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Mit Kinderpistole zurück in den Horror der Kindheit

Grundrechte, Folge 1 Mit Kinderpistole zurück in den Horror der Kindheit

Mein Grundrecht, sagt Alexander Schissel, ist die Menschenwürde. Der fast 80-Jährige war von frühester Kindheit an stalinistischer, nationalsozialistischer und antisemitischer Verfolgung ausgesetzt. Wegen einer falschen Beschuldigung erlebte er mit 79 Jahren  eine weitere entwürdigende Polizeiaktion: Er wurde festgenommen, weil er mit einer Erbsenpistole spielte. 

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Stalin- und Nazizeit überlebt, mit Spielzeugpistole festgenommen: Alexander Schissel

Quelle: Peter Heller

Menschenwürde? In der Kindheit des Alexander Schissel war das kein Wert. Es ging ums Überleben. Dass er überlebt hat, grenzt an ein Wunder. „... und ans Land gezogen, zum Glück ...“ – diese Worte aus einem alten Lied über seine Heimatstadt Odessa (Ukraine) hat er über seine Erinnerungen geschrieben.

Alexander Schissel, Kind einer jüdischen Familie mit möglicherweise deutschen Vorfahren (der Großvater sprach jiddisch), wurde am Schwarzen Meer geboren. Er war sieben, als die Familie 1937 Opfer des stalinistischen Terrors wurden. Ein Rollkommando verschleppte den Vater; vermutlich wurde er erschossen. 

Er war elf, als die Deutschen kamen. Nach 73 Tagen Blockade war Odessa in der Hand deutscher und rumänischer Truppen. Das war das Todesurteil für zehntausende Juden. Mit Mutter, Großmutter und Bruder wurde er aus dem Haus getrieben. Es begann ein Todesmarsch bis ins 40 Kilometer entfernte Dorf Dalnik. Am Rande einer Schlucht mussten sich Frauen, alte Männer, kleine Kinder aufstellen, ehe die Maschinengewehre sie niedermähten. Ein schäbiges Mahnmal erinnert an den Tod von „zehntausend Frauen, Greisen, Kindern“. Mutter und Oma Schissel waren dabei.

Der elfjährige Alexander hatte Glück. Mit seinem 16-jährigen Bruder wurde er aussortiert. Es ging ins Arbeitslager; Arbeitskräfte waren rar, alle Männer im Krieg.

Doch die beiden Brüder flohen. Sie versteckten sich in der zerschossenen Stadt, verbargen sich in Ruinen, bettelten und beschafften zum Überleben. Schließlich krochen sie bei Bekannten unter. Nach fünf Monaten wurde der ältere Bruder an die Besatzer ausgeliefert, die unentwegt die Stadt nach Juden durchkämmten.

Die Jahre als Kind allein auf der Flucht hat Schissel in einem Buch niedergeschrieben. Mehrmals wurde er gefasst, wieder und wieder konnte er fliehen. Einmal entwischte er aus der Polizeistation, einmal floh er aus dem Ghetto einer Kleinstadt, einmal gar aus dem Gefängnis. Und aus dem Kinder-Konzentrationslager gelang es ihm sogar dreimal zu entkommen. Schläge gab es, unmenschlich wurde er behandelt, bis zur Selbstverleugnung ließ er sich erniedrigen. Ein Polizist schlug ihm die Zähne aus. Und doch beschreibt sein Buch viele herzensgute Helfer, die ihn retteten.

Stets waren es mutige Menschen, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten und ihm Unterschlupf gewährten – Ukrainer, Russen, Weißrussen, sogar Deutsche aus der deutschen Schwarzmeer-Gemeinde, die den gesuchten jüdischen Jungen verbargen.

