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Unheimliche Begegnungen mit Toten in der Anatomie

Göttinger Zeitreise Unheimliche Begegnungen mit Toten in der Anatomie

Viele Leser begleiten das Tageblatt, das Städtische Museum und Stadtarchiv Göttinger auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Zu den Mitreisenden gehört auch Willi Oberdiek, der für die Geschichtswerkstatt sein altes Familienalbum durchsah.

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Palmengarten: So schön war es am Göttinger Bahnhof.

Quelle: Willi Oberdiek

Bis in Oberdieks Kindheit reichen die kleinformatigen Schwarzweißfotos zurück: Bilder von Fachwerkhäusern in der Innenstadt, der von der Leine umflossene Walkemühle, des Schwänchenteichs und des Molkengrunds als nahezu baumfreie Parkanlage klebten die Eltern fein säuberlich mit Fotoecken ins Album. Oberdiek erinnert sich gern an seine Jugend in Göttingen, „das war eine schöne Zeit“, sagt der heute 87-Jährige.

Aufgewachsen ist er an der Leinestraße, „da wohnten nur Eisenbahner“. Mittendrin die „Bimmelbahn“, die Gartetalbahn. „Damit konnte man bis Rittmarshausen fahren und wenn man wollte, an der Strecke abspringen und Blumen pflücken“. Himmelfahrt seien die Züge voller Studenten gewesen, „die fuhren nach Waterloo“. So hießen ein Bahnhof und ein Ausflugslokal bei Wöllmarshausen.

Mit Freude denkt Oberdiek an den Göttinger Bahnhof zurück, wo früher ein Palmengarten stand, „im Frühling wurden die Pflanzen aus dem botanischen Garten hergebracht“. Er kaufte bei der Marktfrau Charlotte Müller ein, „die war sehr billig“. Den Bahnhof heute zu sehen, ist ihm eher ein Ärgernis. Vor allem die dort abgestellten Fahrräder machten den Eindruck, dass „aus dem Bahnhof ein Schrottplatz geworden ist“.

1937 begann der junge Göttinger eine Lehre bei Malermeister Köhler. Beim Anstreichen lernte er die im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstörte Anatomie von innen kennen. „Wir haben die Toten im Leichentuch gesehen“, erzählt der Rentner. Einem Kollegen sei das sehr unheimlich gewesen: „Immer, wenn er eine Dampflok hörte, hat er geglaubt, die Toten steigen auf. Er musste dann woanders arbeiten.“ Einmal wurde Oberdiek durch das Gebäude geführt, an Gläsern vorbei, „in denen Teile von dem hannoverschen Mörder konserviert waren“. Die posthume Begegnung mit Friedrich Haarmann hat den jungen Maler damals beeindruckt: „Warte, warte noch ein Weilchen“, zitiert Oberdiek den Gassenhauer, der dem später hingerichteten Mörder gewidmet war.

Viele Leser begleiten das Tageblatt, das Städtische Museum und Stadtarchiv Göttinger auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Zu den Mitreisenden gehört auch Willi Oberdiek, der für die Geschichtswerkstatt sein altes Familienalbum durchsah.Bis in Oberdieks Kindheit reichen die kleinformatigen Schwarzweißfotos zurück:

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All die Jahre im Gedächtnis geblieben sind dem 87-Jährigen auch noch die Ausflugslokale seiner Jugend: Deutscher Garten, Rohns, Maschmühlenweg. „Und jeden Sonnabend gab es Musik in der Muschel des KWP. Da sind wir hin – mit Zuckerkuchen, den durfte man mitbringen. Den Kaffee haben wir dann bestellt.“ Wenn es weiter weggehen sollte, fuhr die Eisenbahner-Familie mit Zügen nach Bad Sachsa oder Hamburg, erzählt Oberdiek schmunzelnd, „das war Urlaub. Früher flog man noch nicht nach Mallorca“.

Von Katharina Klocke

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