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Im Wald mit Hase, Reh und viel Neuer Musik

Zwischen Roringer Warte und Deppoldshausen Im Wald mit Hase, Reh und viel Neuer Musik

Die Stadtgrenze von Göttingen ist 68 Kilometer lang und führt durch Wald und Flur, über Bundesstraßen und durch besiedeltes Gebiet. Das Tageblatt ist diese äußersten Markierungen des südniedersächsischen Oberzentrums entlang gewandert.

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Tafel zum Lehrpfad: Wo heute diese Scheune in Deppoldshausen steht, war einst der Ursprung der kleinen Gemeinde.

Quelle: Stein

Neun Wanderungen zusammen mit interessanten Gesprächspartnern, denen es vor allem um ein Thema ging: Grenzen und Grenzgänge im weitesten Sinne. Und natürlich mit einem Blick auf die eigene Stadt. Heute: Unterwegs mit Nils König, Mitorganisator des Festivals „Linien“ rund um Neue Musik sowie Musikkritiker Michael Schäfer – zwischen Roringer Warte und Deppoldshausen.

Warum er eingeladen ist, an den Grenzen der Stadt mitzuwandern, ist Nils König nicht klar. Beim Stichwort Linien versteht der ehemalige Ratsherr der Grünen in Göttingen, der hauptberuflich in der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt tätig ist, allerdings sofort. König ist nämlich Mitorganisator eines Festivals zu Neuer Musik, das unter dem Titel „Linien“ Ende August in der Lokhalle stattfinden wird. Grenzen, Linien – alles klar. Findet auch Michael Schäfer, den Tageblatt-Lesern als unser langjähriger Musikkritiker bekannt – und marschiert schon mal los. Eine Karte hat er vorsichtshalber auch mitgebracht, die sich als sehr hilfreich erweist, als wir uns von der B 27 aus zunächst zur Roringer Warte bewegen, um uns dann gut zwei Stunden lang durch Waldgebiet immer möglichst Nahe der Stadtgrenze entlang zu tasten. Links geht es zum Bratental, weiß Schäfer, der zu seinen vielen Hobbys auch das Wandern zählt. Viel Enzian könne man dort sehen: „Und hier rechts ist die Bruck – das hat Schubert sogar zu einer Komposition verwendet. Später ist das dann zu Brücke umgedeutet worden...“ Unser musikalisches Lexikon auf zwei Beinen verspricht, weitere Informationen nachzuliefern. Zwischen Berhenberg rechts und Roringer Wald links geht es weiter zur Roringer Spitze. Wenn auch nicht ganz, denn die ist nicht ausgezeichnet. Wie überhaupt diese Strecke – mit wunderbar ausgebauten geraden Wegen doch schon mal zum Verlaufen einladen. Also in der Nähe der Roringer Spitze erst einmal kurze Pause auf einem Baumstamm – die obligatorischen Würstl mit Schnaps hinuntergespült und hinein ins Thema Neue Musik.

Das scheint ein sehr umfangreiches Feld zu sein – ich versuche eine Zusammenfassung des gut 15-minütigen Vortrages: Als Neue Musik werden unterschiedliche Musik- und Kompositionsrichtungen des 20. und 21. Jahrhunderts bezeichnet. Wobei König der Meinung ist, man zähle das eher so ab 1945. Egal: Die Fachwelt geht davon aus, Neue Musik sei so etwas wie als Gegenbewegung zur romantischen Tradition des 19. Jahrhunderts innerhalb der europäischen Konzertmusik entstanden. Synonyme dafür sind aber auch: zeitgenössische Musik, avantgardistische Musik, Gegenwartsmusik, experimentelle Musik.

