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Mit Geologenhammer hinauf zum Sollingblick

Von der A 7 bei Holtensen bis nach Esebeck Mit Geologenhammer hinauf zum Sollingblick

Unterwegs mit dem Göttinger Professor für Geologie, Joachim Reitner, von der A 7 bei Holtensen bis nach Esebeck.

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Start in Holtensen: Ilse Stein und Joachim Reitner.

Quelle: Theodoro da Silva

Es duftet unglaublich nach Erdbeeren. Gleich zum Start unserer – wegen extremer Hitze leicht abgekürzten – Wanderung entlang der Stadtgrenze. Die hätten wir am Königsbühl beginnen müssen, dem städtischen Kompostwerk. Dann westlich der Autobahn gut zweieinhalb Kilometer entlang. Das haben wir uns gespart und steigen hinter dem Sportplatz von Holtensen ein.

Unter der A 7 hindurch und schon stehen wir an den Erdbeerfeldern, wo rund 30 Menschen fleißig am Pflücken sind. Gleich geht das Problem mit der Ausschilderung wieder los. Ich habe dieses Mal nicht nur die große Stadtkarte dabei, sondern noch eine kleinere Detailkarte für dieses Gebiet – aber auch schon 24 Jahre alt. Die dort angegebenen Markierungen finden wir nicht und marschieren deshalb auf das Waldgebiet einfach los. Joachim Reitner mit dem Geologenhammer in der Hand, den ich erst mal – welch Fehler – für einen Pickel gehalten hatte: „Ohne so ein Ding gehe ich nie los“. Benutzen können wird er ihn nicht oft – davon später.

Mit Strohhüten (mein rotes Stadt-Modell hat den Fotografen stark erheitert) ausgestattet, stapfen wir durch ein Getreidefeld bergauf – der kleinen Karte nach laufen wir zwischen Gailbühl (links) und Koppelhude (rechts). Natürlich brav in den breiten Traktorspuren entlang, um ja keinen Kornhalm zu zertreten. Dann nach rechts, einem breiten Weg und einem Fuchs folgend, der uns lange beobachtet und dann verärgert davon schnürt. Wir haben ihn von einem Kadaver vertrieben. Kurz darauf am Waldrand – wir sind zum ersten Mal durchgeweicht – eine kurze Pause um den herrlich weiten Blick über das Leinetal und zum Göttinger Wald hin zu genießen. Und um die ersten Fragen zu stellen, was es mit diesem geologischen Untergrund Göttingens denn so auf sich habe.

Geständnis des Leibnizpreisträgers und international berühmten Geologen: Man komme ja in aller Welt herum, aber um die heimische, die regionale Geologie kümmere man sich heute eher zu wenig. Reitner: „Eine gute Gelegenheit für mich, mich auch dazu mal schlau zu machen.“ Also, wie ist das nun mit dem Leinegraben, der Fortsetzung des berühmten Rheingrabens? Reitner winkt ab: „Das hat man sich früher so vorgestellt, aber die Wahrheit ist immer ein wenig komplizierter.“ Jedenfalls habe es diesen berühmten Geologen Hans Stille gegeben, der habe den berühmten Begriff der „Mittelmeer-Mjösen-Zone“ geprägt.

Danach gehört der Göttinger Leinetalgraben zu einem markanten Großgrabensystem der Erde, das sich in mehreren Teilstücken vom Mjösasee in Norwegen bis zum Mittelmeer verfolgen lässt – wozu eben auch der Rheintalgraben und der Rhonetalgraben gehören. Reitner feixt: „Das war so die klassische Vorstellung. Ich erinnere mich noch an meine Studentenzeit und den Spruch: Hier geht Europa aus dem Leim“. In Göttingen handelt es sich (laut einem Buch von Ulrich Nagel und Hans Georg Wunderlich aus dem Jahre 1976) um einen, von Norden nach Süden verlaufenden, Bruch der Erdkruste von sechs bis acht Kilometer Breite, die gegenüber den Erdkrusten in Osten und Westen etwa um 600 Meter abgesunken sei.

