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„Jede Woche quatschen wir oder gehen spazieren“

Helfende Hände Teil 1 „Jede Woche quatschen wir oder gehen spazieren“

Rund 100 Ehrenamtliche engagieren sich im Netzwerk „Freiwilligenarbeit in Altenpflegeheimen Göttingen“ (NFAG). Sie gehen mit den Senioren spazieren, begleiten sie zum Arzt, organisieren Ausflüge, machen Musik oder hören einfach nur zu. Andreas Fuhrmann stellt in der Serie „Helfende Hände“ einige der Freiwilligen und ihre Arbeit vor. Heute: Adelheid Burkhardt.

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Anstrengend: An Steigungen kommt Adelheid Burkhardt schon mal ins Schwitzen, wenn sie Anna Brack im Rollstuhl schiebt.

Quelle: Hinzmann

Alles ist weiß. Eine dicke Schneeschicht bedeckt Straßen und Felder. Die Bäume biegen sich unter der Last der kalten Masse. Adelheid Burkhardt hat an diesem Freitag eine beschwerliche Anfahrt zum Stift am Klausberg. Doch auch Freiwillige haben Pflichten. „Man sollte sich schon an den Tag halten“, erklärt sie. „Die alten Menschen freuen sich ja auf den Besuch.“

An diesem Tag freut sich vor allem Anna Brack. „Da kommt ja meine liebe Freundin, ich fühle mich sehr geehrt“, sagt sie, als Burkhardt ihr Apartment betritt. Brack sitzt auf ihrem Sofa und strahlt. Der zierlichen Frau mit schneeweißem Haar sieht man nicht an, dass sie bald 100 Jahre alt wird. „Was halten Sie davon, wenn wir heute raus gehen“, fragt Burkhardt. „Ja gerne, raus in den Schnee“, jubelt Brack.

Die Frisur sitzt

So gut gelaunt ist die 99-Jährige  nicht immer. Sie, die einst eine begnadete Turnerin war, kann es nur schwer akzeptieren, nicht mehr so beweglich und mobil zu sein wie früher. Derzeit ist es besonders schlimm: Von einem Sturz erholt sie sich nur langsam. Immerhin ist sie nicht ganz allein. Ihr Mann ist zwar schon einige Jahre tot, doch Sohn und Schwiegertochter besuchen sie oft.

„Sie waren schon wieder beim Frisör, oder“, erkundigt sich Burkhardt und fährt der alten Dame sanft mit den Fingern durchs Haar. „Ein kurzer Haarschnitt, schön.“ Brack lächelt. Die alte Dame achtet auf ihr Aussehen. „Morgens um 9 Uhr ist sie immer schon picobello“, erzählt Burkhardt.

Dann geht es der neuen Frisur aber an den Kragen. Denn auch wenn Brack es nicht unbedingt einsieht – eine Mütze muss sein bei der Kälte draußen. Nach kurzer Diskussion entscheidet sie sich für eine beigefarbene. Dazu wählt sie einen dicken braunen Pelzmantel. Burkhardt hilft ihr beim Anziehen. „Noch einen Schal“, sagt sie, aber das findet die 99-Jährige dann doch etwas übertrieben. Burkhardt duldet keine Widerrede und legt ihr den Schal um den Hals. „Das ist ganz modern“, versichert sie. „Machen Sie mich ruhig mal modern“, gibt sich Brack geschlagen. Aber die Pantoffeln wolle sie anbehalten, die seien schließlich warm genug. Genehmigt. Sie setzt sich zufrieden in ihren Rollstuhl.

Rote Wangen

Auf den bunt gestalteten Gängen des Seniorenheims ist es ruhig. Eine Mitarbeiterin huscht vorbei. Ansonsten ist niemand zu sehen. Im Foyer sitzt vereinzelt jemand auf den schicken Sitzgruppen, die mit Pflanzen voneinander abgetrennt sind. Ein Mann liest Zeitung. Ein anderer schaut aus dem Fenster. Eine alte Dame mit prächtiger Föhnfrisur, rot geschminkten Wangen und goldenen Ringen an den Fingern durchschreitet den Raum. Die Schminke vermag ihre tiefen Falten nicht zu überdecken.

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Draußen treffen Burkhardt und Brack auf einen älteren Herren. Er trägt karierte Gamaschen und einen Rucksack. „Schönen Tag wünsche ich“, sagt er und deutet eine Verbeugung an. Die Frauen grüßen herzlich zurück. Dann geht der Mann pfeifend seiner Wege.

Burkhardt schiebt die 99-Jährige über die weißen Wege der Grünanlage, die das Seniorenheim umgibt. Die Reifen des Rollstuhls knirschen im Schnee. „Ist Ihnen schön warm“, erkundigt sich Burkhardt. Brack nickt. „Schöne Luft, wunderbar“, sagt sie und atmet tief durch, als könne sie die Frische und Klarheit in sich aufsaugen.

An einer großen Steigung hält Burkhardt einen Moment lang inne. Sie schnauft ein wenig und nimmt das Angebot gerne an, sich kurz ablösen zu lassen. „Hier muss ich sonst schon mal stehen bleiben“, erzählt sie. Brack gefällt der Wechsel. „Das ist sofort ein ganz anderer Mumm, jetzt schiebt mich ein Mann“, ruft sie. „Wie soll ich denn das nun verstehen“, fragt Burkhardt. Beide lachen.

Burkhardt ist 69 Jahre alt. Sie redet nicht gerne über ihr Alter, aber mit alten Menschen umso lieber. Jeden Freitag von morgens bis mittags kümmert sie sich im Stift um die Bewohner, hat ein offenes Ohr für ihre Probleme oder geht mit ihnen spazieren. Dinge, die das Pflegepersonal oftmals nicht leisten könne, sagt Burkhardt.

Zudem hilft sie bei diversen Veranstaltungen des Seniorenheims mit, schiebt Rollstuhlfahrer, arbeitet im Service oder begleitet die Senioren zum Arzt. Das mache ihr viel Freude, sagt sie. Und die Bewohner seien für jede noch so kleine Geste dankbar – wie Brack. „Sie baut mich auf“, sagt sie und drückt Burkhardts Hand. „Jede Woche Freitag quatschen wir oder gehen spazieren.“

Vom Sohn umarmt

Als Burkhardt wieder das Steuer des Rollstuhls übernimmt, nähert sich schnellen Schrittes ein älterer Herr. „Hallo“, ruft er freudig und schließt Brack in die Arme. „Der Sohn“, erklärt Burkhardt. Gemeinsam plauschend geht es zurück zum Heim. Die 99-Jährige bedankt sich herzlich für den Ausflug, winkt noch ein letztes Mal und rollt mit ihrem Sohn von dannen.

Mitten im Foyer steht derweil eine alte, gebückte Frau und weint bitterlich. Dicke Tränen rollen über ihre Wangen. „Frau Meier, was ist denn“, fragt Burkhardt sanft und nimmt sie in den Arm. Nur ein lautes Schluchzen ist zu hören. Draußen beginnt es erneut zu schneien.

                                                                                                                  Von Andreas Fuhrmann

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