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Mutmaßliche Verfassungsfeinde retten Menschenleben

Grundrechte, Folge 12 Mutmaßliche Verfassungsfeinde retten Menschenleben

Mein Grundrecht, sagt Dietrich Kettler, ist die Berufsfreiheit. In seinem Berufsleben hat sich der emeritierte Medizin-Professor am Göttinger Klinikum für junge Ärzte eingesetzt, denen wegen des Radikalenerlasses ein faktisches Berufsverbot drohte. Jürgen Gückel versucht mit ihm zu klären, warum aus einem politischen Linken kein guter Arzt werden sollte.

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Retter der linken Rettungsmediziner: Prof. Dietrich Kettler aus Bovenden.

Quelle: Hinzmann

Einst galt sie als heimlicher Hort der politischen Linken: die Anästhesiologie des Göttinger Universitäts-Klinikums. Deren Chef, der heute 72-jährige, emeritierte Medizinprofessor Dietrich Kettler, war nicht ganz unschuldig daran. Er wollte nicht einsehen, dass einem Patienten, dem ein Arzt das Leben rettet, die Gefahr politischer Indoktrination drohen sollte, bloß weil der Mediziner der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) angehört. 

Deshalb stellte der Direktor am Zentrum Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin von 1975 bis zur Abschaffung des umstrittenen Erlasses in den 80er Jahren auch viele junge Ärzte ein, die eigentlich unter den Radikalenerlass fielen – und er setze sich für sie im Ministerium ein.

Hintergrund sind die „Grundsätze zur Frage der verfassungsfeindlichen Kräfte im öffentlichen Dienst“, wie der Extremistenbeschluss aus dem Januar 1972 offiziell hieß. Auf Vorschlag der Innenministerkonferenz hatte die Willy-Brandt-Regierung ein Berufsverbot im öffentlichen Dienst für all jene ermöglicht, bei denen „Zweifel am Eintreten (...) für die freiheitliche demokratische Grundordnung bestehen, auch wenn sie sich weder strafbar gemacht haben noch einer verbotenen Partei angehören“. Der Radikalenerlass traf vor allem Lehrer, die ihren Beruf nur im öffentlichen Dienst ausüben konnten, aber eben auch Juristen, Polizisten und Mediziner, die erste Berufserfahrungen fast ausschließlich an öffentlichen Kliniken sammelten.

In den ersten Jahren wurde der Erlass konsequent angewandt. Für Bewerber auf eine Stelle im öffentlichen Dienst, also auch auf Assistenzarztstellen im vom Land getragenen Klinikum, erfolgte eine Regelanfrage beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Bundesweit wurden damals 1,4 Millionen Menschen überprüft; 1100 von ihnen wurde der Eintritt in den Staatsdienst verwehrt. Zudem mussten die Bewerber Selbsterklärungen abgeben. Wer etwa einer verbotenen Partei angehörte, hatte keine Chance.

Dietrich Kettler selbst, obwohl „in der DDR politisiert“ und 1961 in den Westen gewechselt, war damals schon über jeden Zweifel erhaben. Er ist in seinem Berufsleben mit Preisen, einem Ehrendoktortitel und Ehrenmitgliedschaften überhäuft worden. Seit 1975 war er für die Anstellung der Assistenzärzte verantwortlich. Deshalb war es meist nur seinem Einfluss zu verdanken, wenn etwa ein Facharzt, der Mitglied der DKP war, am Universitäts-Klinikum dennoch eine Chance bekam. Weitere fünf junge Ärzte, die in der Studienzeit dem Sozialistischem Deutschen Studentenbund (SDS) angehörten, hatten seinem Wort den Job zu verdanken.

Stets seien Zweifel an den Bewerbern nur mündlich geäußert worden, sagt Kettler. Nie schriftlich. Einmal sei er von einem Ministerialrat, der wieder einmal gegen einen Bewerber einen Polit-Verdacht gefunden hatte, ganz offen gefragt worden: „Warum treffen sich diese Leute eigentlich alle in der Anästhesiologie?“

Vielleicht, sinniert Kettler heute, weil es einfach engagierte junge Leute waren, leistungsbereit und besonders teamfähig. Sie hatten sich im Studium politisch eingesetzt, an Demos teilgenommen und um Gerechtigkeit gekämpft. Die linke Gesinnung, so habe sich vielfach erwiesen, sei den Patienten zum Vorteil geworden, weil sie eben auch als Ärzte besonders engagiert, belastbar und angenehm im Umgang mit den Patienten waren.

Bei der Einstellung aber, so Kettler, habe stets nur die fachliche Qualifikation gezählt. Die politische Einstellung der Kollegen sei allenfalls dann einmal aufgefallen, wenn sie sich bei Arbeitskämpfen engagierten – also wie jeder andere ein Grundrecht in Anspruch nahmen.

Wirklich schwer gefallen, das Ministerium trotz Radikalenerlasses von den verdächtigten Bewerbern zu überzeugen, sei es ihm aber nie, sagt Kettler. Ein Gespräch mit dem Ministerium, notfalls bei einem Besuch in Hannover, habe in der Regel für den „Persilschein“ gereicht. Einmal sogar habe ein Kollege eine Krankenschwester in den Uni-Dienst gebracht, die vor deren Verbot der Kommunistischen Partei Deutschland angehört hatte.

„Mehr Schmutz als Putz“

Nur einmal gab es richtig Ärger. Einer der jungen Assistenzärzte, Mitglied der DKP und Göttinger Ratsherr, hatte sich in die heftige Debatte um die geplante Privatisierung der Reinigung im Klinikum eingemischt. In einem Wochenblatt ließ er sich unter der Überschrift „Mehr Schmutz als Putz“ mit Kritik  zitieren. Am nächsten Morgen forderte das Ministerium Kettler auf, den jungen Arzt zu entlassen. Er lehnte es ab, erklärte den Kollegen für unentbehrlich und erteilte ihm einen „strengen Verweis“. Dass der junge Arzt mit seiner Kritik recht hatte, stellte sich später heraus. Die Privatisierung der Klinik-Reinigung wurde rasch rückgängig gemacht.

Und was ist geworden aus ihnen, den als Verfassungsfeinden verdächtigten Lebensrettern? Kettler hat sie nicht mehr alle im Blick, aber viele haben Karriere gemacht. Einer ist niedergelassener Chirurg, einer Chefarzt in Uelzen, ein anderer leitet eine bekannte Klinik in Hamburg. „Und keiner hat einem Patienten mit Leuchtgas statt Lachgas geschadet“, schmunzelt Kettler.

Von Jürgen Gückel

ARTIKEL 12 (1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

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