Reitner zum heutigen Erkenntnisstand: „Wir wissen nicht endgültig, warum dieser Graben hier ist, das hat sicher mit den Salzvorkommen im Untergrund und auch horizontalen tektonischen Bewegungen zu tun, die die Steinschichten wandern lassen. „Und dann diese hochkomplizierte Struktur der Grabenränder“. Da sei vieles noch nicht erforscht und erklärt. Das Wort „kompliziert“ höre ich in der Folge noch oft – und dass die existierenden geologischen Karten schon alt seien, es gebe fast nichts Neues zu diesem Thema. „Man weiß nicht viel über den Untergrund, es hat wenig seismische Untersuchungen gegeben.“ Aber klar sei schon: So eine Grabenstruktur sei geologisch interpretierbar und geologisch spannend. Das sei etwas, wo die Erdkruste auseinandergehe.

Er versucht erkennbar, es mir Laien verständlich zu machen. Es gebe unten eine Beule, dann dehne sich diese, der mittlere Teil sacke dann ein. „Daraufhin sinken die Gesteine, die oben lagen, nach unten. Da kriegt man die Situation, das man hier unten jüngere Gesteine als oben an den Schultern hat. Was nach den normalen Lagerungsverhältnissen ja eigentlich gar nicht sein kann.“ Mit Schultern meint er den Bereich des gegenüberliegenden Göttinger Waldes und des noch vor uns liegenden Hügels. Dort sei also Muschelkalk, wage ich einzuwerfen – um zu erfahren: „Genau“. Aber hier, wo wir gerade stehen, eben nicht. Hier gebe es die jüngeren Gesteine des Jura. Schwarzen Ton etwa – wie in der Tongrube bei Rosdorf.

Genug von Steinen, Keuper, Jura und Ton. Wir müssen weiter. Stolpern eher als dass wir laufen, mitten durch ein Waldgebiet bergauf. Um an der Rodebreite aus dem Wald herauszukommen und auf einem Feld zu stehen. Ein nach rechts gehender Weg ist schnell zu erkennen (weil ein Traktor den Weg weist). Jetzt kommt endlich der Geologenhammer zum Einsatz. Am Feldrand liegt reichlich Gestein und drei Minuten später besitze ich ein nettes kleines versteinertes Stück Urgeschichte – einen „Brachiopoden“, einen Armfüßler. Sieht aus wie eine Muschel aus Stein.

Außerdem sind wir endlich auf dem „richtigen“ Weg, parallel zur Stadtgrenze geht es oberhalb von Esebeck Richtung Norden. Rechts von uns liegt bereits der Genossenschaftsforst von Holtensen und Lenglern und unversehens entdecken wir links am Wegesrand, mitten in der Hecke, einen Tisch mit zwei Bänken. Mit einer wunderbaren Sicht hinunter auf Esebeck. Kurz darauf: Ein unglaublicher Panoramablick Richtung Solling – weshalb der Punkt hier auch so heißt. Hier müssten wir eigentlich bergab, nach links durchs Hummestal – der wieder stark kurvigen Linie der Stadtgrenze entlang.

Wir entscheiden uns für den direkten Weg hinunter nach Esebeck, am historischen Feldhüterhaus vorbei. Die Suche nach einer Gaststätte erweist sich als erfolglos. Der Bus (der nur jede Stunde fährt) ist gerade vor zwei Minuten abgefahren – Taxiruf. Was sich mal wieder als nicht so einfach erweist. Antwort aus der Zentrale: „Fährt denn da kein Bus?“ Ich, irritiert: „Würde ich sonst anrufen?“. 15 Minuten später in der Stadt gibt es ein erfrischendes Hefeweizen für den gebürtigen Bayern Reitner und mich. Das haben wir uns nach knapp zwei Stunden Wanderung und dieser Hitze aber auch redlich verdient.

In der nächsten Folge: Unterwegs mit dem Göttinger Superintendenten Friedrich Selter zwischen Esebeck und Knutbühren.

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