände stießen auf Gegenrede anderer Zuhörer. Über den Beitrag einer Anwohnerin, die sich um Diebstähle und die Sicherheit junger Mädchen im Umfeld der geplanten Unterkunft sorgte, empörte sich etwa eine junge Frau: „Als ob Ausländer dafür prädestiniert wären!“

Es gab Vorschläge, wie die Betreuung von Flüchtlingen in Gemeinschaftsunterkünften unterstützt werden könnte. Patenschaften für einzelne Familien etwa oder ein Beirat, der Kontakt zu dem von der Verwaltung benannten Ansprechpartner hält, wurden genannt.

„Wer Hilfe braucht, dem sollten wir sie geben“, fasste ein Redner die Auffassung vieler Zuhörer zusammen, verbunden allerdings mit einem Appell an Rat und Stadtverwaltung: „Und sie sollten uns dabei nicht allein lassen.“
Das Thema Flüchtlingsunterkunft auf den Zietenterrassen steht auch auf der Tagesordnung des Ortsrates Geismar – am Donnerstag, 29. Januar, um 19.30 Uhr im Saal der Verwaltungsstelle, Kerllsgasse 2. 

Informationen zur Unterbringung

Die Initiative Willkommen Flüchtlinge (IWF) will sich auf eine mögliche Unterbringung von Flüchtlingen im Quartier am Klausberg vorbereiten. Laut Pressemitteilung will die IWF nicht auf eine Entscheidung der Stadt warten, da befürchtet wird, dass bei einer Unterbringung ein Dialog mit der Stadt entfallen könnte. 

Da zudem unklar sei, wer die Trägerschaft übernähme, und das Gebäude des ehemaligen Instituts für den Wissenschaftlichen Film  im Nonnenstieg vorbereitet werden müsste, organisiert die IWF eine Infoveranstaltung am Freitag, 30. Januar. Beginn ist um 19 Uhr im Studentenwohnheim Collegium Albertinum, Bonhoefferweg 2.

Die Veranstaltung soll klären, wie geholfen werden kann und was die Helfer erwartet. Eine gemischte Unterbringung von wohnungssuchenden Studierenden und Flüchtlingen, ein Vorschlag des ehemaligen Ratsherren Gerd Nier, wird ebenfalls diskutiert.

bl

►Kommentar: Einfach abwarten

Es ist nicht das erste Mal, dass die Stadt um Unterbringungsmöglichkeiten für hunderte von Flüchtlingen ringt. Während der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren flohen viele Bosnier, Kroaten, Serben, Albaner aus ihrer Heimat. Auch Göttingen nahm Flüchtlinge auf.

Wohnungen waren knapp, also wurden Sammelunterkünfte eingerichtet. Ein Neubau entstand an der Merkelstraße. Turnhallen wurden hergerichtet sowie ein ehemaliges Kasernengebäude auf den heutigen Zietenterrassen. Stets war die Ansiedlung mit Sorgen und Ängsten der Anwohner verbunden.

Das ist auch heute so. Mit 500 Asylbewerbern und Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Iran und Syrien, afrikanischen Kriegsgebieten und anderen Krisenregionen rechnet die Verwaltung 2015. Sie sind vor Unterdrückung und Tod geflüchtet. Schutz suchen sie auch in Göttingen. Die Anwohner der Zietenterrassen befürchten unter anderem, dass das Quartier 180 Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft in der Nachbarschaft nicht verkraftet.

Diese Angst müssen ihnen Rat und Stadtverwaltung nehmen. Die öffentliche Sitzung des Sozialausschusses war ein guter Anfang. Transparenz ist weiterhin gefordert: Offenheit bei der Auswahl des Betreibers etwa oder bei der Erarbeitung des Betreuungskonzeptes. Der versprochene Ansprechpartner muss nicht nur präsent sein, er muss auch handeln. Im Gegenzug könnten auch die Skeptiker unter den Bewohnern der Zietenterrassen etwas tun. Einfach abwarten. Formuliert hat das ein Anwohner selbst: „Lassen wir uns doch überraschen. Vielleicht kommen da 180 gute Leute.“

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