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Mit Kamera, Block und Stift bei Modenschau im Altenheim

Helfende Hände Teil 2 Mit Kamera, Block und Stift bei Modenschau im Altenheim

Rund 100 Ehrenamtliche engagieren sich im Netzwerk „Freiwilligenarbeit in Altenpflegeheimen Göttingen“ (NFAG). Sie gehen mit den Senioren spazieren, begleiten sie zum Arzt, organisieren Ausflüge, machen Musik oder hören einfach nur zu. Andreas Fuhrmann stellt in der Serie „Helfende Hände“ einige der Freiwilligen und ihre Arbeit vor. Heute: Hans Bichler.

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Bitte recht freundlich: Hans Bichler fotografiert unter den Augen der Bewohner die Modenschau im Caritas-Seniorenstift.

Quelle: Mischke

Eine Modenschau im Altersheim. Welch ein Ereignis. Eine Premiere gar für das Caritas-Seniorenstift St. Paulus. Seit Tagen reden die Bewohner von nichts anderem. Keine Frage also, dass Hans Bichler darüber berichten wird. Ausführlich, in Wort und Bild, mit Interviews garniert. Er zückt seinen Stift, greift einen Block und eilt zum Laufsteg. Eine silberne Digitalkamera baumelt um seinen Hals. 

Bichler, 64 Jahre alt, gebürtiger Niederbayer, graues, kurzes Haar, rote Wangen, einnehmendes Lachen, erstellt seit rund einem Jahr ehrenamtlich die Hauszeitung für das Seniorenstift. Kürzlich ist die vierte Ausgabe des 24-seitigen Heftes erschienen. Auflage: 180 Stück. „Das gab es hier vorher noch nicht. Das war ein völlig freies Feld, und ich konnte entwickeln, was ich so dachte.“ Bichler ist so etwas wie der Haus- und Hof-Journalist, immer auf der Suche nach informativen und menschlichen Geschichten – wie die über eine Modenschau für Senioren.

Im dunkel getäfelten Speisesaal des Altenheims warten bereits 50 Bewohner gespannt auf den Einlauf der ersten Models. Kleiderständer ächzen unter der Last aus Hosen, Blusen und Blazern. Der Moderator – gleichzeitig der Geschäftsmann, der die Mode anbietet – geht wieder und wieder die Liste mit den Kleidungsstücken durch, die gleich präsentiert werden sollen. Derweil machen sich die Models für ihren ersten Auftritt zurecht.

Als erstes betritt Gisela Przybilski die Bühne: 84 Jahre alt, schmale Figur, seit Januar Bewohnerin des Stifts. Sie trägt laut Moderator „ein schickes Twinset“, bestehend aus Jacke und Pullover. Kostenpunkt: 125 Euro. Bichler schreibt etwas in seinen Block und zückt die Kamera. Przybilski schlendert lässig auf ihn zu, öffnet die Jacke, dreht sich. Die Zuschauer beobachten sie in einer Mischung aus Neugierde und Bewunderung. „Das passt ja wie angegossen“, lobt Bichler und betätigt den Auslöser.

Der richtige Mann

Der 64-Jährige war bis vor eineinhalb Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Kassel. Unter anderem kümmerte er sich um die Öffentlichkeitsarbeit. Dann kam die Rente – und damit die Suche nach einer neuen Aufgabe. „Ich wollte unbedingt ein Ehrenamt ausüben“, erzählt er. Über das Göttinger Freiwilligenzentrum Bonus kam schließlich der Kontakt zum Caritas-Seniorenstift zustande. Leiter Michael Reimann wollte eine Hauszeitung auf die Beine stellen, doch ihm fehlte die Zeit. Bichler war der richtige Mann.

Seitdem erscheint viermal im Jahr eine Ausgabe. „Zu 99,9 Prozent sind die Texte von mir“, sagt Bichler, der seine Arbeit ernst nimmt. Er wolle schließlich Inhalt liefern, „was mich eben fordert“. Daher schaut er jede Woche ein bis zwei Stunden im Stift vorbei und sammelt Stoff für seine Geschichten. Den Rest erledigt er dann zu Hause am Schreibtisch.

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So stellt er den Koch, die Pflegedienstleitung oder andere Mitarbeiter vor. Auch die Heimbewohner kommen zu Wort. Und für die aktuelle Ausgabe begleitete er die Frisörin, die das Haus dann und wann aufsucht, bei ihrer Arbeit. Kritisch versucht er sich zudem mit verschiedenen Themen auseinanderzusetzen. So fragte er in einer der ersten Ausgaben: „Was ist eigentlich das besondere an einem katholischen Heim?“ und sprach dazu unter anderem mit einem evangelischen Pfarrer.

Die Modenschau ist mittlerweile in vollem Gange. Bichler kniet vor einer alten Dame und interviewt sie. Irmgard Hartung heiße sie, sagt die 89-Jährige, und lebe erst seit kurzem im Heim. Kaufen wolle sie nichts, aber schauen schon. Sie sei zufrieden mit dem, was sie habe. „Ich stelle ja auch keine großen Ansprüche. Und was ich brauche, das habe ich.“ Bichler notiert fleißig, stellt weitere Fragen und macht am Ende des Interviews noch ein Foto. Dann wendet er sich einer weiteren Seniorin zu.

Interview mit alter Dame

Früher, sagt Bichler, habe er sich wenig Gedanken über das gemacht, was ihn im Alter erwarten könnte. Erst durch sein Ehrenamt sei ihm bewusst geworden: „Vielleicht musst du auch mal in ein Heim. Willst du das?“ Wenn er noch halbwegs mobil sei, könne er sich das jetzt durchaus vorstellen.

Bis es vielleicht irgendwann so weit ist, möchte Bichler aber noch die ein oder andere Hauszeitung erstellen. Immerhin genieße er es, noch aktiv zu sein, sagt er. Außerdem wolle er den Menschen etwas von dem Glück zurückgeben, das ihm im Leben widerfahren sei. „Ich möchte einfach ein bisschen was für die Allgemeinheit tun“, erklärt er. Und auch wenn nicht jeder Bewohner seine Zeitung lese: „Ich habe Freude daran.“

Freude haben auch immer noch die Models. Gertrud Timmermeister präsentiert einen dunklen Rock mit zwei Taschen für 32,90 Euro, ihre Kollegin einen Blazer mit passender Hose. „Die Hose ist natürlich knitterfrei“, säuselt der Moderator. „Mit der können Sie sich eine Stunde ins Bett legen, und wenn Sie aufstehen, ist die immer noch glatt.“ Zustimmendes Nicken.

Zehn Euro für die Models

Am Ende dürfen alle Models noch einmal zusammen auftreten. Applaus brandet auf. Der Moderator verteilt als Dankeschön „Geschenkgutscheine im Warenwert von zehn Euro“. Bichler macht ein letztes Foto, schnappt sich seinen Block und rauscht davon. „Jetzt werde ich das erst mal zu Papier bringen, sonst komme ich noch durcheinander“, sagt er und lacht. „Modenschau im Heim: Die neue Mode lockt“ – so wird er seinen Artikel in der Hauszeitung betiteln. Natürlich garniert mit Interviews und vielen Fotos.

                                                                                                           Von Andreas Fuhrmann

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