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Pachtgebote bei Kerzenschein

Ratskellerserie, Teil 3: Geschichte Pachtgebote bei Kerzenschein

Das Alte Rathaus in Göttingen – seit fast 740 Jahren dominiert das Gebäude das Stadtzentrum. Gut 30 Jahre nach der bisher letzten größeren Sanierung wird im Rathaus wieder gebaut. Mit den Hoteliers Olaf Feuerstein und Jörg Trilling haben neue Pächter den traditionsreichen Ratskeller übernommen. In einer kleinen Serie stellt das Tageblatt die Geschichte des Rathauses und des Ratskellers vor, berichtet über den Umbau und stellt die Pläne für das neue Restaurant vor, das Ende Oktober eröffnen soll.

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Schlicht, mit historischem Gewölbe: der Ratskeller nach dem Umbau 1957.

Quelle: Städtisches Museum

Der Ratskeller – für viele Göttinger ist er die gute Stube der Stadt. Das galt früher vielleicht noch mehr als heute. Das zeigt sich etwa in einem Grußwort der Stadt Göttingen, das 1955 der damalige Oberbürgermeister Hermann Föge (FDP) und Oberstadtdirektor Helmuth Kuß zum 550-jährigen Bestehen des „nygen winkellers“ entsandten: „Das Rathaus und mit ihm der Ratskeller sind seit altersher der Mittelpunkt des bürgerlichen Lebens und der bürgerlichen Geselligkeit. Der Ratskeller ist ein Ort der gemeinsamen Lebensfreude. Auch diese ist der Ausdruck eines echten Bürgertums. Die Formen der Geselligkeit wandeln sich, wie auch die Gesellschaft der Bürger sich wandelt, aber hinter allem Wechsel bleibt der Ratskeller eine Stätte des Frohsinns und des ernsten Gesprächs. Dass dies immer so sein möge“, schreibt die Göttinger Doppelspitze in der Festschrift zum Jubiläum.

Eine Woche lang wurde im Mai 1955 das Jubiläum gefeiert – mit Frühschoppenkonzert, einem Abend der Göttinger Stammtische, einem Maiball, Korporationsabend und Tanz auf dem Marktplatz. Damalige Pächterin war Marta Knopf. „Modern mit den neuesten Errungenschaften der gastronomischen Technik ausgestattet, sind Geschäftsleitung und Betriebsangehörige des Ratskellers ständig bemüht, allen Wünschen der Gästen gerecht zu werden“, schreibt Willi Kasten 1955 in der Festschrift. Und Wünsche gab es viele: So seien damals in den „sechs Sommermonaten“ im Schnitt 200 000 Glas Bier zu verzeichnen gewesen, zusätzlich zu den Flaschenweinen wurden jährlich rund 25 000 Schoppen ausgeschenkt.

Bereits im späten Mittelalter hatte der Rat der Stadt damit begonnen, den Keller unter dem Rathaus zu verpachten. Der älteste erhaltene Pachtvertrag stammt vom 22. April 1711: Darin war etwa festgeschrieben, dass der Pächter, der Göttinger Bürger Ernst Dines, „den Weinkeller und darin befindliche Gemächer so viel deren der vorige Pächter als Weinschencker inne gehabt, ebenfalls seiner besten Gelegenheit nach bewohnen und gebrauchen, darinnen Reinisch- und Francken-Wein wie auch Reinisch- und Frantz-Brantewein nebst frembden hier nicht gebrauten Geträncke privative und ohne das solches jemanden in der Stadt sonst erlaubet seyn soll verzzapfen, den Frantz-, Spanischen und übrige süße Weine aber nebst hiesiger Apotheke allein verschenken, anneben gemeien Fruchtbrantewein versellen, auch wohl allhier in Göttingen gebrauete Geträncke in Boutellen fassen und verkaufen, oder von seinen Leuten im Keller verschencken lassen möge“. Die Stadt verdiente an Dines Alkoholverkauf kräftig mit: Von den Einnahmen aus Bier-, Wein- und Branntweinverkauf war Dines verpflichtet, einen Teil an die Stadtkämmerei abzuführen.

Ebenfalls ist überliefert, wie in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Pacht neu ausgeschrieben wurde: „… so wird denjenigen welche jetzt besagten Weinkeller hinwieder zu pachten gewillet, hiemit kundt gemacht, daß sie sich vorbenannten Tages morgens umb 9 Uhr allhier zu Rathause einfinde, da dann bey angezündetre Kerze darauf licitiret, und dem jenigen, welcher bey Erlöschung derselben Kerze das mehrste gebotten, doch mit expressiven Vorbehalt, daß er wegen des zuzahlenden Pachtgeldes genug‑sahme, annehmliche und zulängliche Caution stelle, ohne fernere Licitation zugeschlagen, und auf drey Jahr verpachtet werden solle.“

Mit der offiziellen Eröffnung der Universität 1737 hatte die Regierung in Hannover immer wieder Anstrengungen unternommen, die Monopolstellung des Ratskellers zu durchbrechen. Der Rat der Stadt konnte es schließlich nicht verhindern, dass dem Ratskeller eine Universitätsweinschank an die Seite gestellt wurde. Der Beliebtheit des Ratskellers tat das indes keinen Abbruch. Rolf Hagen, Autor der Festschrift zum 550-jährigen Bestehen schreibt: „Um jene Zeit machte sich in Deutschland unter der trinkfreudigen Jugend eine erwähnenswerte Geschmacksänderung bemerkbar, denn der Wein verfiel immer mehr der Ungnade, und das Bier trat an seine Stelle.“ Hagen zitiert einen Chronisten, der noch 1754 über das studentische Leben berichtet: „… wenn man das entsetzliche Biergesöffe auf andern Universitäten bedencket, welches nicht allein niederträchtiger, sondern auch wegen des Überflusses theurer und schädlich ist, weil die Erfahrung lehret, daß an solchen Orten mancher junge Mensch zu Tode gesoffen wird, welches man von Göttingen nicht leicht sagen kann.“ Hagen kommentiert: „Der Schreiber ahnte nicht, dass auch die Göttinger studentische Jugend diesen Vorbildern bald nacheifern würde.“

Von Michael Brakemeier

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26 Jahre als Pächter

„Ich habe geheult wie ein Schlosshund.“ Nein, der Abschied von ihrem „Rathskeller“ ist Karin Ollhoff nicht leicht gefallen. Am 11. Februar 1984 haben sie und ihr Mann Peter den Schlüssel für die historische Gaststätte im Alten Rathaus als neue Pächter von der Stadt bekommen. Exakt 26 Jahre später, am 11. Februar 2010, haben sie ihn zurückgegeben. Ihr Mann pflichtet bei: „Die Emotionen waren da, als wir das letzte Mal die Tür abgeschlossen haben.“

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