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„Wir waren damals filmverrückt“

Große Stars ganz nah „Wir waren damals filmverrückt“

Kaum ein Aspekt des Zeitreise-Projekts von Tageblatt, Stadtarchiv und Städtischem Museum hat derart viel Rückmeldung an die Redaktion ausgelöst wie das Thema Filmstadt Göttingen.

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Geschafft: Billy geht auf Thomalla los.

Quelle: EF

Deutlich wird, wie sehr die Bevölkerung an Dreharbeiten und Schauspielern interessiert war und wie stark sie über die Mitarbeit als Komparsen in die rege Filmproduktion eingebunden war. So beispielsweise Suse Günzel, die seit 45 Jahren als Farmfrau im Buschland von Südwest-Afrika / Namibia lebt, sich aber immer noch rege an ihre Göttinger Zeit erinnert. „Vermutlich“, sagt Günzel heute, hatten wir noch nicht den Überblick über die Auswirkungen der Filmaufbau, aber dass da etwas Deutschlandweitesentstand und die Glimmerwelt Europas einen Drehpunkt hatte, das empfand ich jedenfalls schon. Wenn wir damals von Elliehausen nach Göttingen zu laufen hatten, haben wir oft den Weg am Filmaufbau genommen mit der Hoffnung auf einen Blick zu einem der berühmten Schauspieler, die dort zu drehen hatten.“ Meistens waren es aber nur die geparkten großen Luxuslimousinen, denen man vielleicht Platz machen mußte oder die an einem vorbeiglitten.“

Konkrete Erinnerungen hat Günzel an „Frauenarzt Dr. Hiob Praetorius“: „Die Filmleute entdeckten die Schönheit unseres damaligen Pfarrhauses in Elliehausen und fragten, ob sie die Kulisse für ihren Film benutzen dürften. Jedenfalls kamen irgendwann Handwerker der Filmaufbau und gaben der Front des Hauses einen neuen Anstrich. Schlechtes Wetter verhinderte einen umgehenden Dreh, und wir warteten sehnsüchtig auf das Geschehen.

Irgendwann fuhren Lieferwagen vor, und ein Rosengarten wurde installiert. Auch, wie bei ,1000 rote Rosen‘ nur Kunstblumen. In einem unbeobachteten Moment prüfte ich mit meinen Händen tatsächlich die Draht- und Papier-Illusionen. Zum Bedauern meiner Mutter wurden ihre üppigen ,Fuchsschwänze‘ runtergeschnitten.
Dann gab es die Aufnahmen, die wiederholt in eine ,Klappe‘ gedreht wurden. Eigentlich langweilig, weil so wenig passierte, aber doch: In eine gelungene Aufnahme mit vollem Sonnenschein und allem gackerten die Gänse vom Nachbarhof. Da musste erst wieder einer der Handlanger vom Filmen den Weg zu den Gänsen finden und sie vertreiben. Wieder wurde absolute Stille verlangt und die Klappe knallte. Im Nachhinein bin ich erstaunt, dass bei Außenaufnahmen der Ton gleich mitgeschnitten wurde. Die Technik war ja noch nicht die, welche heute verfügbar ist, und es war spannend, was alles passen musste, bis der Dreh zufriedenstellend war. Was ich dort mit wochenlangem Herzklopfen erlebte, wurde im Film selbst zu einer kaum halben Minute Spielfilmzeit. Später gewöhnte man sich an die Filmemacher in der Gegend und dachte nur: Ach, da wird wieder gefilmt.“

Häufig als Komparsin verpflichtet wurde Edith-Ursula Schneider. Auch für den Film-Klassiker „Nacht fiel über Gotenhafen“ über den Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ 1945. An eine kleine Episode am Rand der Dreharbeiten erinnert sie sich: „Ich befand mich ebenfalls in den Wellen der Ostsee. Eine Wasserbombe detonierte mit lautem Getöse und Klaus, damals vier Jahre alt, saß als Zuschauer in der Nähe und hatte schreckliche Angst um seine Mutti. Sonja Ziemann spielte die Hauptrolle und wollte mein Kind trösten. Sie schenkte ihm 50 Pfennig. Das war so nett und liebevoll.“
In dem Film „Meine Frau macht Dummheiten“ mit Georg Thomalla durfte unser Boxer Bill als Star auftreten. Er sollte angriffslustig Thomalla die Hosen zerfetzen. Der Hund war wohl ein ausgebildeter Polizeihund mit Schutzhundprüfungen, aber nicht sehr bereit, jemandem etwas anzutun. Das war nicht ganz einfach, ihm beizubringen, dem armen Thomalla, der so lieb zu ihm war, anzugreifen.“

„Wir waren damals filmverrückt“ erinnert sich auch Ingeborg Haidvogl. Ende der 40er Jahre ein 15-jähriges Mädchen, ließ sie sich nur selten einen Film entgehen. Besonders interessant: Nach den Uraufführungen der Göttinger Filme, regelmäßig im „Capitol“, waren nicht selten die Schauspieler zugegen und sammelten Autogramme. Das Resultat: Haidvogl hütet ein Album mit Starfotos aus den 50er Jahren einschließlich Autogrammen und Widmungen. „Damals“, sagt der heute 75-jährige Film-Fan, „das waren noch ganz besondere Schauspieler. Solche gibt’s heute gar nicht mehr.“

Für die Zeitreise werden alte Fotografien aus Göttingen, dem privaten Album und dem Berufsalltag gesucht: Telefon 05 51  /  90  17 66, E-Mail redaktion@goettinger-tageblatt.de.

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