Am 10. April 1944 wurde Odessa befreit. Das Ende der Verfolgung. Und doch: Antisemitismus hat Schissel auch danach in der Sowjetunion immer wieder zu spüren bekommen – keine Lebensgefahr, aber Benachteiligung: „Nicht jeden Tag, aber immer wieder, besonders schlimm 1952/53 während Stalins Kampagne.“

Luft der Freiheit in Friedland

Als Waise kam Schissel zu einem Onkel südlich des Ural, durfte zur Schule gehen, studierte, wurde Diplom-Ingenieur und promovierte gar. Zehn Jahre lebte er in Kasachstan, 35 Jahre bereiste er auf der Suche nach Bodenschätzen als Geologe die Sowjetunion von Karelien bis Kamtschatka. Er hatte einen Ruf, der ihn und auch seine jüdischen Freunde vor antisemitischen Angriffen schützte.

Dann kam die Perestroika und nach ihr der „Revolver-Kapitalismus“. Durch einem scharfen Artikel gegen die neuen Mächtigen schuf er sich Feinde. Im Juli 1998 reiste er aus. Im Rahmen des Kontingents jüdischer Zuwanderer durfte er mit seiner Frau nach Göttingen kommen. Durch eine deutsche Freundin hatte sich seine Einstellung zum Volk der einstigen Verfolgern grundlegend geändert. Er habe „in Friedland die Luft der Freiheit genossen“. Er liebe Deutschland, zehn Jahre war er glücklich und unbeschwert.

Dann der 12. September 2008. Plötzlich stand Alexander Schissel, ein 79 Jahre alter gerade operierter, schwer kranker Mann unter Terrorverdacht. Weil ein Kleingartennachbar ihn mit einer Erbsenpistole hantieren sah – ein Geschenk für einen Enkel –  und bei der Polizei behauptete, er habe scharfe Schüsse gehört, überwältigte ihn ein Großaufgebot der Polizei, führte ihn in Handschellen durch die Kleingartenanlage, steckte ihn ohne Brille und Gürtel in die Zelle (Tageblatt berichtete). Rechtsanwalt, Dolmetscher (Er spricht nur Russisch), sogar der Gang zur Toilette, so sagt er, seien ihm verwehrt worden. Erst knapp fünf Stunden später wurde er – bis heute ohne Entschuldigung – frei gelassen, nachdem selbst die Spürhunde der Polizei nichts anderes als das Kinderspielzeug gefunden hatten.

Die Polizisten, so sagen deren Chefs, hätten alles richtig gemacht, es seien ja „scharfe Schüsse“ gemeldet worden. Eine Strafanzeige gegen die Beamten lehnte selbst der Generalstaatsanwalt ab. Ein zweites Verfahren läuft gegen den Gartennachbarn, der ihn fälschlich der Schießerei verdächtigte. Ob Schissel Unrecht getan wurde, ob er in seiner Menschenwürde verletzt wurde, muss jetzt das Verwaltungsgericht klären, denn das gehört auch zu den Grundrechten: die Garantie des Rechtsweges (Artikel 19). 

Er habe sich, so Schissel, der als Kind so viel Leid überlebte, „tief erniedrigt und beleidigt“ gefühlt durch diese Behandlung, die er in Deutschland nicht für möglich gehalten habe. „Ich war sofort wieder in der Kindheit, wie damals ...“

  Von Jürgen Gückel 

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Menschenwürde bildet Basis

Die Menschenwürde juristisch zu benennen, bereitet Schwierigkeiten. Im Wesentlichen, weil die Menschenwürde ein Begriff ist, der in vieltausendjähriger Philosophiegeschichte verschiedene Gestalt angenommen hat. Das Bundesverfassungsgericht hat gesagt, dass eine Menschenrechtsverletzung nicht generell, „sondern immer nur in Ansehung des konkreten Falles“ angenommen werden kann. Die Verfassungsväter stellten im Bewusstsein der nationalsozialistischen Schreckenszeit die Menschenwürde allen Grundrechten und der Verfassung voran. Während Juristen darüber streiten, ob die Menschenwürde überhaupt ein Grundrecht ist, könnte die erniedrigende Behandlung, die Alexander Schissel erfuhr, durchaus einen Eingriff in seine Menschenwürde darstellen.

luk

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