Meine beiden musikbegeisterten Mitwanderer (König selbstironisch: „Ich bin bekennender Gongist“) versuchen es mit einem praktischen Beispiel, da ich wohl immer noch drei Fragezeichen auf der Stirn habe: Mit John Cage. Dessen Klassiker ist das Stück 4`33`` (vier Minuten, dreiunddreißig Sekunden.). Da während der gesamten Spieldauer des Stückes kein einziger Ton gespielt wird, stellt eine Aufführung dieses Werkes die gängige Auffassung von Musik in Frage. Es sei, so König, zu einem Schlüsselwerk der Neuen Musik geworden und rege Zuhörer wie Komponisten zum Nachdenken über Musik und Stille an. Michael Schäfer: „Also genaugenommen sind auch die Vogelstimmen, die wir in der Stille plötzlich bewusst wahrnehmen, Neue Musik.“ Ich sage eher ratlos: „Aha“ und lenke auf das Festival über. Also: Es geht um Linien, die Orte vernetzten, als Lebenslinien Entwicklungen anzeigen, als Bahnlinien Zeittakte und Strukturen schaffen, als Linien Landschaften durchziehen. Stopp: Das ist es. Wir machen einen Grenzgang, entlang von festgelegten Linien. Und hören in der Stille plötzlich bisher unbekannte Laute – Neue Musik. Jetzt hätte ich es verstanden, befinden die beiden und erzählen von der Lokhalle, wo es vom 28. bis 30. August vier Tage lang ein überaus spannendes Programm rund um Neue Musik gebe – inclusive erläuternder Vorträge, Tanz, Bildern und Skulpturen. Im Mittelpunkt die bisher erste zweite Aufführung eines Stückes von Daniel Ott, den König kennen- und schätzengelernt hat: Dessen eigens für die Göttinger Lokhalle geschriebene „Beschleunigung Lokhalle 9/04“, eine Raumkomposition für 23 mobile Musiker.

Mit den weiteren Erklärungen könnte ich hier noch zwei Zeitungsseiten füllen – wir beschließen, das unseren Lesern rechtzeitig vor dem Festival noch einmal ausführlich zu präsentieren und ansonsten auf den Online-Auftritt des Tageblattes zu verweisen, wo schon einiges dazu zu finden sei. Damit bleibt Zeit und Luft für die Wanderung. Wir rätseln uns durch das Kartenmaterial, laufen einfach los und finden bald ein Schild: Links ab zur Plesse 5,5 Kilometer. Die Richtung stimmt. Inzwischen erläutert uns Michael Schäfer, auch in der Botanik bewandert, Akelei, Türkenbund und Knabenkraut am Wegesrand und verweist auf die links stehende Wagenhoff-Eiche. Warum die so heißt, erschließt sich uns und den anderen Wanderern allerdings leider nicht.

Rechts plötzlich ein freier Blick aus dem Wald heraus, in dem uns außer zwei Wanderern, zwei Fahrradfahrern und zwei Joggern nur noch ein Hase und ein Reh begegnet sind: Wir blicken hinunter auf Billingshausen und neblige Berge im Hintergrund – den Harz. Eine dreiviertel Stunde später geht es aus dem Wald heraus mitten hinein in ein Feld. Während wir einen Trampelpfad hindurch in gerader Linie hintereinander laufen, der Hinweis von hinten: Das sei jetzt Neue Musik, wenn wir die Geräusche aufnähmen, wenn unsere Hosen an den Gräsern und Disteln links und rechts entlang schrammen.

Am Ende des Feldes taucht rechts unvermittelt ein breiter Weg auf, vor uns drei Mülltonnen – die Zivilisation hat uns wieder, das Ortseingangsschild von Deppoldshausen – wir sind hier 347 Meter über dem Meeresspiegel. 18 Menschen leben hier noch – jedenfalls vor vier Jahren. 1973, als Deppoldshausen eingemeindet wurde, waren es gerade mal sechs.

Nun noch ein Taxi – und die Teilwanderung an der Stadtgrenze ist zu Ende. Falsch gedacht. Das Taxi findet uns offenbar nicht. Also noch einen Kilometer Richtung Otto-Hahn-Straße, vorbei an einer Scheune mit einem großen Hinweisschild auf den Agrarökologischen Lehrpfad. Exakt an dieser Stelle lag einmal das ursprüngliche Dorf Deppolds-hausen, das Mitte des 14. Jahrhunderts wieder Wüstung wurde. Später, um 1779, entstand hier ein Vorwerk, eine Hofanlage mit Gastwirtschaft.

Das Funknetz funktioniert wieder. Der Taxifahrer erhält offenbar den Hinweis, man könne sehr wohl hinauf nach Deppoldshausen fahren (sein Kommentar später: „Hab ich nicht gedacht, bin ich noch nie gewesen…“) – und ab geht es in die Innenstadt. Mitten im Trubel des Altstadtlaufes, der hier gerade beginnt, wird uns klar: Wir sind drei Stunden in völliger Stille durch Stadtgebiet gelaufen. Neue Musik eben.

In der nächsten Folge: Unterwegs mit Dr. Rolf Callauch, dem Kustos des Neuen Botanischen Gartens der Universität – zwischen Deppoldshausen und der Deponie Königsbühl.

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