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Im Volkschor gegen den Operettentod gesungen

Bühnenauftritte im alten Stadtpark Im Volkschor gegen den Operettentod gesungen

Aus finanziellen Gründen war die Oper in Göttingen 1936 geschlossen worden. Gespielt wurden weiterhin Schauspielklassiker und Unterhaltungsstücke wie „Der Vogelhändler“ und „Der Zarewitsch“. 1944 stoppte Propagandaminister Joseph Goebbels den Spielbetrieb deutscher Bühnen mit einem Erlass.

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Aufführung des Zigeunerbarons: Im Chor sangen mehrere Mitglieder der Familie Volkmann mit.

Quelle: EF

Auch die Besatzungsmächte hatten im April 1945 kulturelle Aktivitäten wie Lichtspielhäuser, Theater, Musik und Zusammentreffen verboten. Zwei Monate später erteilte die Militärregierung die Erlaubnis, Theater-, Musik- und Filmvorführungen zu besuchen und zu veranstalten. Im Juli wurde das Göttinger Theater mit einer Aufführung von Figaros Hochzeit für die Soldaten der Rhein-Armee eröffnet. Im September spielten die Schauspieler das „Kätchen von Heilbronn“. In der Tradition der 1920er Jahre als Drei-Sparten-Theater war wieder Konzert, Oper, Schauspiel unter einem Dach vereint.

Dies erwies sich aber als zu teuer und zu arbeitsintensiv für eine finanziell gebeutelte Stadt und ein zu kleines Ensemble. 1950 wurden Oper und Operette aufgegeben. Heinz Hilpert kam als neuer Intendant nach Göttingen, und der sangeskräftige Teil des Ensembles wurde entlassen. Dagegen wehrten sich viele der Darsteller vor dem Arbeitsgericht, so etwa die Schauspielerin Marianne Schubart im April des Jahres 1950.

Auch die Göttinger Bürger trauerten ihrer Oper nach, die sich im Juli mit George Bizets „Carmen“ verabschiedete. Es gab eine Unterschriftensammlung, an der sich tausende Göttinger beteiligten. „In den letzten Wochen der Spielzeit wurden – gewissermaßen als Abschluss – fast nur Opern gegeben, die ständig ausverkaufte Häuser erzielten“, heißt es in der städtischen Chronik auf der Homepage des Stadtarchivs Göttingen. Dennoch sei nicht möglich gewesen, Opernspielplan und Opern- und Operettenensemble zu erhalten. Gastspiele auswärtiger Bühnen sollten Eigenproduktionen ersetzen.

Dennoch verließ die Sparte die Stadt Göttingen noch nicht ganz. Im September taten sich arbeitslose Künstler, viele davon ehemals am Göttinger Theater beschäftigt, zu einer Gemeinschaft zusammen, um vor allem im Stadtpark-Saal – am Standort der heutigen Stadthalle – Operetten und kleine Opern aufzuführen. Mit „Saison in Salzburg“ eröffnete das neue Göttinger Opern- und Operetten-Theater seine Spielzeit. Unterstützung erhielt der Theaterchor unter anderem durch den Volkschor Göttingen. Daran erinnert sich Marlies Schlechter, die heute in Nörten-Hardenberg lebt. „Großgeworden bin ich aber in der Langen Geismarstraße in Göttingen“, erzählt die heute 78-Jährige.

Schlechter, geborene Volkmann, stammt aus einer durch und durch musikalischen Familie: „Das haben wir von den Großeltern geerbt“. Einige der Verwandten verdienten sich mit der Stimme sogar ihren Lebensunterhalt beim Theater. Die junge Marlies allerdings sang während ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau nur in ihrer Freizeit im Volkschor mit, dessen Dirigent auch den Theaterchor betreute. So kam es zur Zusammenarbeit.

Schlechter berichtet von Auftritten im Stadtpark, aber auch an Operetten, die während einer Tournee der Theatergemeinschaft in Südniedersachsen und Nordhessen gespielt wurden. In ihrem Fotoalbum fand sie Aufnahmen, die vor 60 Jahren während der Aufführungen des Zigeunerbarons entstanden: „Meine Mutter und mein Bruder waren auch dabei“, sagt sie und deutet mit dem Finger auf zwei lächelnde Gesichter inmitten des Chors.
Nur kurze Zeit währten die Aktivitäten des Opern- und Operetten-Theaters. Schlechter erinnert sich noch an Aufführungen von „der Bettelstudent, und ich glaube, wir haben auch Maske in blau gespielt“. In der städtischen Chronik jedenfalls enden die Einträge über die musikalische Gemeinschaft am 12. Oktober 1952, als die neue Spielzeit mit der Operette „Katja, die Tänzerin“ eröffnet wurde.
Die Zeitreise ist eine Geschichtswerkstatt des Göttinger Tageblattes, des Stadtarchivs und städtischen Museums Göttingen (www.goettinger-zeitreise.de). Gesucht werden nach wie vor private und historische Fotografien sowie Filmmaterial aus der Universitätsstadt und ihren Ortsteilen. Informationen über das Projekt: telefonisch unter 0551 / 90 17 66, per E-Mail unter redaktion@goettinger-tageblatt.de.

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