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200 Euro Verlust jeden Tag

Thema des Tages 200 Euro Verlust jeden Tag

Der Milchpreis in Deutschland ist auf einen neuen Tiefstand gesunken. Die Molkereien bezahlen derzeit nur noch  20 Cent, in manchen Regionen sogar noch weniger pro Liter Milch an die Bauern. Familie Grünewald in Dransfeld erhält 21 Cent – viel zu wenig, um die Kosten zu decken.

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v.L. Daniel und Rainer Grünewald

Quelle: Theodoro da Silva

Dransfeld/Reyershausen. Die Grünewalds sind Landwirte aus Leidenschaft. Zu ihrem Betrieb gehört auch ein Milchviehstall, in dem rund 100 Milchkühe sowie 50 Kälber und Rinder leben. „Die Tiere produzieren täglich rund 3000 Liter Milch“, sagt Senior Rainer Grünewald. Gemolken wird morgens um 6 und noch einmal gegen 17 Uhr.

Preise sind vom Markt abhängig

Die Milch wird am frühen Morgen abgeholt und in eine Molkerei  der DMK-Gruppe (Deutsches Milchkontor) gebracht. Diese genossenschaftlich organisierte Molkerei ist nach eigenen Angaben die größte in Deutschland. „Wir bekommen 21 Cent pro Liter Milch, im Januar waren es noch 26, im März 24,5“, erklärt Junior Daniel Grünewald, der gemeinsam mit seinen Eltern den Betrieb bewirtschaftet. Die Grünewalds haben mit der DMK einen Zwei-Jahres-Vertrag abgeschlossen. Die Preise sind allerdings vom Markt abhängig.

Um wirtschaftlich Milch produzieren zu können, bräuchten die Grünewalds 35 Cent pro Liter Milch. „So legen wir zur Zeit täglich 200 Euro drauf“, sagt Rainer Grünewald. Der Familienbetrieb stehe auf mehreren landwirtschaftlichen Säulen, Ackerbau und die Biogasanlage fangen die Verluste eine Weile auf. Die Familie produziert ihr eigenes Tierfutter, zudem Energie für etwa 540 Haushalte.

Im Stall der Plesse-Milch-AG in Reyershausen, einem Zusammenschluss von sechs Landwirten aus der Region, stehen 640 Milchkühe. Auch Herbert Hardege von der Plesse-Milch sagt: „Beim Literpreis muss vorne eine Drei stehen."

Marktmacht der Discounter genau anschauen

Auch die Plesse-Milch verkauft an die DMK. Ein Milchbetrieb dieser Größenordnung muss wirtschaftlich arbeiten. „Wir gucken zur Zeit genau hin, welche Kühe nicht mehr produktiv sind“, sagt er. „Die müssen dann gehen. Hardege hält nichts von einer staatlichen Regulierung der Milchwirtschaft. Die Marktmacht der Discounter allerdings sollten die Politiker seiner Meinung nach genau anschauen.

„Der Milchpreis unterliegt ja immer wieder Schwankungen“, sagt Rainer Grünewald. Es seien viele Faktoren, die bei der Preisentwicklung eine Rolle spielen. Zum einen natürlich die deutschen Discountmärkte, die sich mit immer billigeren Milchpreisen gegenseitig unterbieten.

Die Discounter sind es, die die Milch bei den Molkereien kaufen. Wer das billigste Angebot macht, kann dort seine Ware absetzen. „Die DMK hat lange versucht, standhaft zu bleiben, aber ohne die Discounter geht es nicht.“ Zum anderen, so die Grünewalds, sei der Milchmarkt aber global. Wenn, wie aktuell, Absatzmärkte wie Russland oder China wegbrechen, führe all das zu Überangebot und den Niedrigpreisen. „Das geht schon an die Substanz.“

Das Sterben der Milchbauernhöfe geht weiter

Im Jahr 1965 waren es noch 3900 Landwirte, die im Landkreis Göttingen Milchvieh gehalten haben. „Manchmal waren das natürlich nur ein paar Tiere“, sagt Achim Hübner, Geschäftsführer des Landvolkes Göttingen. Dennoch hat sich Zahl in den vergangenen 50 Jahren rapide verringert. „Heute haben wir etwa 130 Landwirte, die noch melken“, so Hübner. Von 1965 bis 1970 war die Zahl bereits auf 1900, bis 1980 auf 976 zurück gegangen. 1990 war noch 470, 1995 395 und 2004 noch 195 Milchhöfe registriert.

Auch Hübner spricht sich gegen staatliche Eingriffe in den Milchmarkt aus. Was den Landwirten helfen könnte, sei aber generell der Abbau bürokratischer Hürden in der Tierhaltung.

Hübner rechnet damit, dass in den nächsten Jahren mindestens die Hälfte der 130 Milchviehhalter den Betrieb aufgibt. „Wenn die Preise so niedrig bleiben, werden es noch mehr sein“.

Dennoch: Die Familie liebt ihre Arbeit. 14, 15-Stunden-Tage in der Saison sind normal. „Für uns ist das Beruf und Hobby in einem“, sagt Mutter Heike Grünewald. „Wenn wir auf eine Feier eingeladen sind und eine Kuh kalbt, dann geht das vor“, sagt sie. Ohne diese Begeisterung ginge es nicht. Bei Grünewald stehen noch Kühe im Stall, die 13 Jahre oder älter sind.

Mal eben Kühe abschaffen und bei Bedarf wieder anschaffen - so einfach ist das nicht. Zumal, so Daniel Grünewald, die Unterhaltungskosten für 70 Kühe nicht viel höher seien als für 100. Stall, Maschinen, Personal, das alles laufe ja weiter.

In Deutschland habe es noch nie so gute Lebensmittel für einen so geringen Preis gegeben. In anderen Ländern wie Frankreich und Italien seien die Menschen bereit, für gute Produkte auch ordentliche Preise zu bezahlen. „Hoffentlich ist die Geiz-ist-geil-Mentalität in Deutschland irgendwann vorbei“, sagt Rainer Grünewald. Trotz der Niedrigpreise bestehen  – „das geht nur eine gewisse Zeit“, so Grünewald. Aber: „Ich denke, die Preise gehen auch wieder hoch.“

Gegen den Billigtrend: Erste Milchtankstelle im Landkreis

Gegen den Billigtrend: Die  Landwirtfamilie Timmermann kontert den Dumpingpreisen auf dem Milchmarkt mit einem im Landkreis Göttingen einzigartigen Angebot: Sie eröffnet am Montag die erste Milchtankstelle der Region.

„Der Milchpreis ist im Keller. Wir Landwirte bekommen gerade einmal 21 Cent für unsere Milch, während die Discounter ein solch hochwertiges Lebensmittel für 42 Cent je Liter verramschen“, so Landwirt Jens Timmermann. Das sei „ein Hohn für jeden Landwirt“. Deshalb nennt er das neue Projekt eine „Herzensangelegenheit“

An der Hauptstraße 35 wird die Milchtankstelle eröffnet. Dort kann man dann an sieben tagen pro Wochen von 8 bis 22 Uhr seine Milch direkt zapfen. „Unsere Kühe geben jeden Tag frische“, so Timmermann. Direkt nach dem Melken werde die Milchtankstelle täglich mit der frischen Kuhmilch befüllt. „Die Milch ist weder homogenisiert noch pasteurisiert“, sagt er. „Einfach Geld einwerfen, Gefäß in den Milchautomaten unter den Zapfhahn stellen, und los geht es“. Gleich nebenan im Stall und auf den Weiden können die Kunden übrigens den Kühen beim Grasen zuschauen.

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