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Hochwasser: 200 Flüchtlinge in Rosdorf untergebracht

Umzug in Rosdorfer Sporthalle Hochwasser: 200 Flüchtlinge in Rosdorf untergebracht

Viele von ihnen sind vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat ins sichere Deutschland geflüchtet. In der Nacht zum Montag mussten sie aus ihrem vermeintlich sicheren Quartier erneut fliehen, vor einer Schlammflut. Der Schrecken steht vielen der Flüchtlinge, die in der Turnhalle in Groß Schneen untergebracht waren, noch im Gesicht. Das Wasser kam mit Wucht. Es zerdrückte sogar die schwere Schultür.

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Das Wasser geht zurück, es stand eineinhalb Meter hoch: In der Turnhalle in Groß Schneen bringen Flüchtlinge in der Nacht sich und ihre Habseligkeiten in Sicherheit.

Quelle: Pförtner

Groß Schneen. „Erst reichte das Wasser nur bis zur Wade“, berichtet eine junge Flüchtlings-Frau.

Sie spricht ein wenig Englisch, hat die Überflutung ihrer Unterkunft in einem kleinen Handyvideo festgehalten. Ganz schnell sei das Wasser in der Halle dann aber gestiegen. Sie und ihr kleiner Sohn Ali kamen, so wie die anderen knapp 200 Flüchtlinge, mit dem Schrecken davon. Auch dem jungen Syrer „Anas“ und dem Iraker „Al Maharun“ sind die Strapazen des  Tages deutlich anzusehen.

Die beiden Männer, die kein Englisch sprechen, haben am Nachmittag gerade ihr neues Übergangsquartier in der Sporthalle der Anne-Frank-Schule bezogen. Jetzt gönnen sie sich eine Zigarette vor der Tür. Auch Al Maharun hat ein Video gedreht. Er zeigt mit seiner Hand auf Brusthöhe, erklärte mit Gesten, wie schnell das Wasser in der Nacht in die Halle drang.

Die Rosdorfer Sporthalle füllt sich, drei Busse haben die Flüchtlinge hergebracht. Sie werden wieder von Helfern des DRK, der Feuerwehr und des ASB betreut. Wieder setzt kurz Hektik ein – ein medizinischer Notfall. Bereits am Morgen war eine Flüchtlingsfrau kollabiert.

Dennoch: Dem schnellen Einsatz der Hilfskräfte in der Nacht ist es wohl zu verdanken, dass es bei der Überflutung der Turnhalle keine Verletzten gab. Alle Flüchtlinge wurden zunächst in die höher gelegene Carl-Friedrich-Gauß-Schule gebracht. In der Turnhalle: Schlamm. Auf dem gesamten Areal: knöchelhoch Schlamm. Im Untergeschoss der Schule: Schlamm.

Eine Europalette, voll beladen mit Baustoffen, demonstriert eindrucksvoll, mit welcher Gewalt der Regen gewütet hat. „Die Palette stand gestern noch dahinten“, erklärt ein Handwerker. Rund 100 Meter weit ist sie gespült worden. Berge von Schotter und dicke Felsbrocken haben die Wassermassen durch Groß Schneen gespült.

In der Halle, wo die Menschen von der schlammigen Welle im Schlaf überrascht wurden, liegen die wenigen Habseligkeiten der Flüchtlinge herum. Decken, Spielzeug, Kleidung. Alles ist durchweicht, verdreckt, zerstört.

„So ein Ereignis haben selbst die alten Einwohner Groß Schneens noch  nie erlebt“, sagt Friedlands Bürgermeister Andreas Friedrichs (SPD). „Es waren unglaubliche Wassermengen.“ Gemeinsam mit Landrat Bernhard Reuter (SPD) und den leitenden Einsatzkräften hat er am Morgen nach der Flut eine erste Bilanz gezogen. Reuter spricht von einer „Großschadenslage“.

Rund 260 Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW, Polizei, ASB, Maltesern, DRK und der SEG des Landkreises waren  in der Nacht allein in Groß Schneen  im Einsatz.

In der Nacht zu Montag, 17. August, mussten 200 Flüchtlinge nach einem schweren Unwetter evakuiert werden.

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In der Gauß-Schule liegen am Morgen einige junge Männer auf harten Stühlen, schlafen dort ein wenig. Vermutlich haben sie bereits noch Schlimmeres in ihrem Leben erlebt. Die Helfer kümmern sich um sie. Es gibt Getränke, ein paar frische Decken, Frühstück.

Später, als sie in die Rosdorfer Halle umziehen, gibt es Diskussionen um die besten Plätze – eine Gruppe junger Männer aus Eritrea wird aber von einer Sozialarbeiterin aus dem Lager Friedland geduldig eingewiesen. 200 Feldbetten hat das DRK organisiert und in der Halle aufgestellt. Dicht an dicht stehen sie dort. Am Dienstag, so Steinberg weiter, soll ein Sanitärcontainer auf dem Gelände aufgestellt werden.

Alis Mutter möchte wissen, wie lange sie in dieser Halle bleiben müssen. „In zwei Wochen ist hier Schluss“, sagt Rosdorfs Bürgermeister Sören Steinberg (SPD). Dann beginnt der Schulbetrieb. Was dann mit den Familien geschieht? Niemand weiß das.

▶ Kommentar: Eindrucksvolles Ehrenamt

Es ist schon beeindruckend, wie viele Menschen –  egal ob Tag oder Nacht, Sonne oder Dauerregen – in Südniedersachsen für andere da sind.

Das hat der Hochwassereinsatz am Montag wieder einmal deutlich gezeigt. 260 Helfer von Feuerwehr, ASB, DRK, Malteser und THW haben stundenlang gegen die Schlammmassen und für die Rettung und anschließende Versorgung der 200 Flüchtlinge gearbeitet. Ehrenamtlich. Freiwillig. Hand in Hand.

Die Frauen und Männer der Feuerwehren und Hilfsorganisationen fragen nicht nach der Uhrzeit. Sie stehen einfach mitten in der Nacht auf  und helfen – oder retten manchmal sogar Leben. Auch wenn sie sich in dieser Nacht nicht um jeden Keller kümmern konnten, es war einfach zu viel Land unter im Landkreis.

Der nächste Unfall, zu dem die freiwillige Feuerwehr ausrücken muss, lässt vermutlich auch nicht lange auf sich warten. Eines muss ja mal gesagt werden: Danke dafür. Gut, dass es in der Region so viel Engagement gibt.

Britta Bielefeld

Britta Bielefeld

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