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Gauß, Butterbrotgrenze und eine marode Brücke

Vom Flüthedamm zur Steinmetzkurve Gauß, Butterbrotgrenze und eine marode Brücke

Die Stadtgrenze von Göttingen ist 68 Kilometer lang und führt durch Wald und Flur, über Bundesstraßen und durch besiedeltes Gebiet. Das Tageblatt ist diesen äußeren Rand des südniedersächsischen Oberzentrums entlanggewandert.

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Erstes Etappenziel nach dem Kiessee: die Gutshäuser und Scheunen des Versuchsgutes Reinshof an der B 27.

Quelle: Hinzmann

Neun Teilstrecken – jeweils gemeinsam mit interessanten Gesprächspartnern, denen es vor allem um ein Thema ging: Grenzen und Grenzgänge im weitesten Sinne. Natürlich mit einem Blick auf die eigene Stadt. Heute: Unterwegs mit Ernst Böhme, Stadtarchivar, und Hartmut Kompart, Vermessungsfachmann der Stadtverwaltung. Vom Flüthewehr hinter dem Kiessee über Reinshof und Werderhof hinüber bis hinter die Steinmetzkurve in Geismar.

Die gute Nachricht zuerst: Diese Wanderung von etwas mehr als sieben Kilometern verläuft auf völlig flacher Strecke, wäre auch mit dem Fahrrad zu fahren – und vor allem: Wir haben schönes Wetter, nachdem es am Morgen noch mächtig geregnet hat.

Start ist am Kiessee. Hartmut Kompart, vom städtischen Fachdienst Bodenordnung, Vermessung und Geoinformation (um ganz korrekt zu sein) weist den Weg, hat eine großformatige Karte dabei – und zudem die Geokoordinaten auf meinem GPS-Gerät bereits eingetragen. Das habe ich mir von einer Kollegin aus dem Verlag geliehen, die sich hobbymäßig mit Geocaching beschäftigt: einer modernen Form der Schnitzeljagd.

Wir suchen keinen Schatz, sondern folgen einer eher vagen Idee, die so lautet: Wir wandern englang der äussersten Grenzen unserer Stadt und reden dabei natürlich über Grenzen, Grenzgänger oder was uns sonst so alles einfällt. „Work in progress“ nennt das mein (dankenswerterweise) mitwandernder Ehemann, oder auch: Der Weg ist das Ziel.

Unser Ziel heute ist die Steinmetzkurve in Geismar. Wobei ein wenig gemogelt wird (oder wegen fehlender Wege werden muss). Denn die Stadtgrenze verläuft gerade neben uns – mitten durchs Wasser, weshalb wir einige Meter auf Rosdorfer Gelände laufen. Den Schlenker rund um den (früheren) städtischen Schlachthof schenken wir uns auch und schon sind wir am Flüthewehr. Alte Stadtgrenzen sind das ohnehin nicht, erläutert Ernst Böhme, Stadtarchivar, oberster Hüter des Städtischen Museums – und somit unser historisches Wissen auf zwei Beinen. Die verliefen früher viel näher am Stadtwall, dem Verteidigungswall der Stadt entlang. Damals, als Göttingen im Mittelalter gerade mal 3000 Einwohner zählte. Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerungszahl rasant – wegen der Flüchtlinge. Und erreichte sehr schnell die Zahl 60 000. Weshalb es 1964 zur Eingemeindung von Weende, Geismar und Grone kam (was in den jetzigen Stadtteilen bis zum heutigen Tage immer wieder beklagt wird). Um also Bauland zu bekommen, dehnte sich die Stadt aus – hinaus ins Umland. Erkennbar aber nicht hier im Süden. „Hier ist es leer“, konstatiert Böhme. Einer flachst: Hier könne man gut eine Straße bauen. Thema Südspange. Sofortiger Einspruch: Politik bleibt bitte außen vor. Themawechsel, zurück zu den aktuellen Stadtgrenzen. Göttingen heute zählt nun gut 125 000 Einwohner. Davon merken wir hier nichts beim Weg zum Flüthewehr hinter dem Kiessee.


