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Kleine Händel-Sonaten für die gute Laune

Helfende Hände Teil 5 Kleine Händel-Sonaten für die gute Laune

Rund 100 Ehrenamtliche engagieren sich im Netzwerk „Freiwilligenarbeit in Altenpflegeheimen Göttingen“ (NFAG). Sie gehen mit den Senioren spazieren, begleiten sie zum Arzt, organisieren Ausflüge, machen Musik oder hören einfach nur zu. Andreas Fuhrmann stellt in der Serie „Helfende Hände“ einige der Freiwilligen und ihre Arbeit vor. Heute: Anneliese Sandrock.

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„So glücklich“: Anneliese Sandrock spielt Klavier im Göttinger Feierabendhaus.

Quelle: Mischke

Fröhlichkeit. Anneliese Sandrock strahlt sie geradezu aus. Mit ihrem rundlichen Gesicht und den wachen Augen steht die 81-Jährige am Eingang des Feierabendhauses und lächelt. „Willkommen“, sagt sie und reicht ihre Hand. Ohne große Umschweife schreitet sie voran durch das  mehr als 100 Jahre alte Gebäude im Ostviertel, das auf den ersten Blick nicht wie ein Seniorenheim anmutet – eher wie ein Museum.

So sind vorerst auch eher alte Möbel zu sehen denn alte Menschen. Die hohen, hellen Gänge mit ihren riesigen Fenstern sind menschenleer. Sandrock bleibt immer wieder stehen, erklärt atemlos ein Bild oder eine Skizze und eilt mit kurzen Schritten weiter. Der Teppich dämpft ihr Trippeln.

Ordner voller Fotos

Im Speisesaal angekommen, setzt sich Sandrock an einen schönen, sonnigen Fensterplatz. Sie kramt einen dicken Ordner hervor und zeigt Fotos. Fotos vom Sommerfest, vom Fasching, von Ausflügen. Beinahe überall hat sie mitgeholfen, hat vorbereitet, geplant und unterstützt. Besonders das Sommerfest sei eine feste Institution. „Das ist etwas ganz Tolles. Das ist so schön, da kommen auch die Angehörigen der Bewohner, und alle zusammen essen, reden und singen.“

Sandrock erzählt das alles nicht aus falscher Eitelkeit. Sie möchte vielmehr zeigen, wie sehr ihr das Feierabendhaus ans Herz gewachsen ist. Seitdem sie 1992 pensioniert wurde, ist sie hier als Ehrenamtliche tätig. Dadurch ist das Feierabendhaus zu so etwas wie einem zweiten Zuhause für sie geworden. Jeder kennt sie, und sie kennt jeden.

„Bin gerne mal für mich“

So wie Ellegard Lütgens, eine alte Schulfreundin, die es sich ebenfalls im Speisesaal gemütlich macht, obwohl die große Wanduhr erst 11 Uhr zeigt. „Ich gehe immer so früh. Ich bin gerne mal für mich“, sagt die 83-Jährige. Seit 2001 lebt Lütgens im Feierabendhaus, und das sehr gerne, wie sie sagt. Besuch bekommt sie täglich von ihrem Sohn und Hund Krümel.

Sandrock hat sich derweil ans Klavier gesetzt, das in einer Ecke des Speisesaals steht, und spielt. Denn Sandrock besitzt neben ihrer menschlichen auch eine musikalische Ader. Sie begleitet nicht nur bei den Gottesdiensten den Gesang auf dem Klavier, sondern bietet mit zwei Freundinnen, die Flöte spielen, Hausmusik an. „Dann spielen wir auch schon mal kleine Händel-Sonaten“, erzählt sie, während ihre Finger behände über die Tasten huschen.

Sandrock hat als Schulleiterin an der Lohbergschule gearbeitet. Über eine Kollegin entstand der Kontakt zum Feierabendhaus. „Das wäre doch was für dich, oder?“, fragte die sie damals – und sie hatte Recht. Seitdem kommt Sandrock durchaus regelmäßig, aber nicht zu festen Terminen ins Feierabendhaus. „Ich gehe lieber von Tür zu Tür, besuche alte Klassenkameradinnen oder Kolleginnen vom Heimbeirat“, erklärt die 81-Jährige.

„Ich brauche Sicherheit“

Renate Baller ist so eine Kollegin. Und sie ist eine von 14 Senioren, die im Trakt für betreutes Wohnen im Haupthaus leben. „Hier bin ich selbstständig wie früher, habe aber die Hilfe im Hintergrund“, begründet die 85-Jährige ihre Entscheidung, ins Feierabendhaus zu ziehen. Denn eine Familie, die sich um sie kümmern könnte, hat sie nicht. Und ihre Verwandten wohnen weit entfernt. „Ich brauche aber eine gewisse Sicherheit, und die habe ich hier“, sagt Baller.

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Zusammen engagieren sich die beiden Frauen im Heimbeirat, telefonieren oft und besuchen sich gelegentlich auch privat. Baller ist somit Bewohnerin und Ehrenamtliche zugleich. Denn auch sie engagiert sich für ihre Mitmenschen im Feierabendhaus – „weil man sich hier zu Hause und somit mitverantwortlich fühlt“.

Das geht Sandrock ähnlich. Sie habe zwar keine Langeweile, sei aber dennoch „glücklich und froh, dass ich hier bin“. Die Arbeit im Feierabendhaus bereite ihr einfach viel Freude. „Es kommt so viel Dankbarkeit zurück, das macht einen so glücklich.“

Dankbar ist auch Ursula Kniekamp, dass Sandrock noch kurz nach ihr sieht. „Ich bin noch nicht sehr lange hier, muss mich noch an vieles gewöhnen“, sagt die 92-Jährige, die sich derzeit wegen einer Fußverletzung kaum bewegen kann. Nach einem kurzen Gespräch verabschiedet sich Sandrock. Es gibt Mittagessen.

Auf dem Weg zurück in den Speisesaal begegnet die 81-Jährige einer alten Frau im Rollstuhl. Sandrock beugt sich zu ihr und schließt sie lange in die Arme. Die alte Frau klammert sich an ihr fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen. Sandrock ist gerührt. „Sie kann nicht mehr sprechen“, erklärt sie. „Aber sie ist so glücklich, wenn man sie mal in den Arm nimmt. Sie ist einfach so ein fröhlicher Mensch.“ Einer wie sie.

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