Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Aus Überzeugung ein „rabbinisch geprüfter Nicht-Goi“

Grundrechte, Folge 4 Aus Überzeugung ein „rabbinisch geprüfter Nicht-Goi“

Mein Grundrecht, sagt Till Jehoshua Baeckmann, ist die Glaubensfreiheit. Aufgewachsen in einer atheistischen Familie, entschied sich der Göttinger während des Studiums, zum Judentum zu konvertieren. Jürgen Gückel traf sich mit ihm in der Synagoge.

Voriger Artikel
Ein Mädchen kämpft für seine Gleichberechtigung
Nächster Artikel
Der gottlose Theologe und seine Wissenschaft

Konvertiert zum Judentum: Till Jehoshua Baeckmann.

Quelle: Hinzmann

Oma war katholisch. Als Tills Bruder nach dem Besuch der Großmutter beim Abendgebet samt Kreuzzeichen erwischt wurde, gab es Ärger. In einer areligiösen Familie, erzählt Till Baeckmann, sei er aufgewachsen. Der Kindergottesdienst, in den seine Mitschüler gingen, blieb ihm fremd. Den Religionsunterricht machte er nicht mit. Im Stammbuch stand ein Strich hinter der Religionszugehörigkeit. Heute kocht Mutter Baeckmann koscher, wenn der Sohn nach Hause kommt. Auch der Vater akzeptierte kopfschüttelnd die Entscheidung seines Sohnes. Dass er sie traf, nötigt auch ihm Respekt ab. „Schließlich kann man den Atheismus meines Vaters auch als Religion bezeichnen. Wäre ich Katholik geworden, wäre er kritischer“, sagt der 29-jährige Konvertit.

Entsetzen über Holocaust

Till Baeckmann ist zum Judentum übergetreten, trägt den Zusatznamen Jehoshua. Im Gymnasium in Berlin hatte er den ersten Kontakt mit jüdischen Mitschülern. Beim Thema Holocaust im Geschichtsunterricht hat ihn neben dem Entsetzen über millionenfachen Mord auch die Frage beschäftigt, welch reiche Kultur zerstört wurde.Es hat noch lange gedauert,  fast zehn Jahre, ehe er erstmals zur jüdischen Gemeinde Göttingen ging und bat, einen Gottesdienst mit anhören zu dürfen. Er durfte. Danach zog es ihn immer wieder zum Sabbat-Gottesdienst. Der Freitagabend in der jüdischen Gemeinde wurde zum Fixpunkt für ihn, ein Ritual, bei dem er sich von der Woche entspannte, wie andere in die Sauna gehen. „Ich habe mich damals der Religion bedient“, gibt er zu. Von der Vorstellung, einen Glauben mit 613 Geboten (Mitzwot) aktiv auszuüben, war er noch weit entfernt.

Dreimal rüde weggeschickt

Baeckmann studierte Soziologie und Journalistik. Als Diplom-Sozialwissenschaftler ist er heute Teamleiter eines Call-Centers. Nach zwei, drei, vier Jahren hatte er praktizierende Juden als Freunde gewonnen. Er erlebte „das Judentum als alles andere als als Opfer- und Trauergemeinschaft“, wie er es anfangs im Kopf gehabt habe. Eines Tages bemerkte er, dass er in der Mensa das Schweinefleisch in Sahnesauce mied. 2004 entschied er sich: Er wollte den Glauben praktizieren.Ein langer Weg stand ihm noch bevor. Wer Jude wird, muss stark im Glauben sein, er muss das beweisen, und er muss sich über die Konsequenzen im klaren sein. Anfeindungen werden ihn erwarten, Antisemitismus. Und er muss sich einer Prüfung durch drei Rabbiner aussetzen. Dreimal wird er – teils rüde – weggeschickt werden. Das habe geschmerzt, er sei aber jedesmal mit Fragen konfrontiert worden, über die er sich noch keine Gedanken gemacht hatte – zum Beispiel die nach der Religion künftiger Kinder. „Gerade in einer nichtjüdischen Gesellschaft jüdisch zu leben, will gut überlegt sein.“ Mehr als ein Jahr währte der Prozess. 2005 nahm ihn ein rabbinisches Gericht auf. Mit Glückwünschen sei er überschüttet worden, die ganze Gemeinde habe sich gefreut.

Dass Baeckmann darüber erzählt, ist nicht selbstverständlich. Wer zur jüdischen Gemeinde gehört, ist Jude. Wie er es wurde, spielt keine Rolle. Fast ein Tabu ist es, über Konvertierung zu reden. „Ein Schutzmechanismus“, sagt Baeckmann.Doch er will offen sein, offen damit umgehen, wofür er sich entschied. Er sei „ein rabbinisch geprüfter Nicht-Goj“, sagt er scherzhaft. Ein Goi, das ist ein Nichtjude. Er aber sei Jude. Nicht, weil er als Deutscher etwas gutzumachen hätte  oder weil er auf der „richtigen Seite der Geschichte“ stehen wolle: „Da gäbe es andere Möglichkeiten, etwa in der christlich-jüdischen Gesellschaft oder in der NPD-Aussteigerhilfe.“Er habe seinen Glauben bewusst gewählt, er wolle ihn bewusst leben, auch wenn er sich dadurch zur Zielscheibe rechtsradikaler Gesinnung mache. Er freue sich, dass das in unserer Gesellschaft möglich sei. „Es ist in der Bundesrepublik in 60 Jahren viel für Toleranz und liberales Denken geleistet worden.“ Damit dies so bleibe, müsse man zu seiner Entscheidung stehen. Und wenn nun nebenan eine Moschee gebaut würde: „Großartig! Ich habe für mich ein Grundrecht reklamiert, das soll für alle gelten, damit auch sie ihren Glauben leben können wie ich.“ 

ARTIKEL 1

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Freier Glaube

Die Glaubensfreiheit, beziehungsweise die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, war bereits in der Paulskirchenverfassung vom 28. März 1849 garantiert. Sie gewährt nicht nur die Freiheit der inneren Einstellung zu den "letzten Dingen", sondern auch die äußere Freiheit, den Glauben "zu manifestieren, zu bekennen und zu verbreiten". 

luk

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mein Grundrecht
Bilder der Woche vom 14. bis 20. Oktober 2017