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Zietenterassen in Göttingen: Fünf Mitarbeiter für 30 Wohneinheiten

Thema des Tages Zietenterassen in Göttingen: Fünf Mitarbeiter für 30 Wohneinheiten

In einigen Tagen werden die ersten 50 Flüchtlinge in dem neuen Wohnheim auf den Zietenterrassen einziehen. Das Gebäude ist fast fertig, das Personal steht in den Startlöchern. Auch die Konzepte zur Betreuung liegen vor.

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Einzug im neuen Flüchtlingswohnheim auf den Zietenterrassen

Der Rohbau auf den Zietenterrassen steht. Bald sollen die ersten Flüchtlinge einziehen.

Quelle: Heller

Der Bau steht, die Arbeiten zur Fertigstellung der  Wohnungen laufen auf Hochtouren: In das neue Flüchtlingswohnheim auf den Zietenterassen sollen spätestens am 7. September die ersten 50 Bewohner einziehen. Um die Flüchtlinge werden sich dort fünf Mitarbeiter kümmern – sie sind bereits gefunden. Leiterin des Wohnheims wird Bettina Briesemeister.

 
„Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe“, sagt sie. Am 1. September geht es los, Gespräche führt Briesemeister aber schon seit längerem. Denn: Die Bereitschaft, den Flüchtlingen bei ihrem Start in Göttingen zu helfen, sei groß. „Viele Menschen aus der Nachbarschaft haben sich gemeldet“, sagt sie. Wie sie Bürger und Flüchtlinge dann zusammenbringt, werde sich zeigen. Bislang, so Briesemeister weiter, stehe ja noch nicht fest, welche Flüchtlinge einziehen werden – aus welchen Ländern, wie viele Kinder, all das  sei noch unklar. Sicher ist: „Die Menschen kommen alle direkt aus einem Erstaufnahmelager“.

 
Briesemeister hat langjährige Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit. Sie war in den 90er-Jahren Leiterin der DRK-Betreuungsstelle im Grenzdurchgangslager Friedland  und zuvor Leiterin eines städtischen Flüchtlingswohnheims.
Das neue Flüchtlingswohnheim an der Hannah-Vogt-Straße wird von einer Gesellschaft namens „Bonveno“ geführt, ein Zusammenschluss der Göttinger Sozialverbände. Wie Michael Bonder, Chef der Göttinger AWO, erklärt, sind fünf Mitarbeiter für das Wohnheim eingestellt – ein Hausmeister, eine Erzieherin für die Kinder und drei Sozialarbeiter.

 
Wenn das Gebäude fertig ist, stehen 30 Wohneinheiten zur Verfügung. Jede Wohneinheit ist für sechs Bewohner ausgelegt und verfügt neben drei Schlafräumen über ein Bad, eine Küche und eine Waschmaschine. „Eine Grundausstattung bekommen die Flüchtlinge von der Stadt“, so Bonder. Beispielsweise Bettwäsche und Küchengeschirr. Einige der Wohneinheiten sind barrierefrei.

 
Bonder rechnet damit, dass die ersten Bewohner ab dem 1. spätestens aber ab dem 7. September einziehen. Spätestens Mitte Oktober sollen alle 180 Plätze belegt sein. Die Sozialarbeiter, die sich um die Bewohner kümmern, sollen sie möglichst zügig in Sprachkurse, Beschäftigungsangebote, Kindertagesstätten oder Schulen vermitteln. „Die Flüchtlinge brauchen eine Aufgabe, das ist eine große Herausforderung“, so Bonder weiter.

 
Zudem stelle sich ja erst sehr kurzfristig heraus, welche Flüchtlinge zugewiesen werden. Bonder hofft auf eine „vernünftige Mischung“, auf Kinder, ältere, Menschen mit Behinderungen und ohne. Aus welchen Ländern sie kommen, sei ungewiss – knapp die Hälfte aber stamme vermutlich aus Balkanstaaten.

