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„Am lautesten jubelte und sang man wohl im Ratskeller“

Ratskellerserie, Teil 6 „Am lautesten jubelte und sang man wohl im Ratskeller“

Getrunken und gesoffen wurde im Ratskeller viel und häufig. Das lag wohl auch an den Studenten, die den Gewölbekeller unter dem Alten Rathaus besonders ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu ihrer Stammkneipe erklärten.

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Bullerjahn in der 50er Jahren: Burschen singen, die Kapelle Heinz Meyer spielt.

Quelle: Städtisches Museum

„Am lautesten jubelte und sang man wohl im Ratskeller, und mancher brave Bursch vertrank hier seinen letzten Heller“, hielt etwa ein Veteran der Göttinger Bierrevolution von 1881 fest.

Gesang und Bier standen auch im Mittelpunkt einer Tradition, die sich kurze Zeit nach der Bierrevolution in Göttingen etablierte und im Ratskeller bis Ende der 1970er Jahre gepflegt wurde: der Bullerjahn. Sie geht zurück auf einen Kapellmeisterstreit, dessen Hauptpersonen der Musikdirektor Rudolph Bullerjahn und der Leiter der Kapelle des 82. kurhessischen Infanterieregimentes, der „schöne Meyer“, waren. Während Bullerjahn stets in schlichtem Schwarz gekleidet war, trug Meyer eine Uniform mit roten Schulterstücken.

In Bullerjahns Göttinger Zeit zwischen 1886 und 1890 buhlten die finanziell nicht gerade üppig ausgestatteten Orchester um die Gunst und das Geld des Publikums. Und mit Unterhaltungsmusik ließen sich am besten zusätzliche Einnahmen verbuchen. Dieser Konkurrenzkampf zwischen den Orchestern trieb seltsame Blüten, wie Günther Stucken in seiner Abhandlung zum Bullerjahn schreibt. So habe Meyer seine Musik mit Gewehrschüssen, bengalischem Feuer und Schlachtenlärm untermalt, Kapellmeister Kohrssen, der dritte im Bunde, habe bei Reitermärschen einen Paukenwirbel eingelegt und mehrere Schlegel durch die Luft wirbeln lassen. Bullerjahn hingegen hatte die Studentenverbindung Brunsviga auf seiner Seite. Sie ließen Bullerjahn dort spielen, häufig dann, wenn Meyer mit seiner Kapelle im benachbarten Stadtgarten ein Konzert gab. Auch das Göttinger Tageblatt fasste am 14. November 1962 die Geschehnisse des Konkurrenzkampfes zusammen: „Die Stadtparkwirte waren grundsätzlich Anhänger der Militärmusik, die ja volle Kassen brachte, während die Brunsvigen zu den treuesten Anhängern von Bullerjahn zählten. Es wurden regelrechte Wettkämpfe veranstaltet, indem am Sonnabend- und Sonntagnachmittagen der Stadtpark die Militärmusik engagierte und die Brunsvigen ihren sehr gemischten Männerchor durch die Kapelle Kohrssen verstärkten. Musikduelle waren die Folge, von denen Göttingen lange zu reden hatte. Die Bürger freuten sich natürlich, wenn in den gefühlvollen gespielten Walzer Wiener Blut plötzlich aus dem Verbindungshaus der Bullerjahn hinein dröhnte oder etwa der Trompeter Ludchen Ahrens die Toselli-Serenade mit der Washington Post untermalte. Die Tänzerinnen waren dagegen nicht damit einverstanden, wenn ihre Herren, sobald es sich im Brunsvigenhaus regt, stehen bleiben und die Herausforderung mit dem Lied vom schönen Meyer beantworteten.“ Die Gegenseite höhnte: „He, wo ist der Bullerjahn? Man trifft ihn nicht zu Hause an. Er sitzt in der Kegelbahn und säuft sich einen an.“

Die Spottlieder haben Bullerjahn und Meyer überlebt. Sie wurden später zum Standardrepertoire der studentischen Verbindungen. Diese trugen die Lieder in den Ratskeller, wo sie lauthals gesungen wurden.

