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„Göttingen kauft man nicht in Göttingen“

Ratskellerserie, Teil 12 „Göttingen kauft man nicht in Göttingen“

Das Sammlerglück hat es gut mit Galerist Erhard Alberding gemeint. Im Internet auf der Seite eines süddeutschen Auktionshauses hat der Göttinger ein Bild aufgestöbert und ersteigert, das das Alte Rathaus in Göttingen zeigt. Keine vielerorts erhältliche Reproduktion bekannter Stiche, sondern ein Originalgemälde.

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Das Alte Rathaus zu Göttingen: gemalt vom Leipziger „Reklamekünstler“ Fritz Krösche-Apel.

Quelle: Repro: Hinzmann

Im zarten Blau spannt sich auf dem Gemälde der Himmel über das in Rot und Brauntönen gehaltene Rathaus. Im Hintergrund sind blass die Türme von St. Johannis zu erkennen. Auf dem Marktplatz stehen Menschen. Eine Kutsche und das Gänseliesel sind zu sehen.

So etwas in Göttingen zu finden, hält Alberding für unmöglich. „Hier ist Vergleichbares auf dem freien Markt nicht mehr zu bekommen“, sagt er „Göttingen kauft man nicht in Göttingen.“ Inzwischen hat Alberding das Bild edel gerahmt und Ratskellerpächter Olaf Feuerstein zum Kauf angeboten. „Das Bild gehört zum Alten Rathaus“, meint Alberding.

Vor allem die Maltechnik des Bildes hat es Alberding angetan: eine Guache, bei der sehr deckende Farben, aus Pigmenten wie Kreide und tierischem Hautleim als Bindemittel hergestellt werden. „Das ist nicht einfach“, sagt Alberding. Der Künstler müsse viel Ahnung gehabt haben, da die Farben nach dem Trocknen viel heller werden als im nassen Zustand. Auch Farbübergänge seien nicht leicht zu erzielen. Über die Entstehungszeit des Bildes lassen sich nur Vermutungen anstellen. Rechts oben in der Ecke des Bildes gibt es einen Hinweis auf den Maler: „Krösche-Apel“ steht dort.

Fritz Krösche-Apel wird am 27. März 1893 in Halle an der Saale geboren. An der Leipziger Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe studiert Krösche-Apel von 1909 bis 1914. Nach Auskunft von Marko Kuhn, Bibliotheksleiter des stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig, lebt Krösche-Apel zumindest zwischen 1924 und 1928 wieder in Leipzig. In den Leipziger Adressbücher wird er in dieser Zeit als Reklamekünstler geführt. Zu Beginn der 50er Jahre wohnt Krösche-Apel in Berlin. Über seinen Todestag ist nichts bekannt.

Krösche-Apel arbeitet als Buchillustrator. So gestaltet er im Auftrag des Leipziger Ostra-Verlages den Umschlag für Denis Diderots Sittenroman „Die Nonne“. Zwei Jahre später für den Leipziger Verlag Osterloh & Leutert das Umschlagsbild für „15 beliebte Opernmelodien in leichterer Spielart für Klavier“. Es zeigt ein Paar, das zu einem geöffneten Vorhang geht, durch den eine Gesellschaft in Sitzgruppen vor einer Bühne mit Musikern zu sehen ist. Bereits zwischen 1912 und 1914 illustriert er für die Reihe „Aus deutschen Landen“ die „deutsche Hochseeflotte bei schwerem Wetter“.

1914 zieht Krösche-Apel in den Krieg. Er kämpft im „10. Königlich Sächsisches Infanterie-Regiment Nr. 134“, das im sächsichen Plauen stationiert ist, in Nordfrankreich. Unter anderem bei Armentières an der französisch-deutschen Grenze. In den Feldakten findet sich eine Beschreibung der Kämpfe zwischen dem 21. Oktober und 26. November 1914: „Besonders heftig war der Kampf um den südlichen Teil von Frelinghien und insbesondere um die Brauerei daselbst, welche von schottischen Hochländern verteidigt wurde. Dort hatten besonders am 26. Oktober die Infanterieregimenter 133 und 134 einen besonderen Ruhmestag. Nachdem der Führer des zusammengesetzten Regiments, Major Larras, Infanterieregiment 104, am 21. Oktober bei einer Erkundung in Frelinghien gefallen war, übernahm Hauptmann Rühle von Lilienstern Infanterieregiment 134 die Führung dieses Regiments und führte am 26. Oktober das II./133 und II./134 zum erfolgreichen Angriff gegen die lang umstrittene Südbrauerei vor. Es ist schwer, von diesen Angriffskämpfen des Korps, die sich bis zur Mitte des Novembers ausdehnten, ein einheitliches Bild zu geben. Es waren in der Hauptsache verlustreiche Einzelkämpfe, in denen jedes Regiment für sich Schritt für Schritt Boden gewann. Oft lag man tagelang in flüchtig aufgeworfenen Schützengräben, dann ging es wieder in kühnem Losstürmen an einzelnen Stellen weiter vorwärts. Dabei haben alle Truppenteile an Angriffslust und Todesverachtung gewetteifert.“

Krösche-Apel verarbeitet diese Kriegserlebnisse künstlerisch. Für die Leipziger Illustrierte Zeitung fertigt er Zeichnungen an, die auch als Feldpostkarten unter den Soladten Absatz finden. Eine trägt den Titel „Während der Beschießung von La Houlette durch die Engländer“, eine andere zeigt das „Granatviertel“ in Frelinghien.

So drückend die Kriegszeichnungen Krösche-Apels wirken, so unbeschwert wirkt sein Gemälde des Alten Rathauses. „Ein hochtalentierter Maler“, urteilt Alberding mit Blick auf sein Fundstück. Demnächst soll das Bild im Gewölbekeller des Alten Rathauses hängen. Im Eingang zu den Toiletten.

Von Michael Brakemeier

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Ratskeller-Serie

Das Alte Rathaus in Göttingen – seit fast 740 Jahren dominiert das Gebäude das Stadtzentrum. Gut 30 Jahre nach der bisher größeren Sanierung wird im Rathaus wieder gebaut. Ende Oktober soll ein neues Restaurant eröffnen.