Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regen

Navigation:
„Sonnenscheineffekt“ beim Gesellschaftsspiel

Helfende Hände Teil 6 „Sonnenscheineffekt“ beim Gesellschaftsspiel

Rund 100 Ehrenamtliche engagieren sich im Netzwerk „Freiwilligenarbeit in Altenpflegeheimen Göttingen“ (NFAG). Sie gehen mit den Senioren spazieren, begleiten sie zum Arzt, organisieren Ausflüge, machen Musik oder hören einfach nur zu. Andreas Fuhrmann stellt in der Serie „Helfende Hände“ einige der Freiwilligen und ihre Arbeit vor. Heute: Johanna Cleemann und Dilara Zorlu.

Voriger Artikel
Kleine Händel-Sonaten für die gute Laune

„Mensch ärgere dich nicht“: Dilara Zorlu, Leni Ropeter und Johanna Cleemann (von links) würfeln um die Wette.

Quelle: Vetter

Johanna Cleemann und Dilara Zorlu sind im vergangenen halben Jahr oft geschlagen worden – und meist haben sie es mit Fassung getragen. Bei „Mensch ärgere dich nicht“ kann es aber auch schon mal vorkommen, dass man eine seiner Spielfiguren verliert. Das Brettspiel trägt ja nicht grundlos seinen Namen. Und dennoch hat dieses Spiel trotz seines Streitpotenzials Generationen verbunden: die Oma mit der Enkelin, den Vater mit dem Sohn, den Onkel mit dem Neffen. Schließlich können sich hier laut Hersteller Sechsjährige mit 99-Jährigen messen. Also kann eigentlich jeder jeden schlagen.

Johanna und Dilara sind 15. Auf die Idee, „Mensch ärgere dich nicht“ in ihrer Freizeit zu spielen, würden die beiden Teenager wohl normalerweise nicht kommen. Sie würden sich eher mir Freunden treffen, im Internet surfen oder stundenlang mit der besten Freundin telefonieren. Doch jeden Mittwoch, wenn sie sich zwei Stunden ehrenamtlich in der Pro-Seniore-Residenz Posthof engagieren, gehört das Würfeln einfach dazu wie das Zuhören oder das Spazieren gehen. Die Bewohner lieben „Mensch ärgere dich nicht“ – und vor allem: Sie können es.

So wie Leni Ropeter. Die 76-Jährige ist schnell dabei, als Johanna und Dilara Mitspieler für eine neue Runde im Aufenthaltsraum suchen. Ropeter nimmt den schwarzen Würfel, erzielt sofort im ersten Versuch eine sechs und setzt die erste Figur aus ihrem Start- aufs Spielfeld. Johanna zieht mit drei Sechsen in Folge nach. „Das läuft aber“, sagt Ropeter und lacht. Dilara hat weniger Glück.

Unbedingt alte Menschen

Die beiden Jugendlichen nehmen an einem freiwilligen Projekt an ihrer Schule, dem Otto-Hahn-Gymnasium, teil. Ein halbes Jahr lang engagieren sich Schüler in einer sozialen Einrichtung. Johanna und Dilara hätten also auch in einen Kindergarten oder ein Mehrgenerationenhaus gehen können, doch sie wählten bewusst das Seniorenheim. „Wir wollten unbedingt was mit alten Menschen machen“, sagen sie.

Immer mittwochs kommen sie seitdem für zwei Stunden in die Residenz Posthof und helfen beim alltäglichen Leben der Bewohner. „Das war anfangs schon sehr ungewohnt“, erinnert sich Johanna noch gut an die ersten Wochen. „Viele können nicht gut hören oder sind bei manchen Themen empfindlich.“ Daher sei es gut gewesen, dass sie von Beginn an unterstützt worden seien, zum Beispiel von Ergotherapeutin Yvonne Seyer.

Die hat immer ein offenes Ohr für die Mädchen und achtet darauf, mit welchen Bewohnern sie umgehen. Denn nicht jeder hat Lust auf eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ – und mögen die aufmerksamen Schülerinnen auch noch so nett fragen. „Vor einer Frau hatten wir richtig Angst, und das haben wir Yvonne dann auch gesagt“, erzählt Johanna. Seyer hatte anfangs auch durchaus Bedenken. „So etwas ist ja auch eine gewisse Belastung, aber das ist ein totaler Selbstläufer. Die Mädchen machen das ganz toll.“

helfende_haende

Meistens aber werden die 15-Jährigen ohnehin mit offenen Armen empfangen. Oft werden sie bereits am Eingang freundlich begrüßt. „Dich kenne ich doch“, heißt es dann. „Die sind alle ganz lieb“, meint Dilara. Manch ein Bewohner ist ihnen im Verlauf ihrer Arbeit geradezu ans Herz gewachsen. Erna Pfirsich (Name geändert) zum Beispiel. „Die ist immer total lustig. Sie freut sich und lacht, wenn sie uns sieht“, schwärmt Johanna. Und dann erzählt die alte Dame immer zuerst den neuesten Tratsch. „Das ist eine richtige Klatschtante. Sie bringt uns immer auf den aktuellen Stand“, sagt Dilara lachend und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Ein, zwei, drei – und zack“

Gelacht wird auch beim „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel im Aufenthaltsraum. Während Johanna und Bewohnerin Ropeter schon mehrere Figuren auf dem Spielfeld haben, versucht Dilara immer noch zweifelhaft, eine sechs zu würfeln. „Sonst war es immer umgekehrt, sonst hat Johanna immer verloren“, quengelt sie etwas gespielt und würfelt zum x-ten Mal eine zwei. Ihre Mitspielerinnen feixen. Derweil schlägt Ropeter eine von Johannas Figuren. „Ein, zwei, drei – und zack“, ruft die 76-Jährige triumphierend.

Diese Situationen sind es, die den Mädchen am meisten bedeuten. Wenn die alten Menschen für kurze Zeit ihre Sorgen vergessen, ihre Einsamkeit. „Ihre Kinder sind ja oft sehr weit weg, das erzählen sie uns immer“, sagt Dilara. „Daher freuen sie sich immer so, wenn wir sie besuchen.“ Und Johanna ergänzt: „Das ist für die Bewohner immer wie ein Sonnenscheineffekt.“ Deswegen sei es auch nicht schlimm, „das letzte bisschen Freizeit“ zu opfern. „Das hat sich schon jetzt gelohnt.“

Applaus für die Sechs

Mittlerweile hat auch Dilara eine sechs gewürfelt, was ihre Mitspielerinnen mit spontanem Applaus quittieren. Doch schon beim nächsten Zug  wird es still. Johanna hat sich an Ropeter revanchiert und nun ihrerseits eine Figur der 76-Jährigen geschlagen. Die wirft ihr zwar erst einen gespielt bösen Blick zu, fügt sich dann aber in ihr Schicksal. Schließlich kann hier jeder jeden schlagen.

                                                                                                             Von Andreas Fuhrmann

Voriger Artikel
Mehr aus Helfende Hände
Bilder der Woche vom 14. bis 20. Oktober 2017