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Ein Mädchen kämpft für seine Gleichberechtigung

Grundrechte, Folge 3 Ein Mädchen kämpft für seine Gleichberechtigung

Mein Grundrecht, sagt Ruth Sancken, ist die Gleichheit vor dem Gesetz. Vor dem Bundesverfassungsgericht wehrte sie sich dagegen, wegen ihrer Behinderung auf die Sonderschule abgeschoben zu werden. Heute wird Ruth Sancken 25 Jahre alt. Über ihren Kampf für ihre Gleichberechtigung berichtet Lukas Breitenbach.

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Gleiche unter Gleichen: Ruth Sancken inmitten ihrer Freunde, den Musikern vom Racing-Team.

Quelle: EF

Ruth Sancken ist 13 Jahre alt, als der Brief von ihrem Anwalt kommt. Der Inhalt löst bei Behindertenverbänden bundesweit Wut und Enttäuschung aus: Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat die Verfassungsbeschwerde der körperlich beeinträchtigten Ruth zurückgewiesen. Ein zweijähriges Tauziehen findet damit sein vorläufiges Ende.Zwei Jahre zuvor war Ruth in die fünfte Klasse an der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Geismar eingeschult worden. Ruth ist ab der Hüfte querschnittgelähmt. Sie kam mit einem offenen Rücken (Spina bifida) auf die Welt. Trotz ihrer Behinderung will Ruth eine ganz normale Schülerin sein: Sie spielt gern Klavier, mit ihrer Katze Cleo und ihrer Freundin Julia. Ruth schwärmt für „Die Prinzen“ wie so viele Mädchen in den 90er Jahren. 

Niederschmetterndes Urteil

In der Schule benötigt das junge Mädchen sonderpädagogische Zusatzförderung im Fach Mathematik – Ruth leidet an Dyskalkulie (Rechenschwäche). Ein sonderpädagogisches Gutachten bescheinigt, dass Ruth auch die Lernziele der anderen Fächer nicht ohne Hilfe erreichen kann. An ihrer Schule beschweren sich die Lehrer über einen „unzumutbaren Aufwand“. Der damalige Schulleiter Peter Brammer: „Es ist im höchsten Maße naiv und geradezu unverantwortlich, anzunehmen, dass es lediglich vom guten Willen der Lehrerinnen und Lehrer abhänge, diese erforderliche umfassende Förderung einer lernbehinderten Schülerin in einer Klasse mit 28 Schülerinnen und Schülern zu leisten.“Zuvor hätte die damalige Bezirksregierung die Schülerin der Sonderschule für Körperbehinderte zugewiesen. Dagegen protestierten die Eltern. Ruth habe erfolgreich, ohne Wiederholung einer Klasse, vier Jahre die Hainbundschule in Weende besucht. Sie jetzt in eine Sonderschule zu schicken, habe nicht nur negative Auswirkungen auf die Berufschancen ihrer Tochter, sondern würde auch den  Kontakt zu Nicht-Behinderten stark einschränken. 

Am 8. Oktober 1997 dann der niederschmetternde Urteilsspruch der Karlsruher Verfassungsrichter: „Gemeinsames Lernen ist kein Grundrecht.“ Und doch: Ruth hat ihre gesamte Schulzeit mit Nicht-Behinderten verbracht. Die Eltern hätten sich nach den Erlebnissen auf der IGS mit dem Kultusministerium und der Bezirksregierung auf einen Schulbesuch in Bovenden geeinigt. Ab dem Schuljahr 1997 besuchte Ruth dort die Hauptschule, die sie 2001 erfolgreich abschloss. Doch der Weg dahin war lang und beschwerlich. Zeitweise durfte Ruth die Schule nicht besuchen – auf die Sonderschule wollten die Eltern ihre Tochter aber nicht schicken. Mechthild Sancken, Ruths Mutter, unterrichtete ihre Tochter zu Hause, damit sie den Anschluss nicht verliert. 

„Isoliert und ausgeschlossen“

Inzwischen ist aus dem kleinen Mädchen, das man als „unbeschulbar“ auf die Sonderschule abschieben wollte, eine selbstbewusste junge Frau geworden. Die Nerven aufreibenden Ereignisse aus ihrer Schulzeit hat Ruth hinter sich gelassen, aber nicht vergessen. „Isoliert“ und „ausgeschlossen“ habe sie sich damals gefühlt. „Die Lehrer haben meine Freundschaften kaputt gemacht“, erinnert sich die junge Frau heute. Unter der juristischen Auseinandersetzung habe die ganze Familie gelitten. Mit dem Wechsel in die Bovender Hauptschule sei jedoch Frieden eingekehrt. „Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt“, sagt Ruth rückblickend. Im Frühjahr 2006 machte  Ruth ihren Realschulabschluss gemacht. Mit einer Freundin war sie in der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben. Ein Problem war ihre Behinderung da nicht. Hindernisse wie Treppen wurden unbürokratisch mit zupackenden Händen überwunden. Für ihren Abschluss hat Ruth als zweite Fremdsprache passenderweise Spanisch gewählt. Ruth reist nämlich gerne. Und sie schreibt gerne. Zeitungen möchte sie kleinere Berichte anbieten, „am liebsten Reiseartikel“. Heute feiert Ruth ihren 25. Geburtstag. Nicht in Göttingen, sondern in Bingen am Rhein. Dort lebt sie inzwischen mit ihrer Familie. 

ARTIKEL 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Gleichheit Alle Menschen sind vor dem Gesezt gleich." Das ist die zentrale Aussage des vierten Artikels des Grundgesetzes. Ferner garantiert dieser Artikel, dass niemand auf Grund von Abstammung, Rasse, Glauben, Sprache oder politischer Anschauung benachteiligt werden darf. Auch darf niemand deswegen bevorzugt werden. Für Behinderte ist lediglich eine Benachteiligung verboten, eine Bevorzugung hingegen nicht. Ein Grundrecht auf schulische Gleichbehandlung indes gibt es laut BVerfG nicht, wenn dies "organisatorisch, personell und von den sächlichen Voraussetzungen" nicht möglich sei. luk

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