Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Lichtenberg zwischen Grenz- und Gedenkstein

Zwischen Knutbühren und Groß Ellershausen Lichtenberg zwischen Grenz- und Gedenkstein

Heute: Unterwegs mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Professor Heinz Ludwig Arnold zwischen Knutbühren und Groß
Ellershausen.

Voriger Artikel
Esebecker Hochfläche und das Linientaxi-System
Nächster Artikel
Ein Oberbürgermeister, der seine Grenzen kennt

Am alten Göttinger Grenzstein an der Landstraße zwischen Esebeck und Knutbühren: die Grenzgänger Stein und Arnold.

Quelle: Hinzmann

Es gibt sie doch, die Grenzsteine der Gemarkung Göttingen. Auch wenn es nach gut 50 Kilometern rund um die Stadt der erste ist, den ich sehe. Genau an der Straße zwischen Knutbühren, Richtung Esebeck, und Barterode steht der große Stein mit dem unverkennbaren Zeichen „G“. Und hier ist auch unser Startpunkt für heute. Literaturwissenschaftler Arnold hätte sich eher einen Gang durch den Stadtwald, seine Lieblingstour, gewünscht – aber das Losverfahren entschied anders. Dafür hat er einen Familien-Regenschirm im satten Blau dabei – man weiß ja nie. Und nützlich wird dieser später sein.

Von hier aus, nordöstlich von Knutbühren gelegen, führt die Stadtgrenze durch die Felder des Habichtstales, am Hühnerberg vorbei zur Straße zwischen Knutbühren und Ossenfeld – hinauf in den Genossenschaftsforst Grone. Den durchwandern wir nun flotten Schrittes. Arnold trainiert täglich. Ich nicht und das merke ich dann auch recht bald. Aber die Luft reicht gerade noch zum Plaudern. Was nicht schwer ist, denn Arnold hat mühelos Geschichten und Anekdoten bereit, die für die gesamte Grenzgang-Strecke von 68 Kilometern reichen würden – und weit darüber hinaus. Fangen wir mit dem Stichwort „Göttingen und Hainbund“ an.

Mein Wanderkollege kennt sich da bestens aus. Immerhin ist Arnold der Herausgeber des neuen Kindlers Literatur Lexikons, das als „Legende unter den literarischen Werk-Lexika“ gilt. Die erste Auflage erschien bereits im Jahr 1965 unter Mitarbeit der gesamten geisteswissenschaftlichen Elite Deutschlands. Die Jahrtausendwende, die europäische Einigung sowie der Fall des eisernen Vorhangs – zahlreiche Gründe machten eine vollständige Neubearbeitung und Aktualisierung des Kindler notwendig.

Rund 1500 Autoren und 75 Fachberater rund um Herausgeber Arnold haben an der Darstellung und Interpretation der wichtigsten literarischen Werke aller Zeiten, aller Regionen und aller Kulturen gearbeitet. Und damit nicht genug, wurde die Neuauflage um weitere Literaturen der Welt ergänzt und der Sachliteratur wesentlich mehr Raum gegeben. Das Ergebnis: ein weltweit einmaliges Werklexikon in 18 Bänden. Wie Arnold selbstironisch anmerkt, wird es leider nicht so gut verkauft wie es hoch gelobt wird.

Also der Hainbund. Leichtes Schulterzucken. Das seien ja doch eher minime Dichter gewesen. Ich hab akustische Probleme. Minime? Arnold: „Na ja, eher unbedeutend.“ Ich erfahre, dass der 1772 von Johann Heinrich Voß, Ludwig Christoph Heinrich Hölty und anderen gegündete Göttinger Hainbund sich Klopstock als Vaterfigur ausgesucht hatten und gegen den „Erotiker“ Wieland zu Felde zogen. Arnold: „Dabei haben sie selbst durchaus deftige Verse geschrieben“. Die habe er mal in einer erotischen Sammlung veröffentlicht. Dass der Hainbund sich auf dem von Arnold häufig bewanderten Kerstlingeröder Feld, genauer gesagt in dem damals dort stehenden Gasthaus gegründet hat, das weiß er allerdings nicht. Dieser Punkt geht ausnahmsweise an mich.