Wenige Fußgänger, ein zwei Radfahrer – und sofort hinter dem Wehr nur noch flache Felder. Kompart ist beim Orten des richtigen Weges eindeutig im Vorteil: „Hier kenne ich alles, als gebürtiger Geismaraner“. Böhme hingegen stellt fest: „Hier war ich noch nie.“ Rechts Gerste (dort verläuft die Grenze), links Weizen – und wir mit dem GPS-Gerät unterwegs, die Geismarer Windkraftanlage direkt vor uns. Verloren gehen werden wir heute nicht. (Nächste Woche im Stadtwald dürfte das anders werden). Wie orientiert sich denn so der Vermessungsfachmann. Kompart ist in seinem Element. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit ihm einige Tage zuvor: „Wie war das mit unserem Kartensystem für die Stadtgrenze und den Gauß-Weber-Koordinaten?“ Und werde sofort korrigiert: Gauß-Krüger-Koordinaten! Okay. Und was heißt das genau? Zehn Minuten später gesteht ein erschöpfter Zuhörer Böhme: „So ganz verstanden hab ich es nicht...“ Und ich rette mich mit einer Zusammenfassung der Tonbandaufnahme: Das Gauß-Krüger-Koordinatensystem ist demnach ein Koordinatensystem, das es ermöglicht, jeden Punkt der Erde mit einer Koordinate (Rechts- und Hochwert) eindeutig zu verorten. Das System wurde von unserem berühmten Göttinger Wissenschaftler Carl Friedrich Gauß entworfen und von Johann Heinrich Louis Krüger weiterentwickelt und veröffentlicht. Seit 1923 wird es genutzt. Viele amtliche topografische Kartenwerke, insbesondere großer und mittlerer Maßstäbe, bauen auf dem Gauß-Krüger-Koordinatensystem auf. Kompart versucht es mit einem Vergleich von geschälten Orangen, deren Schalen abgezogen und wieder zusammengelegt werden... Aber da haben wir alle schon aufgegeben. So ist das mit Laien und der Vermessungstechnik.

Ob nun geleitet von unserem GPS-Gerät, das uns gerade auf freiem Feld nicht mehr findet oder geleitet von der vergrößerten Karte nach Gauß-Krüger: Die Stadtgrenze verläuft hier treppenartig nach Süden – ein wenig nördlich der Garte. Auf der letzten Treppenstufe überspringen wir quasi das Gut Reinshof mit seinen mächtigen Gebäuden. Streng grenztechnisch betrachtet jedenfalls. Wir allerdings marschieren zwischen den Häusern hindurch und dann quer über die B 27. Was zu einer heiteren Diskussion darüber ausartet, wie das mit der Vorfahrt von Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern in Göttingen so im Alltag aussieht. Einiges davon ist nicht zum Abdruck geeignet.
Entlang der Spargelfelder des Werderhofes gehen wir bis zur Einbiegung und finden nach wenigen Metern – wir sind nun eine gute Stunde unterwegs – eine erste Karte mit einem Wegenetz für Radfahrer und Wanderer, direkt neben der Brücke über die Garte. Zeit für eine kleine Brotzeit und die Debatte darüber, was eigentlich die Butterbrotlinie sei – womit wir wieder beim Thema Grenze sind. Horst Stein, gebürtiger Süddeutscher, kann es erläutern: Damit ist der Main gemeint. Diese Butterbrotlinie verlaufe etwas nördlich des Main. Südlich von ihr werde die Wurst direkt aufs Brot gelegt, nördlich davon muss Butter dazwischen. Aha.

Wir haben dieses Problem nicht. Es gibt Laugenstange, Südtiroler Kaminwurzn (also Würste) und – klar – einen Klaren. Weiter geht’s. Die Stadtgrenze schlängelt sich leicht südlich der Garte entlang bis hin zu einem Punkt, den außer unserem Fachmann Kompart niemand erkennt: dem südlichsten Punkt der Stadt Göttingen. Jedenfalls muss er seiner Meinung ungefähr wenige Meter vor jenem (ziemlich maroden) Brückchen sein, das uns wieder auf den Weg nach Norden bringt – hinauf zum Diemardener Berg. Der Himmel ist strahlend, uns ist heiß – aber der Wind bläst heftig von vorn und kühlt wieder ab. Und wenn wir nicht gemogelt hätten und uns den Weg entlang der Diemardener Warte hinüber zur Duderstädter Landstraße (kurz oberhalb der Steinmetzkurve) geschenkt hätten – dann wären wir eben genau dort gelandet.

Sind wir aber nicht. Wir nehmen eine Strecke, die uns schnurgeradeaus, parallel zur B 27 nach Geismar führt, in die Straße Im Bruche – genau bis zum Gebäude der Deutschen Wetterwarte. Die findet dann auch der Taxifahrer ohne Probleme, der uns wieder zum Kiessee bringt. Zweieinhalb Stunden hat diese erste Tour entlang der Stadtgrenze gedauert – an unsere körperlichen Grenzen sind wir dabei (dem Himmel sei Dank) nicht gekommen. Spass hat es gemacht – und stolz sind wir auch auf uns. Schließlich ist noch niemand auf eine solche Grenzwanderungs-Idee gekommen.

In der nächsten Folge: Mit dem städtischen Forstamtsleiter Martin Levin unterwegs von Geismar bis zum Hollandgrund.

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