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125 Jahre Städtisches Museum Göttingen, Teil 2

Geschenkt, gekauft, profitiert 125 Jahre Städtisches Museum Göttingen, Teil 2

Vor 125 Jahren wurde in Göttingen das Städtische Museum gegründet. In zwei Folgen beschäftigt sich das Tageblatt mit der Geschichte der Sammlung. Heute Teil 2: Blick in die Eingangsbücher – Exponate erzählen Zeitgeschichte.

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125 Jahre Städtisches Museum Göttingen

Erst Klavier-Fabrik, dann Museum: der Hardenberger Hof am Ritterplan in Göttingen.

Quelle: Städtisches Museum

Göttingen. Kommunale Museen und ihre Sammlungen sind als kulturelle Gedächtnisse Zeugnisse für Zeitgeschichte und die Lebensumstände der Bürger. „Nicht nur die Sammlungsobjekte, oftmals auch die Architektur dieser mit ihren Sammlungen gewachsenen Häuser zeugen von der gegenseitigen Prägung“, schreibt Andrea Rechenberg, Kuratorin des Städtischen Museums Göttingen in einem Beitrag zum 125-jährigen Bestehen ihrer Arbeitsstätte. 

Im Jubiläumsjahr ist ein Großteil der Bestände des Museums am Ritterplan wegen Sanierungsarbeiten ausgelagert. Was bleibt, um die Sammlungsgeschichte nachzuvollziehen? „Die Eingangsbücher, neun abgeschlossene und der aktuelle Band“, sagt Rechenberg. Stichprobenartig hat sie die Entwicklung der Sammlung im Abstand von jeweils 25 Jahren mit Bezug auf gesellschaftliche Gegebenheiten rekonstruiert.

1889

Im Gründungsjahr formuliert Initiator Moritz Heyne, Germanistikprofessor an der Universität, seinen Anspruch an eine Altertumssammlung. Rechenberg: „Er möchte das Geistesleben einer Nation und seine Entwicklung innerhalb einer Region erfassen.“ Die ersten Objekte – eine Spende des Magistrates – sind 14 Strafaltertümer wie Fußfesseln, Halseisen und andere martialische Zeugnisse der Ordnungsgewalt.

Bürger, Kirchengemeinden, Handwerkergilden und Händler unterstützen die Gründungsphase mit Objekten vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert. 819 Objekte verzeichnet das Eingangsbuch in diesem Jahr. An den Spenden sind die Umwälzungen des Industriezeitalters abzulesen. Gildeladen und Truhen, Eichstempel, Gefäße aus der Ratsapotheke und Harnische waren früher bedeutsam, mittlerweile aber aus dem Alltag verschwunden.

1914

Nach den Gebrauchsgegenständen kommt jetzt auch Kulturgeschichtliches ins Museum. Biedermeierkleidung, Schutenhüte und Uhren sind Geschenke aus Professoren- und Bürgerschaft. Erste Ankäufe werden registriert. Und archäologische Funde, die Bürger beim Umbau ihrer Häuser gefunden haben. 156 Objekte nennt das Eingangsbuch. Mitte 1914 beginnt der Erste Weltkrieg, die Spendenbereitschaft verebbt, „die Bürger hatten nichts mehr zu verschenken“, sagt Rechenberg.

1939

Im September 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus. Seit sechs Jahren sind die Nationalsozialisten an der Macht, was sich laut Rechenberg „in erschreckender Weise“ widerspiegelt. Die Ankäufe jener Zeit werden häufig bei Auktionen des Finanzamtes getätigt.

Gegenstände aus jüdischem Besitz gelangen ins Museum, unter Zwang aufgegeben von Göttinger Familien, die durch die Arisierungpolitik der Nationalsozialisten in große wirtschaftliche Not geraten oder verängstigt aus Deutschland geflüchtet waren. So erwirbt die Museumsleitung bereits 1938 Möbel der Unternehmerfamilie Hahn. Die Brüder Max und Nathan werden nach der Reichspogromnacht im November 1938 verhaftet und fallen, wie viele ihrer Angehörigen, dem Völkermord zum Opfer.

Das Eingangsbuch 1939 weist 457 Objekte auf, darunter ein Empire- und ein Biedermeier-Spiegel, ein Biedermeier-Sofa und drei Stühle des emigrierten Jakob Kahn. Warum kauft die Museumsleitung zur Zeit des Terrorregimes zwangsweise veräußerten jüdischen Besitz? „Der geschichtliche Zeugniswert der Möbel wurde darauf reduziert, die bürgerliche Wohnkultur des Kaiserreichs zu vermitteln“, kommentiert Ernst Böhme, Museumsleiter der Gegenwart, in einer Abhandlung über die Museumsgeschichte das Verhalten seiner Kollegen. „Die damit verbundenen dringenderen Fragen wurden dagegen bewusst oder unbewusst ausgeklammert.“

1964

Nur 57 Eingänge werden für das Jahr 1964 verzeichnet und nur sieben Ankäufe. Rechenberg geht nicht davon aus, dass die Göttinger das Interesse an ihrem Museum verloren hatten. Von 1960 bis 1965 werden die Gebäudeteile umgebaut und das Museumskonzept verändert. „Für aktive Sammeltätigkeit blieb weder Raum noch Zeit“, meint die Kuratorin vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen.

1989

Das Museum feiert 100-jähriges Bestehen und setzt Sammlungsschwerpunkte: Porzellan und Göttinger Porzellanmalerei sowie Objekte aus der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg. Rechenberg: „Das städtische Museum Göttingen war eines der ersten stadtgeschichtlichen Museen mit einer Dauerausstellung zum Nationalsozialismus.“ Nach der Grenzöffnung kommen verstärkt Objekte mit DDR-Militär-Herkunft. Insgesamt verzeichnet das Eingangsbuch 680 neue Objekte.

2014

Seit 2009, so Rechenberg, dokumentiert das Eingangsbuch nicht die Sammlungspolitik, sondern die Umbruchsituation des Museums. Fast die komplette Dauerausstellung sowie die Hälfte der Magazine sind in Zwischendepots umgezogen. Viele Objekte müssen restauriert werden.

Grund für den Stopp der aktiven Sammeltätigkeit sind umfangreiche Sanierungsarbeiten. Ausnahmen bilden allerdings laut Rechenberg „außergewöhnliche Schenkungen zur Stadtgeschichte“ – damit das Museum auch in der Phase der Umstrukturierung die Funktion des kulturellen Gedächtnisses der Stadt wahrnehmen könne.

Die Möbel der Familie Hahn

Göttingen. Möbel des Antiquitätenhändlers Jacob Kahn, Ritmüller-Zeichnungen aus dem Nachlass des Bankiers Max Frank und andere Gegenstände aus dem Besitz jüdischer Familien hat das Städtische Museum auf der Internetseite der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste „Lost Arts“ ( www.lostart.de) zur Restitution veröffentlicht.

Als erstes stadt- und kulturgeschichtliches Museum Niedersachsens führte das Städtische Museum eine Herkunftsrecherche nach „arisiertem Kulturgut“ durch. Einige Möbel und andere Objekte gehörten dem von den Nationalsozialisten ermordeten Ehepaars Max Raphael und Gertrud Hahn.

Im November reisen Nachfahren der Hahns nach Göttingen, um Besitztümer ihrer Vorfahren entgegenzunehmen. Unter dem Titel „Die Möbel der Familie Hahn“ werden die Gegenstände von Sonntag, 9. November, bis Sonntag, 25. Januar, im Städtischen Museum am Ritterplan ausgestellt.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016