 
Das Betreuungskonzept von Bonveno sieht vor, dass die Flüchtlinge in drei Stufen betreut werden. Zunächst geht es um „Orientierung“, dann in die Integrations- und abschließend in die Ablösungsphase. Die Mitarbeiter stehen den Flüchtlingen beispielsweise mit Beratungen zu Anträgen, Behördengängen, Kinderbetreuung, Rechtsfragen, Gesundheitsfragen, bei der Organisation des täglichen Lebens, und bei vielem mehr zur Seite. Für Kinder sind zudem Angebote wie Offene Treffs und Hausaufgabenhilfen geplant. „Die Sprech- und Betreuungszeiten sollen dem Bedarf angepasst werden“, so sieht es das Konzept vor.bib

 

Jeden Tag Sportangebote

 

Sport verbindet, Sport ist international: Deshalb hat der ASC Göttingen ein Konzept für die Flüchtlingen auf den Zietenterassen erstellt.  „Integration durch Sport“ ist Motto des Angebotes für die Menschen, die demnächst auf den Zietenterrassen einziehen.

 
Das Plan sieht Zwei Stufen vor, erklärt Rainer Bolli, Vorsitzender des ASC. Zunächst geht es zur Eingewöhnung um „niederschwellige Angebote“. Also Sport direkt an der Unterkunft für viele Alters- und Interessenslagen. In einer zweiten Stufe sollen die Flüchtlinge dann  in einen der vielen Göttinger Sportvereine vermittelt werden. „Auch gesellige Aktivitäten sind in unserem Konzept vorgesehen“, so Bolli.

 
Entwickelt hat das Konzept Ole Fröhlich vom ASC. „Wichtig ist zunächst, täglich Sport vor Ort anzubieten“, sagt er. Dafür allerdings, so Bolli, sei es wichtig, auch bei schlechtem Wetter Kurse anbieten zu können. Als Fläche für sportliche Aktivitäten steht der Platz vor dem Wohnheim, eine Art großer Innenhof, zur Verfügung. „Wir brauchen dort aber ein Dach“, so Bolli. Keine Halle aber eine Fläche, die auch bei Regen nutzbar ist.

 
Für die Integration der Flüchtlinge sei es allerdings auch wichtig, weitergehende Angebote anzubieten, die über das sportliche Programm hinausgehen. Die Ausrichtung von Veranstaltungen, wie Nachbarschafts- oder Stadtteilfesten, bei denen Flüchtlinge und Bürger in Kontakt treten können, gesellige Aktivitäten wie gemeinsame Ausflüge oder verschiedene Lern- und Bildungsangebote sind laut Fröhlich ebenfalls im Konzept vorgesehen.

 
Welche Sportangebote konkret angeboten und betreut werden, sei noch offen, so Fröhlich. Ob Boxen oder Tanzen, Basketball oder Gymnastikkurse auf Interesse stoßen, gelte es herauszufinden. „Wir haben für fast jede Sportart einen Gruppenleiter, den wir zur Verfügung stellen können“, so Fröhlich. Das Team stehe in den Startlöchern, man könne so flexibel auf die Nachfrage reagieren. Der ASC Göttingen ist mit knapp  9000 Mitgliedern, mehr als 170 hauptberuflichen Mitarbeitern und 400 ehrenamtlichen Übungsleitern einer der größten Sportverein im Land. bib

 

Bonveno: Fünf Verbände beteiligt
Bonveno heißt die Gesellschaft, in der sich fünf Göttinger Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossen haben, um die Trägerschaft der Flüchtlingsunterkunft auf den Zietenterrassen zu übernehmen. AWO, Caritas, Diakonie, DRK und der Paritätische Wohlfahrtsverband haben dafür eine  gemeinnützige GmbH gegründet.  Die Verbände sind mit je 20 Prozent der  Anteile Gesellschafter.  Der Name Bonveno bedeutet „Willkommen“ in der Kunstsprache Esperanto. bib
 
Gärten für Flüchtlinge

Der Verein Internationale Gärten möchte sich mit Angeboten um die Flüchtlinge in der Wohnanlage kümmern. Zu dem geplanten „Willkommensgarten“ oder einer weiteren Parzellierung des Vereinsgeländes für Flüchtlinge gibt es allerdings noch keine konkreten Pläne.