Wir streifen kurz das „ärmlich-wilde“ Leben von Gottfried August Bürger, nach dem die vielbefahrene Göttinger Bürgerstraße benannt ist (was der gemeine Göttinger Bürger eher nicht weiß) und landen kurz bei Hoffmann von Fallersleben („Der so beliebte Kinderlieder geschrieben hat wie Summ, summ, summ, Bienchen summ herum. Das ist kein altes Volksgut“). Wieder etwas gelernt. Arnold gibt demnächst ein Buch mit diesen Lied-Texten heraus.
Was aber ist nun „der Name“ in der Literatur, den man mit Göttingen verbindet? Arnold ohne Zögern: „Lichtenberg“. Der sei auch deshalb so faszinierend, weil er Naturwissenschaftler und Literat gewesen sei. Und bei weitem nicht nur Aphoristiker – da wird Arnold lebhaft. Darauf dürfe man Lichtenberg nicht reduzieren. Lichtenbergs Sudelbücher seien weit mehr, das seien „Denk-Tagebücher“.

Vor lauter Reden haben wir den wunderschönen Wald um uns herum nur am Rande wahrgenommen, kurz eine Forsthütte samt einladenden Tisch und Bänken bewundert – und sind schon an der B 3 angekommen. Die wurde übrigens 1781 mal als Verbindung von Göttingen nach Münden als „neue Chaussee“ gebaut. Wir queren die vielbefahrene Straße, 50 Meter nach rechts zum Parkplatz und wieder hinein in den Wald. Meine alte Karte zeigt hier einen Trampelpfad. Doch den gibt es nicht mehr. So kommt der Schirm zur Geltung – als Wanderstab für Arnold, als wir uns einen steilen Abhang hinunter mühen. Ich halte mich derweil an den Ästen fest. Fünf Minuten später einen kleinen Abhang hinauf und wir sind auf dem ehemaligen Bahndamm zwischen Göttingen und Münden. Der wurde 1856 gebaut und 1980 stillgelegt.

Hier lässt es sich gemütlich wandern. Breiter Weg, keine Steigung, nach einem Kilometer wunderbare Blicke hinein ins Leinetal und hinüber zum Ostviertel. Wo gerade eine schwarze Regenwand heruntergeht. Wir freuen uns, dass es uns nicht trifft. Aber nur zwei Minuten. Dann kommt der Schirm zum Einsatz. Auf dem blauen Hintergrund steht dezent „bundespräsident.de“. Hat Arnold erhalten, als er mit der befreundeten Nobelpreisträgerin Helga Müller zu einer Ehrung beim damaligen Bundespräsidenten Köhler geladen war. Aber das ist eine andere Geschichte. Arnold schwärmt, während wir das Umwetter abwarten, von den Qualitäten des Wohnortes Göttingen: „So oft werde ich gefragt, warum ich nicht in München oder Berlin oder... wohne. Ich sage dann immer: Göttingen ist mitten in Deutschland, die Landschaft drumherum ist wunderbar!“

Der Regen hört sofort wieder auf und wir sind unversehens an einem Schild, das uns rechts hinunter nach Groß Ellershausen bringt. Wir schlendern durch den Ort und stehen unvermittelt vor einem Gedenkstein, der daran erinnert, dass Groß Ellershausen einmal Aliereshusen hieß. Die Stadtgrenze verläuft rechs von uns zwischen Groß Ellershausen und der IC-Strecke nach Münden hinüber. Wir gehen – das Tempo haben wir jetzt deutlich gedrosselt – zum nahegelegenen Tageblatt-Druckhaus hinüber und trinken ein großes Wasser. Wobei Arnold mir hilft, eine Postkarte zu entziffern, die uns aus Schottland erreicht und tatsächlich in Stenographie geschrieben ist. Arnold: „Das habe ich mal lernen müssen, als ich..“ Aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte.

In der nächsten und letzten Folge: Unterwegs mit Oberbürgermeister Wolfgang Meyer und seinem Pressesprecher Detlef Johannson zwischen Groß Ellershausen und dem Kiessee.

GPS-Daten Tag 8 3,28 kB
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
GPS-Daten
  • Kommentare
mehr
Mehr aus Göttinger Grenzgänge
Bilder der Woche vom 14. bis 20. Oktober 2017