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Unwetter trifft Landkreis Göttingen

Mehr als 260 Einsatzkräfte Unwetter trifft Landkreis Göttingen

Nicht nur rund 200 aus der Turnhalle in Groß Schneen evakuierte Flüchtlinge sind Leidtragende eines Unwetters, dass vor allem den südlichen Landkreis Göttingen von Sonntag auf Montag heimgesucht hat. Keller wurden überflutet, Schlamm und Wasserströme machten Dorfstraßen, Landes- und Kreisstraßen sowie über Stunden auch die Autobahn 38 in Richtung Leipzig unbefahrbar.

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Mehr als 260 Einsatzkräfte von Feuerwehren, THW und Rettungsdiensten helfen Überschwemmungsopfern in der Region Göttingen.

Quelle: dpa

Friedland/ Rosdorf /Gleichen. Ein Erdrutsch hinter dem Heidkopftunnel bremste in der Nacht die Autofahrer in Richtung Leipzig aus. Schon bei Friedland mussten sie die A 38 verlassen.

In den frühen Morgenstunden sei der Schaden behoben gewesen, berichtet Joachim Lüther, Sprecher der Polizeiinspektion Göttingen. Zahlreiche Landes- und Kreisstraßen mussten ebenfalls wegen Überflutung oder Erdrutsch gesperrt werden. Bis zum Montagabend war auf mehreren Strecken kein Durchkommen: auf der L 564 Dramfeld / Obernjesa, der L 564 Obernjesa / Stockhausen, der L 567 Reiffenhausen / Reckershausen, der K 29 Klein Schneen / A 38 und der K 30 Niedernjesa / Sieboldshausen.

Den Bewohnern von Ortsteilen der Gemeinden Gleichen, Rosdorf und Friedland bescherten die sintflutartigen Regenfälle eine kurze Nacht – und teils immense Schäden. Groß Schneen, Reiffenhausen und Reckershausen im Bereich Friedland sowie Sieboldshausen und Obernjesa in der Gemeinde Rosdorf habe es besonders schlimm erwischt, berichtet Ulrich Lottmann, Sprecher der Göttinger Kreisverwaltung.

Allein in den Friedländer Ortsteilen hätten Feuerwehren und andere freiwillige Helfer 80 Einsätze verzeichnet, 28 waren es im Bereich Rosdorf. „Gegen 10 Uhr waren am Montagmorgen 260 Einsatzkäfte von Feuerwehren, Rettungsdiensten und vom Technischen Hilfswerk unterwegs.“

Auch die Bürger fassten vielerorts mit an. So mühten sich etwa die Reiffenhäuser ab, den Schlamm von von der Fahrbahn ihrer Ortsdurchfahrt zu bekommen, „das Dorf war ein gespenstischer Anblick“, sagt Cord Hartung von der Gleichener Feuerwehr. „Die braune Brühe war erst kurz vor dem Freibadbecken zum Stehen gekommen.“

Organisiert wurden die Hilfeeinsätze von den örtlichen Einsatzleitungen in Gleichen, Rosdorf und Friedland. Übergeordnet war eine technische Einsatzleitung, in der Experten aus Stadt und Landkreis Göttingen mitarbeiteten. Erst am frühen Abend verabschiedete sich der Krisenstab in den Feierabend – in dem Wissen, dass ein vorhergesagtes Regengebiet den Katastrophenhelfern der Region erneut Einsätze bescheren könnte.

„Wir haben eine Planung ausgearbeitet, welche benachbarten Feuerwehren in diesem Fall noch helfen könnten“, sagt Lottmann. Die Solidarität unter den Helfern in Stadt und Landkreis sei groß – das habe der Einsatz bewiesen.

Menschen kamen nach Auskunft von Landrat Bernhard Reuter nicht zu Schaden. Anders als im Nachbarland Thüringen: Bei Rustenfelde im Obereichsfeld wurde in einem Bach ein toter Feuerwehrmann entdeckt.

Leinepegel teils auf dritter Warnstufe

Die Wasserstände im Oberlauf der Leine sind durch die Niederschläge auf die zweite Meldestufe angestiegen, fielen aber bereits am Nachmittag wieder auf die Vorwarnstufe eins. Überschwemmungen, sagt Hans-Joachim Lüke vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz, seien von Stufe zwei an zu erwarten.

In Reckershausen, Ortsteil der Gemeinde Friedland, habe der Pegel um 4.30 Uhr in der Nacht sogar die dritte Meldestufe erreicht. Ein Überschreiten der zweiten Stufe werde im Flussgebiet der Leine aber derzeit nicht erwartet, heißt es in einer Hochwasserinformation der Hochwasservorhersage-Zentrale für Niedersachsen.

Der Deutsche Wetterdienst hat am Montag Warnungen für den Bereich Südniedersachsen herausgegeben. Von Südosten seien schauerartige Niederschläge zu erwarten. So sind laut DWD für den Bereich von Stadt und Landkreis Göttingen bis Dienstagvormittag 25 bis 40 Millimeter Niederschlag zu erwarten.