 
„Die Verwaltung ist sehr interessiert, aber wir haben noch nichts Konkretes“, so der erste Vorsitzende Tassew Shimeles. Nach einem ersten Treffen zweier Vereinsmitglieder mit der Stadtverwaltung soll nun ein Konzept erstellt werden, in welcher Form und an welchem Ort der Garten für Flüchtlinge realisiert werden könnte. Allerdings: „Wir sind kein finanzstarker Verein und brauchen verbindliche Zusagen“, meint Shimeles in Hinblick auf die Finanzierung des Vorhabens. Bei einem Treffen am Donnerstag haben die Beteiligten beschlossen, erst einmal abzuwarten, wie groß der Bedarf an einem Garten ist. Die Umsetzung fasst Shimeles für 2016 ins Auge. Unabhängig davon möchten die Internationalen Gärten auch kurzfristige Hilfe leisten. Shimeles denkt über die Verkleinerung der bereits bestehenden Parzellen nach, sodass neue Gärten für Flüchtlinge entstehen. jro

 
Nachgefragt... ... bei Rolf-Georg Köhler, Oberbürgermeister von Göttingen

Das Wohnheim auf den Zietenterrassen wird Anfang September mit den ersten 50 Flüchtlingen belegt. Weitere folgen. Wie bewältigt die Stadt diese und kommende Aufgaben? Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) gibt Antwort.

 
Aus welchen Ländern stammen die Menschen überwiegend?
Die Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten nach Göttingen gekommen sind, stammen überwiegend aus den Bürgerkriegsländern Syrien, dem Irak, Eritrea und aus Afghanistan. Der Anteil der Flüchtlinge aus dem Balkan ist rückläufig. 

 
Die anerkannten Flüchtlinge sollen ja möglichst schnell integriert werden. Ab wann werden Sprachkurse und Beschäftigungsangebote für sie zur Verfügung stehen?
Die Bundesagentur für Arbeit bezahlt Sprachkurse für Flüchtlinge erst nach Monaten. Wir wollen die Menschen aber so früh wie möglich in Sprachkurse bringen. Die kommunale Beschäftigungsförderung bietet vorgezogene Sprachkurse an.  Wir verzeichnen bereits Erfolge. Einige Flüchtlinge, die erst in diesem Jahr nach Göttingen gekommen sind, konnten bereits in Praktika oder Jobs vermittelt werden. Wichtig ist, dass die Leute so schnell es geht aus der Lethargie der Heime herauskommen. 

 
180 Flüchtlinge finden Platz auf den Zietenterrassen, weitere 150 demnächst im ehemaligen IWF-Gebäude. Sie sagten bereits, der Platz wird dennoch keinesfalls ausreichen, ein weiteres Wohnheim soll entstehen. Gibt es schon Pläne, wo?
Wir prüfen zur Zeit jede Möglichkeit im Stadtgebiet. Die wichtigste Herausforderung ist, allen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten – vor allem in Winter. Dafür suchen wir auch weiterhin dringend private Wohnungen. Das ehemalige Gebäude der Telekom wäre zusätzlich eine geeignete Immobilie. Wir versuchen auch, weitere Reserven, beispielsweise in der dritten Etage der Vogt-Schule zu schaffen.

 
Welche Prognose gibt es für Göttingen: Wie viele Flüchtlinge kommen noch in diesem und im nächsten Jahr?
Bislang haben wir in diesem Jahr 300 Flüchtlinge aufgenommen, weitere 400 sollen noch 2015 folgen. Auch für das kommende Jahr rechnen wir mit mindestens 700 Flüchtlingen.

 
Wie schätzen Sie die Stimmung in Göttingen ein?
Wir haben in Göttingen unendliche viele Angebote unter anderem Sachspenden und andere Hilfe aus der Bevölkerung erhalten, das ist wirklich enorm. Die Göttinger Bevölkerung ist bereit, sich der großen Herausforderung zu stellen. Ich finde es großartig, dass die ganze Palette  ehrenamtlichen Engagements, von vielen Bürgern über Kirchen oder Vereine in Göttingen  mitzieht. Und ich wünsche mir, dass das auch künftig so bleibt. 

 
 Interview: Britta Bielefeld

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Vor 25 Jahren erhielt der Göttinger Wissenschaftler Erwin Neher den Nobelpreis