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„Das selbstbewusste Lebensgefühl der Bürger der Stadt“

Ratskeller-Serie, Teil 1 „Das selbstbewusste Lebensgefühl der Bürger der Stadt“

Das Alte Rathaus in Göttingen – seit fast 740 Jahren dominiert das Gebäude das Stadtzentrum. Gut 30 Jahre nach der bisher letzten größeren Sanierung wird im Rathaus wieder gebaut. Mit Hotelier Olaf Feuerstein hat ein neuer Pächter den traditionsreichen Ratskeller übernommen.

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1270 erbaut: Das Alte Rathaus in Göttingen blickt auf eine 740-jährige Geschichte zurück.

Quelle: CR

In einer kleinen Serie stellt das Tageblatt die Geschichte des Rathauses und des Ratskellers vor, berichtet über den Umbau und stellt die Pläne für das neue Restaurant vor, das Ende Oktober eröffnen soll. Gebaut wird am Alten Göttinger Rathaus fast immer: Immer wieder wird im Lauf der Jahrhunderte angebaut, restauriert und umgestaltet. Mehr als 700 Jahre war das Haus Sitz des Göttinger Rates und der Verwaltung.

Für Jens-Uwe Brinkmann, ehemaliger Leiter des Städtischen Museums, steht der Außenbau des Alten Rathauses „mit seiner sparsamen Gliederung, die nur durch den Zinnenkranz mit dem Ecktürmchen auf Konsolen und durch die Laube Elemente formalen Reichtums ausbildet, für das selbstbewusste Lebensgefühl der Bürger der Stadt im Mittelalter“, schreibt er in seiner Broschüre „Altes Rathaus Göttingen“.

Mit dem Zinnenkranz und Ecktürmchen hätten sich die Göttinger an westeuropäischen Vorbildern orientiert. „An erster Stelle sind hier die Tuchhallen in Brügge zu nennen, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet wurden“, schreibt Brinkmann. Daneben zeigten das nach 1349 errichtete Rathaus in Köln und die um 1370 neugestaltete und systematisierte Rathausfassade zu Aachen vergleichbare Formen.

Die jetzige Form des Göttinger Rathauses geht auf den ersten großen Erweiterungsbau in den Jahren 1369 bis 1372 zurück. Bereits 1366 hatte Herzog Ernst I., Regent des Fürstentums Göttingen, den Göttinger Bürgern genehmigt, „dat se mughen buwen, setten unde maken ore kophus unde rathus to Gottingen in de straten, wur unde wurvene se willet unde des to rade werdet unde on dat even unde bequeme is“ (dass sie bauen, setzen und machen mögen ihr Kaufhaus und Rathaus zu Göttingen an der Straße und auf der Straße wo und wie sie wollen und beschließen und es ihnen recht und bequem ist).

In dieser Zeit wurden dem Rathaus im Westen die Räume der alten Dorntze und der Ratsküche angefügt. Diese neuen Räume sind für den Rat bestimmt. So dient die Dorntze für Sitzungen, in der Küche finden Verhandlungen zwischen Ratsmitgliedern und Gilden statt. Im Obergeschoss des Rathauses sind Pfandkammer, Rüstkammer und Zeughaus untergebracht. Der Dachboden dient dem Rat als Getreidelager. Aus der Zeit des Erweiterungsbaus stammen auch Zinnen und Ecktürmchen.

Die Ursprünge des Rathauses liegen rund 100 Jahre früher. Ganz exakt lässt sich der Baubeginn für das Rathaus allerdings nicht datieren. Untersuchungen des zum Bau verwendeten Holzes legen aber das Jahr 1270 nahe. Aber es ist nicht das erste Rathaus in Göttingen. „Eine Urkunde Herzog Ottos des Kindes vom Jahr 1231/1232 nennt zum ersten Mal consules et burgenses (Ratsherren und Bürger) Göttingens“, schreibt Brinkmann. Daraus lasse sich schließen, dass in dieser Zeit bereits ein Gebäude existiert hat, in dem sich der Rat zu seinen Beratungen versammelte. „Möglicherweise lag dieses erste Rathaus in der Reihe der heutigen Südbebauung des Marktplatzes.“

Nach dem großen Erweiterungsbau folgen weitere bauliche Veränderungen: Für 1394 sind Gefängnisse „undir dem kophus“ (unter dem Kaufhaus) vermerkt. In Kämmereirechnungen sind Täfelungsarbeiten in der Dorntze für das Jahr 1396 verzeichnet, der Turm des Rathauses wird dort 1399/1400 erstmals erwähnt. Im beginnenden 15. Jahrhundert wird die südliche Laube und die neue Dorntze gebaut. Das Gebäude wird nach Süden erweitert, zwischen 1415 und 1422 der Ratsweinkeller unter dem Rathaus fertig gestellt.

In den nächsten drei Jahrhunderten wird wenig am Rathaus verändert. Es wird restauriert und verschönert. 1540 gestaltet der Göttinger Maler Heinrich Heisen die Räume.
Gerade die zunehmende Armut der Stadt während des 30-Jährigen Krieges verhindert Bautätigkeiten. Truppen unter Wilhelm von Weimar verwüsten 1632 Halle und Erdgeschoss des Rathauses. Alle repräsentativen Veranstaltungen werden für lange Zeit ins Obergeschoss verlegt.
Zur Gründung der Göttinger Universität macht sich der Rat laut Brinkmann Gedanken „über eine grundlegende Wiederherstellung und Modernisierung der Architektur des Rathauses“. Pläne, die den Zinnenkranz und die Fensterpfosten beseitigen wollen und eineinheitliches Dach vorsehen, kommen nicht zu Ausführung. Nur der Außenbau wird 1737 gestrichen.

Ebenfalls nur ein Gedankenspiel bleibt 1897 das Vorhaben, die seit dem 15. Jahrhundert fast unveränderte Außenarchitektur zu vollenden. Eigens dafür wird ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem auch 67 Vorschläge eingehen. Aus finanziellen Gründen wird keiner von ihnen verwirklicht. „Lediglich die Putzschichten der verschiedenen Anstriche aus den vergangenen Jahrhunderten werden beseitigt; das Mauerwerk wird gründlich gereinigt und – ganz im Sinne der Zeit – nicht wieder neue verputzt“, beschreibt Brinkmann.

Bis zur Fertigstellung des Neuen Rathauses 1978 wurde das Alte Rathaus von der Stadt für Verwaltungszwecke genutzt. Dort arbeiteten der Oberstadtdirektor, sein allgemeiner Vertreter, der Stadtkämmerer, Teile der Haupt- und Organisationsverwaltung. In der Dorntze fanden Ausschusssitzungen statt. Mit Auszug der Verwaltung begann das bisher letzte große Sanierungsprojekt: der Umbau für die bis heute geltenden Nutzungen. So wird das erste Obergeschoss für Ausstellungen genutzt. Der Verein Göttingen Tourismus und die Tourist-Information arbeiten hier. Die große Halle dient für Kultur- und repräsentative Veranstaltungen.

Im März haben die jüngsten Umbauarbeiten begonnen: Der Ratskeller wird saniert. Der neue Pächter Olaf Feuerstein will Ende Oktober sein neues Restaurant im historischen Gewölbe eröffnen.

In der nächsten Folge: die Geschichte des Ratskellers.

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Getrunken und gesoffen wurde im Ratskeller viel und häufig. Das lag wohl auch an den Studenten, die den Gewölbekeller unter dem Alten Rathaus besonders ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu ihrer Stammkneipe erklärten.

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