Das gleiche gelte für Northeim und Umgebung. Für Osterode am Harz wurde für den Zeitraum von Montagnachmittag bis Dienstagmorgen „ergiebiger Dauerregen“ vorhergesagt: Mit rund 40 bis 60 Litern pro Quadratmeter sei zu rechnen. Infolge des Dauerregens könne es in kleinen Bächen und Flüssen zu Hochwasser, zu Straßenüberflutungen und Erdrutschen kommen, heißt es beim DWD.

Überflutete Keller und Straßen beschäftigen Feuerwehren und Einsatzkräfte von Rettungsdiensten im südlichen Landkreis Göttingen.

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Auto hängt an Kran

Die Stadt Göttingen ist von Sonntag auf Montag weitestgehend von Überschwemmungen verschont geblieben – bis auf den gefluteten Sandweg, der gesperrt werden musste. Ein dort abgestelltes Werbefahrzeug eines Autohauses musste von einem Kran aus den Wassermassen geborgen werden. Wegen der Regenfälle hat die Stadt Straßenbauarbeiten, die am Montag beginnen sollten, verschoben.

Betroffen waren die Fahrspuren auf der Hauptstraße zwischen Kiesseestraße und Kompartsweg, der Busabbieger am Groner Tor auf der Berliner Straße und der zweite Linksabbieger auf der B 27 in Richtung Autobahn. Dort sollte am Montag auf die abgefrästen Fahrspuren neuer Asphalt aufgetragen werden. Das Haftmittel allerdings halte nur auf trockenem Untergrund, so die Stadtverwaltung.

Sofern es nicht weiter regne, sollen die Sanierungsarbeiten in der Hauptstraße und in der Berliner Straße am Dienstag nachgeholt werden. Der Verkehr wird umgeleitet, eine Ersatzbushaltestelle stadtauswärts in Höhe Kiesseestraße wird in Richtung Kompartsweg vor der Baustelle eingerichtet. Die Bushaltestelle stadteinwärts an der Teichstraße wird ersatzlos gestrichen.

Die Deckensanierung auf der Hannoverschen Straße (B 27) werde auf Ende August verschoben.

Am Göttinger Sandweg war das zu Werbezwecken aufgestellte Fahrzeug eines Göttinger Autohauses von den Wassermassen mitgerissen worden, bevor es sich wieder am Untergrund verkeilte. Mit Unterstützung der Göttinger Berufsfeuerwehr und eines angeforderten Krans wurde der Wagen aus dem Überschwemmungsbereich aufs Trockene gehievt.

„Jetzt ist alles hinüber“

Überall in der Gemeinde Friedland sind Anwohner jetzt damit beschäftigt, die Spuren des Hochwassers zu beseitigen. Diese Arbeiten, darin sind sich alle einig, werden noch etliche Wochen in Anspruch nehmen. Viele Menschen fürchten zudem weiteren Starkregen.

Die Feuerwehren unterstützen die Anwohner bei den Aufräumarbeiten oder sorgen wie in Niedernjesa mit elektrischen Pumpen dafür, dass die Wassermassen der Leine nicht durch das Regenwassernetz in die Häuser drücken. „Wir pumpen das Regenwassersystem leer, damit es nicht  in die Keller läuft“, erklärt Daniel Sacher, Pressesprecher der Freiwilligen Feuerwehren der Gemeinde Friedland.

Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits 12 Stunden auf den Beinen, seit ein Uhr nachts waren alle Wehren im Einsatz.  „Ich denke, das wird sich noch bis 18 Uhr hinziehen, sofern es nicht noch mal regnet“, sagt Sacher. Gerade das befürchten aber viele Anwohner.

Es ist 13.30 Uhr. Markus Wienecke lehnt an seinem Auto am Ortsausgang von Stockhausen. Die Durchfahrt ist versperrt – die Straße komplett überflutet. Dass er hier im Nieselregen wartet, hat aber andere Gründe. Wienecke ist Mitbesitzer der rund 40 Schafe, die sich gerade mit einer notdürftig eingezäunten Wiese zufriedengeben müssen. „Als ich hier ankam, standen die knietief im Wasser.“

Schlimm sieht es in der Kirchstraße in Reiffenhausen aus. „Das Problem ist, dass neben dem Wasser viel Geröll mitgekommen ist“, erzählt Sarah Lott, die sich gerade nach ihren Nachbarn erkundigt. Einer von ihnen ist Robert Feger, der in den Überresten seines Gemüsegartens steht, der genauso wie sein Keller stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Die große Kraft, mit der das Wasser das Dorf getroffen hat, zeigt sich eindrucksvoll an seinem metallenen Rosenbogen: Der liegt langgezogen und verdreht auf den ehemaligen Beeten. Feger ist sauer. „Hier hatte ich Kürbis und Zucchini. Jetzt ist alles hinüber.“ Außerdem sei in der Straße ein Hund ertrunken, erzählt er. In einem nur rund zwei Meter breiten Kanal, der normalerweise gemächlich an den Häusern entlangfließt.

 

In der Nacht zu Montag, 17. August, mussten 200 Flüchtlinge nach einem schweren Unwetter evakuiert werden.

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