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Esebecker Hochfläche und das Linientaxi-System

Von Esebeck nach Knutbühren Esebecker Hochfläche und das Linientaxi-System

Die Stadtgrenze von Göttingen ist 68 Kilometer lang und führt durch Wald und Flur, über Bundesstraßen und durch besiedeltes Gebiet. Das Tageblatt ist diese äußersten Markierungen des südniedersächsischen Oberzentrums entlang gewandert.

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Ausschilderung entlang der Stadtgrenze, wie man sie selten sieht: Selter und Stein zwischen Esebeck und Barterode.

Quelle: Vetter

Neun Wanderungen zusammen mit interessanten Gesprächspartnern, denen es vor allem um ein Thema ging: Grenzen und Grenzgänge im weitesten Sinne. Und natürlich mit einem Blick auf die eigene Stadt. Heute: Unterwegs mit dem Superintendenten des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen, Friedrich Selter, zwischen Esebeck und Knutbühren.

Buslinie 13 bis Esebeck. Dann auf der Straße Richtung Barterode entlang. Rechts hinter den Feldern sieht man einen bewaldeten Hang, den „Zwölfgehren“. Wir sind auf der „Esebecker Hochfläche“. Genau dort oben am Waldsaum entlang verläuft die offizielle Stadt-Grenze und trennt das Gebiet von Göttingen von den Genossenschaftsforsten Wibbecke und Barterode ab. Am Ende des Waldes macht sie eine 90 Grad-Wendung, quert die Landstraße zwischen Esebeck und Barterode, auf der selbst am Nachmittag erstaunlich viel Verkehr ist, und führt hinauf zum gegenüberliegenden Hang, genannt „Breites Holz“ und dem dortigen Waldrand der Genossenschaftsforsten Elliehausen und Knutbühren.

Leider gibt es hier mal wieder keine richtigen Wege – und wenn, würden wir runde fünf Kilometer in praller Sonne laufen. Bei 29 Grad im Schatten. Zum Schutz von Leib und Leben einer Chefredakteurin und eines Superintendenten wählen wir eine andere Variante, die noch dazu den Vorteil hat, ausgebaut und beschildert zu sein. Also geht es von der Landstraße etwa eineinhalb Kilometer hinter Esebeck links hinauf zum Wald, durch Felder mit dem schönen Namen „Bei der langen Hecke“ und ziemlich rasch hinein in den schattigen Wald. 2,9 Kilometer sind es nach Knutbühren, sagt das Schild.

Noch einmal umgedreht und den Blick über die wunderschöne Hochebene genossen, Selter ist begeistert. In Wuppertal, seinem letzten Arbeits- und Wohnort, war es eher bergig-eng. Die Weite gefällt ihm. Der Fotograf macht das obligatorische Startfoto, fährt ab, und nun haben wir Zeit und Muße, uns zu unterhalten – ohne ständig die Karte zu drehen oder einen Trampelpfad durch Feld oder Gebüsch zu suchen, wie es bei vorherigen Wanderungen durchaus üblich war.

Zeit, erst einmal zu fragen, wo denn für den Superintendenten die Grenzen seines Kirchenkreises verlaufen? Immerhin ist er der oberste Hirte (darf man das bei einem Evangelen sagen?) der größten Kirchenkreise in der Landeskirche Hannover mit mehr als 60 Kirchengemeinden (von A wie Adelebsen bis W wie Wöllmarshausen) und gut 85 000 Gemeindemitgliedern.

Das weiß Friedrich Selter ganz genau, nur besucht hat er noch nicht alle Gemeinden: Dafür sei das Amt zu stressig. Und danach, was das Wort Superintendent bedeutet und warum es nicht Intendant heißt? Aus den englischen Krimis kennt man ihn ja, den Superintendent, den Inspektor der Polizei. Religiös gemeint bedeutet es eher: Vorsteher oder Leiter. Würden Sie lieber einen anderen Titel tragen, Herr Selter? Nein, obwohl er, aus dem Rheinland kommend, dort sehr vertraut sei mit dem Titel „Präses“: „Aber ich sehe mich eigentlich als Pastor in der Funktion eines Superintendenten“.