Der Bullerjahn im Ratskeller war geboren. Immer freitags trafen sich die Studenten, meist aus Verbindungen. „Der Bullerjahn wurde traditionell um Mitternacht gesungen. Ab 23.30 Uhr forderten ihn schon kleinere Gruppen, die Mehrheit lehnte lautstark ab. Um 24 Uhr stieg er dann begleitet durch Klappern mit Schlüsseln und Pfeifen. Anschließend sangen die einzelnen Korporationen eigene Lieder, die lautstärksten Sänger wurden durch die Kapelle unterstützt“, schreibt Stucken. „Zum Bullerjahn gehörte das Ambiente des Gewölbes des Ratskellers unter dem historischen Rathaus mit seinen mächtigen Pfeilern und der rustikalen Einrichtung mit den langen gescheuerten Tischen und der fünfköpfigen Ratskeller-Kapelle unter der Leitung von Heinz Meyer.“

Nach politischen Protesten gegen Verbindungen und ihre Traditionen, Querelen unter den Verbindungen in den 60er Jahren und einem Pächterwechsel Ende der 70er endete die Tradition des Bullerjahns im Ratskeller.

  Bullerjahn-Lieder
  Seit Beginn des Bullerjahns gehörten zwei Lieder zum Stammrepertoire des Abends: „Herr Direktor Bullerjahn ist da“ und „Willst du mit zum Deutschen Garten“. Beide Stücke hat Rudolph Bullerjahn selbst geschrieben. Ab wann „Violett, weiß, rot“ aufgenommen wurde ist nicht bekannt. Es wurde zur Melodie des Radetzkymarsches gesungen.
Herr Direktor Bullerjahn, Bullerjahn ist da. (3x)
Herr Direktor Bullerjahn, Bullerjahn, Bullerjahn, Herr Direktor Bullerjahn ist da.
Ist das nicht der wunderschöne Meyer? Ja das ist der schöne Meyer. (2x)
Herr Direktor Bullerjahn, Bullerjahn ist da.
Willst du mit zum Deutschen Garten?
Zick zack Bärenschinken.
Ich kann die Zeit kaum erwarten.
Zick Zack Bärenschinken.
Emma, Laura – zick-zack-zick-zack Bärenschinken.
Anna, Alma – zick-zack-zick-zack Bärenschinken.
Was gibt es doch für schöne Mädchen in Göttingen. (2x)
Violett, violett, violett, weiß, rot. Wir schlagen keinen Wingolf tot. (2x)
Ist Feuer, ist Feuer, ist Feuer in der Stadt ist keiner da ist keiner da an der Spritze. (2x)
Das ganze Rathaus steht in Flammen, das Rektorat ist in Gefahr.
Wir sind die Männer mit den Schläuchen.
Hurra, die Feuerwehr ist da (2x).
Die Mädchennamen im zweiten Lied wurden beliebig verändert. Das dritte Stück wurde ab Mitte der 50er Jahre nicht mehr gesungen. Die Studenten variierten seinen Text im Laufe der Zeit mehrmals.
(Quelle: Günther Stucken: Bullerjahn. Stadtarchiv)
  Rudolph Bullerjahn
  Der Dirigent Rudolph Bullerjahn wird am 13. Januar 1856 in Berlin geboren. Er erlernt das Geigenspiel, wird ausgebildet unter anderem in Komposition und Harmonielehre. Bereits mit 16 Jahren schloss er sein Studium ab. Seine Musikerkarriere beginnt als Mitglied in Orchestern in Berlin und Sondershausen. Der Dirigent Hans von Bülow schlägt Bullerjahn vor, eine Kapellmeisterlaufbahn einzuschlagen. Er bewirbt sich 1886 in Göttingen auf die Stelle des Musikdirektors. Der Rat der Stadt willigt ein, Bullerjahn tritt seine Stelle zum 1. Juli 1886 an und bezieht eine Wohnung im Haus Weender Straße 52, wo heute eine Gedenktafel an ihn erinnert. Dem neuen Göttinger Dirigenten stehen 25 Musiker zur Verfügung. Das Orchester spielt im Deutschen Garten (Reinhäuser Landstraße), im Saal der Union (heute Junges Theater), im Marwedelschen Garten (heute Stadthalle) und im Ausflugslokal Mariaspring (Eddigehausen). In seiner Göttinger Zeit komponiert Bullerjahn auch eigene Stücke.Wegen Querelen mit dem Rat um die finanzielle Ausstattung des Orchesters kehrt Bullerjahn Göttingen nach vier Jahren und einem Abschiedskonzert am 31. Mai den Rücken. 1890 geht er ins Baltikum, ein Jahr später nach Moskau. Es folgen Gastspiele in St. Petersburg, Brüssel, Kiew und Amerika. Bullerjahn stirbt am 7. Januar in Moskau.

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