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Reitinstitut weicht Kaufhaus

Mobilität und Konsum Reitinstitut weicht Kaufhaus

Auf dem sogenannten Freudenberg am Weender Tor entstand zwischen 1734 und 1736 – noch vor der offiziellen Gründung der Universität Göttingen – ein Reitstall.

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Stammbuchsammlung: „Comitat vor dem Universitätsreitstall“ aus dem Jahr 1765.

Quelle: Stadtarchiv

Die entstehende Universität sollte einem aristokratischen Bildungsideal entsprechen. Zeitgemäß war deshalb neben der universellen Ausbildung die Vermittlung von Fertigkeiten in den Bereichen des Tanzes, Fechtens und Reitens. Letzteres war im 18. Jahrhundert nicht nur Sport, sondern bedeutete Mobilität in fast allen Bereichen des Alltags. Deshalb war für die Theorie und Praxis der Fortbewegung mit Pferdekraft ein vollwertiger Studiengang vorgesehen.

Vorbild für die auf dem sogenannten Freudenberg entstehende Anlage waren die Marstallgebäude von Schlössern. Das Göttinger Reitinstitut war lange Zeit deutschlandweit einzigartig und in ganz Europa anerkannt. Das änderte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die in Göttingen praktizierte Hohe Schule gegenüber der Jagdreiterei ins Hintertreffen geriet. Erste Tendenzen zum Breitensport verhelfen dem Turnen und Fechten zu mehr Ansehen. Die Eisenbahn hielt Einzug, und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht führte zur Gründung militärischer Reitinstitute, schreibt Carola Gottschalk in „Göttingen ohne Gänseliesel“ (Wartberg-Verlag 1988) – Konkurrenz für das altehrwürdige Institut.

Es gab erste Überlegungen, den Reitstall zugunsten einer Fechthalle abzuschaffen. Diese Diskussion endete 1901 mit dem Bau einer solchen Halle in der Geiststraße. Während des Ersten Weltkrieges wurden das Reitinstitut aufgelöst und die Pferde von den Militärbehörden beschlagnahmt. Von 1917 bis 1921 diente das Gebäude als Kartoffellager. 1934 war der Reitstall erneut vom Abriss bedroht: Die Stadt wollte eine Festhalle errichten.

Nach mehreren Umnutzungen während der Kriegs- und Nachkriegszeit und erneut verworfenen Abrissplänen im Jahr 1950/51 blieb die Anlage der Stadt zunächst erhalten, bis Mitte der 60er Jahre der Standort für ein neues Verwaltungs- und Einkaufszentrum gesucht wurde. Ein Rathaus, eine Schwimmhalle, Volkshochschule, Stadtbücherei und ein Parkhaus waren Bestandteil der ambitionierten Planung am Weender Tor. Die Reithalle sowie Teile des Reitstallviertels sollten weichen. 1966 kaufte die Stadt der Universität den Reitstall ab.

Auf diese Planung reagierte die Bürgerschaft Ende der 1960er Jahre mit Protesten gegen die „Kulturschande“, ein denkmalwürdiges Bauwerk dem Erdboden gleichzumachen. Schon Ende 1967 gab es Bürgerdiskussionen, in denen nicht nur Argumente gegen den Abriss, sondern auch Umnutzungsvorschläge vorgetragen wurden. So gab es etwa einen Plan, aus der Reithalle ein Studentenzentrum zu machen. Da allerdings das Geld für eine Sanierung fehlte, wurde die Reithalle im Sommer 1968 abgerissen.

Die dem Beschluss zugrundeliegende Planung allerdings wurde letztlich niemals umgesetzt. Das Rathaus entstand erst Ende der 70er Jahre an einem anderen Strandort. 1974, nachdem das Areal lange Jahre brach gelegen und als Parkplatz genutzt worden war, baute der Hertie-Konzern auf dem Platz der alten Reithalle ein Kaufhaus – einen Einzelbau ohne baulichen Bezug zu seiner Umgebung. Vom Erbauer wurde es allerdings nur vergleichsweise kurze Zeit genutzt: Schon 1986 schloss die Hertie-Filiale, der Betonklotz stand bis Anfang der 90er Jahre leer.

Für die Zeitreise, eine Geschichtswerkstatt des Göttinger Tageblattes und der Stadt Göttingen, werden derzeit Filmaufnahmen und Fotografien aus den 1960er Jahren aus dem Stadtgebiet und den späteren Ortsteilen Göttingens gesucht. Informationen im Internet unter www.goettinger-zeitreise.de oder unter der Telefonnummer 05 51 / 90 17 66.

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