Wir sind jetzt, so sagt es meine kleine Wanderkarte aus den 80er Jahren, am Kükenbusch vorbeigegangen, immer leicht den Waldweg hinauf und erreichen ein freies Feld, Flaasch genannt. Man wüßte zu gerne, was das bedeutet. Im Plattdeutschen bedeutet das ja Fleisch. Vielleicht hilft ein Leser weiter?
Unversehens sind wir schon an einer Landstraße, die Knutbühren mit Elliehausen verbindet. Wir wenden uns nach rechts und stehen staunend vor einem Schild: „Notfall Rettungspunkt bei Unfällen im Wald GÖ 119H“. Mehr nicht. Rätselraten. Vermutlich ein Landepunkt für Hubschrauber bei schweren Forstarbeiter-Unfällen? Die Plauderei geht inzwischen über Themen wie Bürgersinn, rheinische Frohnaturen (Selter: „Mir hat jemand gesagt, nach meinen dortigen Erfahrungen würde ich sicher die niedersächsische Sachlichkeit erfrischend finden.....“) bis hin zur Insolvenz des Jungen Theaters Göttingen. Der Superintendent ist traurig: „Immerhin habe ich dort die erste Verabredung mit meiner heutigen Frau gehabt – schüchtern wie wir waren, haben wir uns dort verabredet.“ Selbst an den Titel des Stückes erinnert er sich noch: „Warten auf Niveau – Varietè“. Nach weiteren zehn Minuten sind wir im Ortszentrum von Knutbühren. Hier soll einmal um 1000 nach Christus ein Kloster gestanden haben, die ursprüngliche Besiedelung führt man bis auf die Germanen zurück. Zuletzt gehörte das meiste Land in Knutbühren bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als Lehnsland den Herren von Stockhausen, von Bodemeyer und von Hessen-Rothenburg. Der erste Anblick ist ein kleiner Schock: Das schöne alte Gasthaus Kulp, seit langem geschlossen. Wo ich mich doch noch zu gerne an Zeiten erinnere, als der Bauausschuss der Stadt, nach dem Ende eines diskussions- und entscheidungsreichen Jahres hier seine vorweihnachtliche Feier abhielt – und die während des restlichen Jahres sonst gerne beschimpften Journalisten kräftig mitfeierten. Aber so ist das mittlerweile: die wenigsten kleinen Gemeinden besitzen heute noch eine Dorfkneipe, früher unverzichtbarer Teil des örtlichen Lebens. Bus oder Taxi? Wir wollen gerade den Fahrplan erkunden („Aber vorher noch einen Abstecher zur kleinen Kirche bitte!“), da steht doch dort schon ein Taxi, wie bestellt. Ist es auch. Nämlich ein Linientaxi. Wir beiden Innenstadtbewohner staunen, machen aber erst noch ein paar Schritte zur Kirche von Knutbühren. Sehr klein, sehr schön, zwei Glocken stehen vor der Tür mit den Aufschriften „Glaube“ und „Liebe“. Doch die Tür ist verschlossen. Selter weiß, wo man sich den Schlüssel holen kann: „Dort hinten in dem gelben Haus.“ Woher er das Wissen hat? Eine seiner ersten Radtouren – für den begeisterten Radfahrer ein Geschenk des Himmels – war eine Orgel-Radtour durch genau die Gemeinden hier im Westen der Stadt. Natürlich auch in Knutbühren: Günther Ruebsam, der uns damals geführt hat, hat tatsächlich eine Urkunde über 60 Jahre ununterbrochenen Dienst an der Orgel in dieser Gemeinde, das müssen Sie sich mal vorstellen.“ Tue ich und erinnere mich dann auch an den ehemaligen Druckhauskollegen.

Die Zeit drängt, das Linientaxi fährt in wenigen Minuten. Und nun lassen wir uns erst einmal erklären, wie so ein Taxi funktioniert. Die junge Dame am Steuer: „Sie zahlen nichts, das tun die Verkehrsbetriebe. Ich bringe Sie nach Hetjershausen, und dort steigen Sie dann in den Bus.“ Sie selbst fährt die dort angekommenen Knutbührener Fahrgäste wieder zurück und wartet wieder eine Stunde bis zur nächsten Tour. Und wieviele Menschen nutzen das: „Eher wenige...“. Wir allerdings finden den Service toll, sind innerhalb von 20 Minuten (in denen wir munter weiterplaudern über – hier passt der Spruch wirklich einmal – Gott und die Welt) wieder am Startpunkt Innenstadt und sind uns einig: Das war zwar keine Wanderung im eigentlichen Sinn, sondern eher ein kurzer Spaziergang – aber Spaß hat es dennoch gemacht.

In der nächsten Folge: Unterwegs mit Prof. Heinz Ludwig Arnold, Göttinger Literaturwissenschaftler, zwischen Knutbühren und Groß Ellershausen.

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